Polizei-Sicherheitstraining (Archivversion)

April, April

Fit in den Frühling wollten Polizisten in Tübingen fahren. Bis es dann arg weiß von oben kam. Doch im Unterschied zum April weiß die Polizei, was sie will.

Erschrocken ziehen Biker die Hand zum Gruß zurück: Polizeimotorräder. Dieser Montagmorgen Mitte April verheißt nichts Gutes: graue Wolken, feuchte Straßen, beißende Kälte. Und sechs Beamte der Landespolizeidirektion Tübingen. Die sich ihr zweitägiges Sicherheitstraining etwas anders, um nicht zu sagen: frühlingshafter vorgestellt haben. »Ich bin dieses Jahr noch keinen Tag ohne Regen gefahren«, brummelt Reinhold Keuchel vom Verkehrsdienst in Ulm. »Fußballspiele, Demonstrationen, stehender Verkehr. Mit dem Auto geht da gar nichts, mit dem Motorrad schon mehr.« Irrtum. Zunächst stehen die grün-weißen BMW nur im Hof vorm Fahrschulpavillon in Tübingen rum. Drinnen referiert Reinalt Schober, Ausbilder im ärztlichen Dienst der Landespolizeidirektion, über Schock und Wärmeverlust bei Unfallopfern, macht vor, wie man Gestürzten den Helm richtig abnimmt, und klagt: »Es gibt heutzutage über 30 verschiedene Verschlußsysteme.« Erste Hilfe ist neu im Sicherheitstraining der Polizei, seit im vergangenen Jahr ein schwerer Unfall in den eigenen Reihen den Saisonbeginn überschattete. Eine Golf-Fahrerin schoß den Ulmer Obermeister Joachim Thum ab. Lebensgefährliche Verletzungen, noch immer in der Reha-Klinik. Sein Ziel: »Wieder Dienst als Streifen- und Verkehrspolizist zu machen. Vielleicht auch auf dem Motorrad.« Wie schnell ein paar Hütchen und Pylonen schnöden Asphalt in eine fiese Hindernisbahn verwandeln können! Denn der Parcours geht nicht, wie weiland in der Fahrschule, brav geradeaus, er schlägt Haken, macht gegen Ende gnadenlos zu. Schneckenrennen. Maßarbeit von Gas, Fußbremse und Kupplung: Wer als letzter ankommt, hat gewonnen. »Motorradfahren ist halt nicht bloß Gasgeben auf der Verfolgungsfahrt«, verklickert Polizeihauptkommissar Dieter Wacker seinen sechs Kollegen. »Ihr müßt eure Kiste bei jeder Geschwindigkeit beherrschen.« Urplötzlich versinkt der Übungsplatz im Schneechaos. Fünfmarkstückgroße Flocken poppen herab, pappen Helmvisiere zu. Pause? Nichts da. Auch wenn einigen bei den Bremsübungen vor lauter Schnee mulmig und die schräge Lage immer vertikaler wird. Dieter Wacker ist darüber gar nicht unglücklich: »Die Leute sollen hier lernen, sich selbst einzuschätzen und ihre Schwächen zu finden.« Besonders im Frühjahr sei das wichtig, ergänzt Eckhard Kinzelmann, Polizeihauptmeister und Fahrlehrer: »Wer eine Zeitlang pausiert, kann nicht gleich wieder voll einsteigen. Das ist beim Motorradfahren wie bei jeder anderen Sportart auch.« Über typische Frühjahrs-Crashs müssen Kinzelmann und Wacker ihren Kollegen nicht viel erzählen. Polizeialltag. Der nächste Morgen zeigt sich hell und fast wolkenlos, so daß die Dienstfahrt auf die Schwäbische Alb für Mensch und Maschine zum Vergnügen wird. Fast. Split, vom Frost aufgebrochener Straßenbelag, Bitumenschmierereien. Biker-Fallen allerorts. »Erst mal defensiv fahren«, gibt Achim Bunz von der Verkehrsüberwachung in Tübingen als Devise aus. »An meine Form vom letzten Herbst muß ich mich erst wieder herantasten.« »Blamiert die Polizei nicht«, grient Dieter Wacker beim Abschied seine Kursteilnehmer an. »Die Kilometerleistungen im Polizeidienst sind enorm, und das oft unter sehr schwierigen Bedingungen.« Deshalb ist er alles andere als glücklich darüber, daß dieses Training vielleicht das letzte der Landespolizeidirektion gewesen sein könnte. Weil das gesamte Fahrschulwesen in Baden-Württemberg der Bereitschaftspolizei zugeschlagen werden soll.
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»Motorradfahren ist nicht Gasgeben auf Verfolgungsjagd. Ihr müßt die Kiste bei jeder Geschwindigkeit beherrschen“

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