Porträt Alan B. Forbes (Archivversion) Weiße Rothaut

Engländer gründete in Schottland Indian-Reservat.

Alan erinnert sich noch genau an windelige Zeiten: »Das erste, was ich – neben meinem eigenen Geschrei – wahrnahm, war das bollernde Dröhnen großer Viertakt-Maschinen.« Solch frühkindliche Erfahrungen prägen bekanntlich. Dennoch spielte Allan mit sechs Jahren Indianerles. Weil er sie einfach klasse fand – diese bunten Fransen und nietenbeschlagenen Satteltaschen. Die freilich keine Mustangs zierten. »Eine neue Welt tat sich mir auf: die Bikes mit dem Indianerkopf auf dem Tank.« Wann immer er Zeit hatte, schlich sich Alan zu einem amerikanischen Fliegerhorst nördlich von London, wo die schweren Indian-Vierzylindermaschinen zwischen monströsen Straßenkreuzern prunkten.Anno 1971 zog er nach Edinburgh. Des Studiums an einem Art College wegen, einer Kunsthochschule. Das Schöne an dieser akademischer Ausbildung besteht zweifelsohne darin, dass sie genügend Zeit für interessantere Beschäftigungen lässt. Motorradfahren zum Beispiel. »Alte Triumph und BSA gab’s für kleines Geld. Wie kauften die Dinger, gondelten damit in Schottland herum.« Glückliche, unbeschwerte Tage. Bis Alan in einer Tageszeitung eine 47er-Chief inseriert sah. Er ließ alle Seminare sausen, kaufte seinen Traum. Der fuhr – noch. Bei seinen verzweifelten Versuchen, Teile zu akquirieren, stand Alan dann aber oft genug da wie der Ochs vorm Berg oder der Indianer vor der Parfümerie. »Indian – ist das nicht diese Harley, die sie in Indien in Lizenz bauen?« Um den Bekanntheitsgrad der Marke – einst Amerikas größte – war es wahrlich nicht zum besten bestellt. 1952 musste das Werk in Springfield, Massachusetts, seine Tore schließen. Ausgetrickst von den Harley-Davidson-Managern, die sich das profitable Rüstungsgeschäft mit der US-Army exklusiv unter den Nagel gerissen hatten. Mit ihren gewaltigen Kotflügeln und Art-deco-Details blieben die »Fours« zwar das repräsentative Motorrad für den sportlichen Gentleman. Doch mit dieser immer seltener werdenden Spezies starben auch die Indians aus.Zum Leidwesen Alan Forbes’, der, um seiner Indian-Passion zu frönen, die Leiche nunmehr reanimieren musste. Er korrespondierte mit Indianer-Freunden weltweit, ließ Teile nachfertigen, um den Motor auf seiner Werkbank wieder zum Laufen zu bringen. Nebenbei werkelte er an seiner Abschlussarbeit am Art College. Thema: Buntglasfenster. Während er dabei den Durchblick verlor - haben farbige Scheiben so an sich -, geriet seine Sicht auf Indian immer klarer. »Ich begann, Kunden mit originalen und nachgebauten Teilen zu beliefern.«Okay, nebenher schrieb er noch Popsongs. Gehört sich so für einen Art-College-Absolventen. Mick Jagger war so’n Kandidat, dann Eric Clapton, Roxy Music sowieso. Und Alan, wenngleich etwas weniger erfolgreich, eben auch. »Bis zu dem Tage, an dem mich mein Steuerberater darauf aufmerksam machte, dass mein Indian-Business ja wohl der Dimension eines Hobbys entfleucht sei.«Weswegen er die Gitarre an den Nagel hängte und 1975 endlich einen Laden in der West Scotland Street Lane mietete. In Edinburgh, wo sonst. Die Hauptstadt Schottlands hatte es dem Engländer derart angetan, dass er nie wieder weg wollte. »Anfangs lief ich da nur mit offenem Mund und großen Augen durch die Straßen. Kaum Spuren moderner Stadtplanung und Kunst an jeder Ecke.« Bei Alan dominieren Skulpturen aus den 50ern: öltropfender Ford-Lieferwagen, Chief im Schaufenster, stumpfe Emailschilder, grauer Granit, Holzfenster und verschnörkelte Straßenlaternen.Moto Lux heißt seine Indian Reservation. In der Alan, ein begnadeter Artenschützer, dezent Nachzucht betreibt. Mit einer Eigenkonstruktion. Nicht unter dem Namen Indian. Den haben irgendwelche Amis okkupiert. Alans Dakota – Pate stand ein Sioux-Stamm – entpuppt sich als brillanter Bastard aus gestern und heute. Mit Fußschaltung, E-Starter, souveränem Durchzug und einem 1845 cm3 mächtigen V4. Der schafft das cruisertypische Tempo 100 mit spärlichen 2000 Umdrehungen im vierten Gang. »Meine Kunden haben oft schon zwei oder drei Harley und wollen nun etwas anderes.« Ein rares Vehikel für Typen, die es sich erlauben können, ihre Träume realisieren zu lassen. Doch Alan besorgt auch den Stoff, den der Bastler braucht, um Indian am Laufen zu halten. Denn ohne Ersatzteile geht die Tradition zugrunde, in der sein Neuentwurf steht. Wer wüsste das besser als Alan?

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