Polnische Speedway-Liga (Archivversion)

Pol-Position

Zehntausende Fans in ausverkauften Stadien, TV-Übertragungen auf mehreren Kanälen. Die Akteure werden nahezu vergöttert. Fußball im Ruhrpott? Denkste: Speedway in Polen - mit der stärksten Liga der Welt.

Ein Sonntag morgen in der Innenstadt von Bydgoszcz. Leergefegte Straßen, die typische Tristesse einer polnischen Industriestadt, mit einer viertel Million Einwohner eine der größten des Landes. Die Bewohner des ehemaligen Bromberg sitzen dennoch nicht zu Hause: Man findet sie in den zahlreichen Gotteshäusern der Stadt - oder davor, denn Polens Kirchen sind sonntags bei jeder der vier bis fünf Messen am Vormittag überfüllt. Nach dem obligatorischen Kirchgang führt der Weg keineswegs direkt nach Hause, sondern für die meisten (männlichen) Christen des Landes in eine der noch zahlreicheren Kneipen. Und von dort geht´s spätestens um 15 Uhr ins zentrale Stadion BKS. Aber nicht zum Fußball, denn Speedway heißt das neue Zauberwort in Polens Sportwelt. Der hiesige Club »Polonia-Jutrzenka Bydgoszcz” ist einer von zehn Vereinen der ersten polnischen Speedway-Liga, holte 1992 die Meisterschaft und hat in seinem Kader den Megastar im polnischen Sport, der einen gottähnlichen Status genießt: Tomasz Gollob, 25 Jahre, Seriensieger, sechsfacher Landesmeister und Polens einziger Grand Prix-Teilnehmer. Heute heißt der Gegner des Ligamatches Polonia-Philips Pila. Die Kleinstadt Pila liegt nur 60 Kilometer westlich von Bydgoszcz; das Rennen gilt daher als Lokalderby. Pila fuhr bis vor drei Jahren in der zweiten Liga. Mit Sponsor Philips im Rücken und Hans Nielsen, einem der weltbesten Drifter im Team, stiegen sie ins Oberhaus auf. Schon in der zweiten Division hatte der Däne gemäß Insider-Angaben als einziger Liga-Pilot in Polen einen Fixvertrag: 4500 US-Dollar Antrittsprämie soll er vom Verein pro Match kassieren, egal ob er gewinnt oder hinterherfährt. Der 21fache Weltmeister selbst möchte sich dazu nicht auslassen, räumt aber ein: »Ja, auch finanziell gesehen ist die polnische Liga die beste.” Nielsen tut sich seit zwei Jahren den Streß der einst so hochgelobten Britischen Liga nicht mehr an. Er fährt nur in seiner Heimat Dänemark - und in Polen. Es ist 14.30 Uhr. Der Hauptdarsteller betritt die Arena: Tomasz Gollob passiert mit seinem Transporter ohne Stopp die zahlreichen Kontrollposten zum Fahrerlager. Vor dem durch einen hohen Zaun abgegrenzten Areal haben sich einige Dutzend »Hardcore-Fans” positioniert. «Tomasz, wir lieben dich, du wirst es ihnen zeigen, du wirst sie vernichten” tönt es aus der einen Ecke. «Gollob, du Bastard, wir besiegen dich, verrecken sollst du”, schreit es von der anderen Seite zurück. Gollob, der als erster Fahrer seit dem letzten polnischen WM-Titel von Jerzy Szczakiel vor 23 Jahren mit der Speedway-Weltelite aus England, Dänemark und den USA mithalten kann, galt bis Ende 1995 als Ikone in der polnischen Sportwelt. Als Bester in der zuschauerstärksten Sportart Polens war er so populär wie hierzulande Boris Becker oder Michael Schumacher. Doch einige Ereignisse polarisierten vorletztes Jahr die öffentliche polnische Meinung zum Thema Gollob: Im Grand Prix-Wettbwerb machte sich der ehemalige Moto Cross-Pilot den Weg öfter mit der Brechstange als mit geschicktem Gasdosieren frei. Die Stimmung eskalierte beim London-GP 1995, als der Australier Craig Boyce, gerade unsanft vom Polen vom Motorrad katapultiert, sich mit einem zielsicheren Fausthieb durch Gollobs Helmvisier revanchierte. Für das Finale der Mannschafts-WM, das im September 1995 auf Gollobs Heimbahn in Bydgoszcz ausgetragen wurde, hievte er seinen älteren Bruder Jacek gegen potentere Kandidaten ins Team. Statt endlich wieder den WM-Titel nach Polen zu holen, wurden die Gastgeber abgeschlagen Sechste, weil Tomasz technische Probleme hatte und Jacek Gollob der Drift-Elite nicht folgen konnte. In seiner Heimatstadt ist Gollob (noch) unumstritten. Um Punkt 16 Uhr beginnt der erste Ligalauf gegen Pila. Die Einheimischen verwandeln das Oval in einen Hexenkessel, obwohl die 20 000 Zuschauer fassende Arena diesmal nur zur Hälfte gefüllt ist. Enttäuschend, denn im Durchschnitt kommen zu den Speedwayrennen in Polen 15 000 bis 20 000 Fans - in der ersten wie in der zweiten Liga. Die Fußball-Spiele der ersten Liga in Polen haben übrigens nur einen Zuschauerschnitt von 6000. Bydgoszcz hat eine schlechte Saison gefahren, muß gegen Pila gewinnen, um überhaupt noch unter die ersten Sechs der Tabelle zu kommen, die sich für die Play-Off-Runde um die Meisterschaft qualifizieren. Als die Gastgeber den ersten von 15 Läufen mit 5:1 Punkten gewinnen, verwandelt sich das Rund in ein Tollhaus, Klopapierrollen fliegen über die Bahn. Später, in einer der kurzen Bahndienstpausen, bricht plötzlich ein gellendes Pfeiffkonzert los: Der Radioreporter der Live-Reportage aus Wroclaw, den Tausende von Stadionbesuchern am Ohr haben, hat vermeldet, daß Apator Torun in Wroclaw die Führung übernommen hat. Torun ist der Lokalrivale von Bydgoszcz, und den Brombergern liegt nichts mehr am Herzen als eine Niederlage für dieses Team - gleichsam wie bei den Ruhrpott-Rivalen Dortmund und Schalke. Wenn Torun in Bydgoszcz startet, werden die Fans vorsichtshalber gleich per Polizeieskorte aus ihrer Heimatstadt abgeholt. Von den Ligarennen gibt es im staatlichen polnischen Fernsehen jeden Sonntagabend Kurzberichte. Die regionale TV-Station zeigt jedes Polonia-Heimrennen in voller Länge. Und der Privatsender POLSAT - über Satellit auch bei uns zu empfangen - bringt jeden Dienstagabend einstündige Zusammenfassungen aller Ligabegegnungen vom Wochenende. POLSAT-Besitzer Andrzej Rusko, natürlich ein bessesener Speedway-Fan, hat sich neben den TV-Rechten gleich auch noch einen eigenen Club gekauft: Atlas-POLSAT Wroclaw wurde 1995 Ligameister. Bei soviel Publicity ist es kein Wunder, daß die Sponsoren bei polnischen Speedway-Vereinen Schlange stehen: Quasi jeder Liga-Club hat eine heimische Bierbrauerei als Geldquelle. Neben großen westlichen Firmen stecken auch private Mäzene reichlich Geld in die Driftliga: Geschäftsleute wie POLSAT-Boß Rusko etwa, die einst in die USA emigrierten und nach der politischen Wende wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Das Rennen in Bydgoszcz gewinnen übrigens die Gastgeber mit 47:43. Das heimische Publikum ist versöhnt. Im völlig unbedeutenden letzten Lauf stürzt Tomasz Gollob beim Prestigeduell gegen Hans Nielsen und bricht sich den Unterarm an. Er wird im Privatwagen mit getönten Scheiben unbemerkt aus dem Fahrerlager heraus ins Krankenhaus geschleust. Das Bild des gestrauchelten Helden paßt nicht in die Landschaft der polnischen Zuzel-Heldensagen. Die Woche darauf fährt Gollob in Gorzow wieder für seinen Club - mit einer Gipsmanschette.Dieses Jahr haben übrigens auch Brandenburger, die in Grenznähe wohnen, die Chance auf einen sonntäglichen Speedway-Trip nach Polen: In Witnica beim Grenzort Küstrin wird 1997 ein neuer Club starten. Doch Interessenten sollten früh dort sein: Zu einem ersten Training kamen 1996 in das neuerbaute Stadion bereits 20 000 Zuschauer...
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Interview (Archivversion) - «Ich will in der stärksten Liga der Welt fahren“

