Pitlane: Motorradfestival Hockenheim Sonntags in Hockene

Badische Gelassenheit ist im Hockenheimer Motodrom für solch einen wilden Sonntagsmix genau das Richtige. Beispiel gefällig? 500-Kilometer-Hobby-Rennen trifft auf die wilde europäische Stuntriding-Elite. Ob das gut geht? Spannende Frage.

Foto: Jahn

Vielleicht sind es ja Veranstaltungen wie diese, Mitte Juli 2009 in Hockenheim, die ein bekannter Gesellschaftsphilosoph meinte, als er in seine Glaskugel blickte: "Industriegesellschaften heutiger Prägung müssen sich zukünftig über eine weitreichende Lebenszeiteinteilung vieler Menschen außerhalb einer Arbeitswelt Gedanken machen." Aha, verstehe. Seriensport statt Serienproduktion. Wheelie fahren statt Kisten stapeln.

Der ADAC-Hessen-Thüringen hat da vermutlich den Braten schon länger gerochen und organisiert einsfixdrei gemeinsam mit der Hockenheimring GmbH ein Motorradfestival. ADAC, ein oller, angemuffter Automobilapparat? Das war einmal. Zack, hallo Kunde - hier bist du König! Kommen Sie rüber, kommen Sie ran - hier können Sie mitmachen. Da flutscht es an der Anmeldung, immer ein freundliches Wort, und picke-packe voll ist das Starterfeld. Das Angebot Langstreckenrennen wirkt anziehend. Praktisch die Sommervariante der traditionellen 1000 Kilometer von Hockenheim. Le-Mans-Start, Zweierteams, frei wählbar, mit ein oder zwei Motorrädern - dann eben mit Transponderwechsel, Reifenwechsel und, und, und. Jubel, Trubel auf der Strecke, mehr oder weniger Serienmotorräder, verschiedene Klassen, und wen der allezeit aktive Rennleiter Torsten Witter als Ersten abwinkt, der hat gewonnen.

Okay, mehr als reichlich verkürzte Darstellung, aber Angaser die es wirklich interessiert, können es sich ja mal anschauen. Oder besser gleich selber fahren. Das ist der sprichwörtliche Motorsport zum Anfassen. Amateurniveau, aber dank motivierten Akteuren auch unterhaltsam. Ach ja, Thema Wertigkeit, Niveau, Bedeutung oder sonst was: Da zauberte die Hockenheimring GmbH mitsamt dem Drahtzieher Hanns-Martin Fraas ein ziemliches Überraschungsei in den Zeitplan dieses unterhaltsamen Wochenendes: Ganz unscheinbar stand "Stuntshow" in der Tabelle. Das klingt eher wie eine Clubheim-Vorführung als nach dem, was da tatsächlich geboten wurde: Was die Freeride-Finalisten auf der Hockenheimer Start- und Zielgeraden zeigten, war nämlich schlichtweg Weltklasse. Nichts anderes als eine hochgeniale Missachtung jedweder bekannter oder natürlicher Grenzen dessen, was mit einem Motorrad unter Normalakteuren erreichbar ist. Allein schon der Jury-Chef dieses erlesenen Wettbewerbs wäre jeden Kniefall wert. AC Farias, in Spanien lebender Brasilianer, Gottvater der Szene, zwirbelte schon vor vielen Jahren seine Motorräder so vollendet über den Asphalt, dass dem staunenden Publikum dabei die Bratwurst im Mund erkaltete.

Dabei wissen wir Deutschen gar nicht so richtig zu würdigen, dass wir einen Megachamp im eigenen Lande haben. Chris Pfeiffer, Großmeister des Stunt- und Freeriding ist einfach der Beste und Cleverste. Als forscher Wanderer zwischen Profisport und jugendlichem Streetstyle bleibt er immer glaubwürdig, ehrgeizig und im richtigen Moment schlagkräftig. Aus allen Teilen Europas krabbeln sie unter irgendeinem verbeulten Moped hervor, um ihn irgendwann vom Thron zu stoßen. Aber selbst das macht ihm irre Freude. "He, schau dich um, das ist inzwischen eine Szene wie BMX. Da fällt mir bald nichts mehr ein. Wie soll ich die schlagen?"

Ein wunderbar buntes Völkchen zeigt sich dort, mit allen Facetten des modernen Schwiegermutter-Alptraums. Im Prinzip so, wie es sich für Motorradfahrer eigentlich einmal gehörte: wild, laut und unbändig. Da wird der Pitbull angebunden, und dann drehen diese Freaks freihändig, Füße über den Lenker, auf dem Tank sitzend, auf dem Hinterrad, engste Pirouetten - ja, fast bis der Asphalt wegglüht. Um zu gewinnen, ist aber dann eher doch der organisierte Wettkampftyp gefragt. Oder vielleicht der Eiskunstläufer? Punkte von 1–10 pro Kampfrichter, Schwierigkeit, Schnelligkeit, Show, Kommunikation mit dem Publikum. Da macht der alte Fuchs Chris Pfeiffer mal ganz schnell den Sack mit den aufmüpfigen Flöhen wieder zu.

Wie könnte man diese Veranstaltung jetzt noch ausfeilen? Stichwort Lebenszeiteinteilung: Die Langstreckenfahrer müssen pro Runde 500 Meter Wheelie fahren, an dem anfallenden Kernschrott freuen sich die Schrauber, und die Stuntrider nutzen die KTM-Super Duke Battle als Slalomparcours. In diesem Sinne: Alla Gut!

Ergebnisse:

KTM Super Duke Battle, 1. Lauf: 1. Dirk Schnieders, 12 Runden in 22:50,974 min (=143,908 km/h), 2. Rico Löwe, +6,098 s, 3. Andreas Dehling +16,840 s, 4. Michael Roth, 5. Hendrik Ladiges; 2. Lauf: 1. Kai-Uwe Lenz, 9 Runden in 20:24,572 min (=120,835 km/h), 2. Löwe, +9,209 s, 3. Dehling, +12,248 s, 4. Schnieders, 5. Ladiges www.ktmsuperdukebattle.de

ADAC 500-km-Rennen: 1. Dirk Walter/Andreas Schäfer 110 Runden in 3h 31:02,356 min (=142,827 km/h), 2. Thomas Hödtke/Georg Spindler, +1 Rd., 3. Klaus Schmickel/Markus Kehrer, +20,870 s, 4. Thilo Remus/Alex Schiller, 5. Thorsten Junker/Michael Droste, 6. Gerold Anker/Julius Ilmberger, 7. Christian Treutlein/Jochen Volz, 8. Alexander Schul/Wolfram Heger, 9. P. Neubauer/A. Adamek

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