Pierfrancesco Chili avanciert in Misano zum Superbike-WM-Favoriten (Archivversion)

Am 8. Mai 1982 – beim Training zum belgischen Formel-1-Grand-Prix in Zolder – verunglückt Gilles Villeneuve, der Held aller italienischen Motorsport-Fans, tödlich. Im italienischen Maggione beendet am gleichen Tag ein 17-jähriger Debütant mit einer Malanca 125 das erste Training eines Junior-Rennens als 84. Nach dem Qualifying steht er auf Rang acht, und im Rennen fährt der junge Pierfrancesco Chili auf Platz fünf.
18. April 2004 – Gilles Villeneuve ist unvergessen, sein Sohn Jacques war inzwischen Formel-1-Weltmeister und ist kürzlich vom aktiven Rennsport zurückgetreten. Frankie Chili, längst zum Idol für die Motorrad-Rennsportfans rund um den Globus geworden, fährt noch immer. Und in seiner 24. Saison vielleicht besser denn je.
Beim dritten Lauf zur Superbike-WM übernahm der bald 40-Jährige unter schwierigen nassen Streckenverhältnissen mit dem dritten Platz im ersten und einem unglaublichen Sieg im zweiten Rennen
auf seiner Heimstrecke Santamonica – die Familie seiner Frau betreibt im benachbarten Misano Adriatico einen Badestrandabschnitt – die Tabellenführung und sieht sich plötzlich in einer ganz neuen Rolle, der
eines Titelfavoriten. »Ich habe in 23 Rennjahren keinen einzigen Meistertitel gewonnen«, spielt Frankie den peinlich Berührten, »so gesehen ist es schon erstaunlich, dass ich überhaupt so viele Fans habe.«
Weniger Anhänger hat er derzeit wohl
in den oberen Etagen des Ducati-Werks. Der gebürtige Bologneser entriss dem in Misano blassen Ducati-Werksfahrer James
Toseland die WM-Führung, düpierte im zweiten Rennen auch den frischen Sieger aus dem ersten Lauf, Régis Laconi, der wie Toseland auf einer feinsten Werks-Ducati 999 F04 startet, ebenso Noriyuki Haga und Steve Martin auf bevorzugten Kunden-
Ducati 999.
Dabei trat Chili mit einem Motorrad an, dass es eigentlich gar nicht gibt. Denn nachdem er mit der neuen 999 einfach nicht klargekommen war, unternahm sein PSG-1-Team um Ex-125er-Grand-Prix-Fahrer Domenico Brigaglia die wildesten Versuche, die im Misano-Sieger-Motorrad gipfelten: Aus einer 998-R-Straßenmaschine und einem aktuellen 2004er-999-Superbike-Rennmotor, also mit 104 Millimeter Bohrung, bauten sie eine Waffe, die auf den ersten Blick wie die Replika einer 2002er-Werks-Maschine aussieht, mit dem bärenstarken neuen Motor aber auf der Geraden die 999 von Haga und Martin schlicht alt aussehen ließ. Und selbst die zehn Sekunden Rückstand auf Laconis Edelbike wurde von dem gelben Hybriden, zugegebenermaßen unterstützt von der auf der sehr langsam abtrocknenden Piste richtigen Reifenwahl, in den letzten sieben Runden förmlich pulverisiert. In der Finalrunde presste sich Chili vorbei, holte den Sieg sowie 20 Punkte Vorsprung in der WM-Tabelle.
Nur die Ducati-Öffentlichkeitsarbeiter wurden von der großen Frankie-Sympathiewelle nicht so richtig mitgerissen. »Wir sind nicht über das Projekt des PSG-1-Teams informiert und wissen auch nicht, welches Material sie verwenden«, so die dürre offizielle Erklärung.
Aber der Zündstoff ist offensichtlich. Die Ducatisti lieben nicht nur den alten Frankie, sondern viele teilen auch seine Abneigung gegen die Ducati 999. mtr

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