Die Rennen in Polen genießen für Tomasz Gollob oberste Priorität - sogar vor WM-Läufen.
? Trotz Ihrer Popularität fühlten Sie sich von den Medien und der Öffentlichkeit in Polen nicht immer gerecht behandelt. Wo ordnen Sie sich selbst in der Sporthierarchie Ihres Landes ein? Man kann sagen, daß ich zu den zehn bekanntesten Sportlern in Polen gehöre. Bei den Sportlerwahlen in unserem Land war ich in den letzten Jahren immer in den Top-ten. Leider habendie Journalisten die Olympia-Teilnehmer bevorzugt, obwohl Speedway die Sportart Nummer eins ist.? Normalerweise bereitet Ihr Vater die Motoren vor. Sie haben aber auch mit den Triebwerken verschiedener Tuner experimentiert - zum Beispiel denen vom ehemaligen Weltmeister Egon Müller. 1995 waren Sie bei zwei Rennen mit Müller-Motoren unterwegs, sind dann aber im selben Jahr bei der Grand Prix-Qualifikation in Lonigo mit eigenem Material ausgeschieden. Das war wohl ein großer Fehler? Ich bin damals nur einmal in Vojens mit Müllers Motoren gefahren. Dort waren sie gut. Ansonsten konnte ich mir das finanziell nicht leisten, denn mir hat noch kein Tuner solche Preise genannt wie Egon Müller. ? Warum fahren Sie eigentlich keine Langbahnrennen mehr? In Deutschland würde sich mancher Veranstalter nach einem Gollob die Finger lecken... Ich habe darauf verzichtet, weil die WM-Läufe mit der polnischen Liga kollidieren. Ich fahre lieber Speedway, denn für die Langbahn braucht man Topmaterial. An freien Terminen würde ich gern einige freie Rennen fahren, auf Bahnen, wo das Material nicht so wichtig ist. Aber in der Langbahn-WM starte ich nicht mehr.? In England und Schweden fahren Sie auch nicht. Auf wieviel Rennen kommen Sie denn im Jahr? Zwischen 90 und 100. Wenn ich in England fahren würde, müßte ich auf ein paar Rennen in Polen verzichten. Das ist derzeit noch unmöglich. Ich will in der stärksten Liga der Welt fahren, und die spielt sich momentan hier in meiner Heimat ab.

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