Perfekt fahren mit MOTORRAD Teil 6: Schrecksekunde (Archivversion) Perfekt fahren mit MOTORRAD

Merkwürdige Dinge geschehen im Ernstfall. Beim Ausweichen eines vorfahrtnehmenden Autos vergißt der Fahrer, die Kupplung zu ziehen, mit stempelndem Hinterrad stürzt er. Ein anderer Fall: Während eines Sturzes - noch beim Rutschen - versucht der Fahrer aufzustehen. Der ursprüngliche Handlungsvorsatz läuft nicht so ab wie vorgesehen. Wie kommt das? Es liegt im Ernstfall nicht daran, daß der Motorradfahrer alles vorher Gelernte vergessen hat, sondern es geht um den Situationsdruck, im Extremfall um den Schreck. Ihm kommt gerade beim Motorradfahren eine große Bedeutung zu, viel größer, als gemeinhin angenommen. Er ist der eigentliche Feind. Häufig sind ja ein Sturz oder ein Unfall gar nicht die direkten Folgen irgendeines auslösenden Störereignisses, das nicht mehr zu bewältigen gewesen wäre; sondern das auslösende Störereignis hat nichts weiter ausgelöst als den Schreck des Fahrers, der daraufhin erst den eigentlichen Fehler machte, welcher zum Sturz oder Unfall führte. Meistens folgt nicht nur ein einziger Fehler auf den Schreck, sondern eine ganze Anzahl von Fehlern in dichtester Folge, so daß man von einer regelrechten Fehlerkaskade sprechen kann, die vom Schreck »gezündet« worden ist. Das auslösende Ereignis - das kann alles mögliche sein. Es kann von außen auf uns zukommen oder von uns selbst herbeigeführt sein: ein schleuderndes Auto, ein überraschender Linksabbieger, ein in der Kurve unvermittelt vor uns auftauchender großer Ölfleck, aber auch die plötzliche, wenn auch vielleicht falsche Einsicht, für eine Kurve zu schnell zu sein. Es gibt nun einmal zahllose Möglichkeiten zu erschrecken. Gewiß, manche Unfälle sind einfach unabwendbar, aber bei den vielen abwendbaren sind die allermeisten solche, bei denen der Schreck als Zwischenglied eine entscheidende Rolle für den weiteren Verlauf spielt. Wäre der Fahrer nicht erschrocken, mit dem auslösenden Ereignis allein wäre er zurecht gekommen - der Feind ist der Schreck. Was passiert, wenn der Fahrer erschrickt?Ein auch nur einigermaßen routinierter Fahrer steht in einer äußerst engen Verbindung mit seinem Motorrad. Es sind zahlreiche Regelkreise aufgebaut, in die jeweils Fahrzeug und Fahrer gemeinsam einbezogen sind, ohne daß der Fahrer sehr viel davon verspürt. Die Regelung selbst erfolgt äußerst feinfühlig über Automatismen mit mühsam antrainierten Verhaltensprogrammen. Je besser trainiert der Fahrer, desto feiner die Verflechtung zwischen Fahrer und Fahrzeug. Aus diesem feingewobenen System nun steigt der Fahrer, ob er will oder nicht, schlagartig aus, wenn er erschrickt. Dabei geschieht viel Schlimmeres, als man von außen auf den ersten Blick sehen kann. Die körperlichen Veränderungen betreffen vor allem die vegetativen Funktionen: Die Herzfrequenz schnellt hoch, die Atmung wird sofort flacher und verläuft gepreßt. Gleichzeitig spannt der Fahrer weite Bereiche seiner Muskulatur an, die Hände klammern sich an die Lenkergriffe, Zähne und Lippen sind zusammengepreßt, die Gesäßmuskeln angespannt. Der Blick »fällt herunter« und wird viel zu kurz. Was ist Schreck eigentlich? Schreck ist ein unlustbetonter Affekt, der als Reaktion auf ein plötzlich und überraschend eintretendes Ereignis auftritt, das als bedrohlich erlebt wird (aber nicht unbedingt auch objektiv bedrohlich sein muß). Da er ein Affekt ist, kann er kaum willentlich-verstandesmäßig beeinflußt werden. Wichtig sind die drei genannten Bedingungen: plötzlich, überraschend, bedrohlich. Plötzlich allein genügt nicht. Es gibt tausend plötzlich eintretende Ereignisse jeden Tag, die uns nicht im geringsten erschrecken. Alle drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit es zum Schreck kommt. Hier liegt der Schlüssel zu einem besseren Umgang mit der Schreckgefahr. Wenn es gelingt, eine dieser Voraussetzungen auszuschalten, ist die Gefahr gebannt. Ein schreckauslösendes Ereignis ist dann nicht mehr so überraschend, wenn wir auf dessen möglichen Eintritt vorbereitet sind. Es kommt dann zwar ebenso plötzlich, aber nicht mehr unerwartet, und es erschreckt uns deshalb nicht mehr. Und ein schreckauslösendes Ereignis, das wir schon mehrmals oder gar häufig erfolgreich bewältigt haben, ist uns vertraut, so daß wir es längst nicht als so bedrohlich erleben wie etwas völlig Unbekanntes. Der gut Trainierte wird also ungleich seltener erschrecken, denn er erlebt eine viel geringere Zahl von Ereignissen als bedrohlich. Das ist mit ein Grund dafür, warum bei Fahrertrainings ganz bestimmte Situationen systematisch geübt werden. Etwa Vollbremsungen auch aus sehr hohen Geschwindigkeiten, absichtliches Überbremsen und damit Blockieren hinten, kurzes Anreißen der Vorderradbremse bis zum Blockieren, Bremsen in der Kurve, ungewohnte Schräglagen auf der Kreisbahn bis zum Aufsetzen, Ausweichen vor Hinternissen mit und ohne vorherigem Bremsen. Werden diese Übungen unter sachkundiger Anleitung durchgeführt, dann ist das objektive Risiko minimal. Das erlebte Risiko dagegen ist zunächst hoch, baut sich jedoch bei Wiederholung rasch ab, und genau das ist das Ziel: Die Situation verliert ihre Bedrohlichkeit. Allerdings haben wir oben Ereignisse und Situationen kennengelernt, die viel zu gefährlich sind, als daß man sich durch absichtliches Herbeiführen mit ihnen vertraut machen könnte. Aber selbst bei diesen gibt es eine reelle Chance, unsere Ausgangslage zu verbessern. Wir können uns im mentalen Training (siehe Teil 2 dieser Serie in Heft 10/1997) durch intensives Vorstellen in möglichst entspanntem Zustand immer wieder mit einer solchen schreckauslösenden Situation konfrontieren und den richtigen Handlungsablauf mental einüben. Das ist die große Möglichkeit des mentalen Trainings! Mit dem mentalen Training, muß man nicht wie beim realen Training innehalten, weil das Trainieren zu gefährlich würde. Man denke an so haarige Situationen wie zum Beispiel Öl oder Splitt in einer Kurve mit Gegenverkehr. Da heißt die mental trainierbare Reaktion wieder: Legen, legen, legen, selbst wenn dabei die Haftgrenze überschritten wird, aber keinesfalls den Kurvenradius vergrößern. Erswchreckend genug.

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