Porträt Alfons Broekmann (Archivversion) Der Gummistiefelmann

Sein Lebenselixier ist die Nordschleife.

Die Verkleidungsscheibe der FZR 1000 lässt keinen Blick nach vorne mehr zu. Eine dicke Schmutzschicht überzieht das Motorrad wie ein schützender Schleier . Es steht auf einer Terrasse. Im Freien. In Pulheim westlich von Köln. Dort wohnt Alfons Broekmann.Alfons Broekmann? Den Freaks, die zum Nürburgring pilgern, um die legendäre Nordschleife unter die Räder zu nehmen, ist Alfons nur als Gummistiefelmann bekannt. »Das mit den Gummistiefeln ist so ´ne Entwicklung«, sagt der 48-Jährige, zu dessen Markenzeichen die schwarzen, mit Stahleinlagen verstärkten Wassertreter geworden sind, die er bei all seinen Runden auf der Nordschleife trägt. Und davon sind in den letzten 20 Jahren schon ein paar tausend zusammengekommen. »Zuerst hatte ich einfach keine Kohle, um mir richtige Motorradstiefel zu kaufen«, erklärt er, während er sich genüsslich ein Stück Schokolade in den Mund schiebt. »Aber dann habe ich gemerkt, dass Gummistiefel praktisch sind. Die kann man abfahren, ohne dass sie gleich auseinander fallen. Und bei Schuhgröße 47 setzt du halt verdammt schnell auf.«Für Alfons ist das Fahren auf der Nordschleife mehr als ein Hobby. Als er damit anfing, steckte er in einer tiefen Krise. »Ich hatte viel Haschisch geraucht und LSD genommen«, blickt er zurück. »Mit 28 war ich psychisch fertig.« Sein Aufbaumittel: die Ringfahrerei. »Am Anfang war’s ´ne Beschäftigungstherapie. Sonst wäre ich wohl in ein Loch gefallen.« Heute ist es wie eine Sucht. »Wenn draußen schönes Wetter ist, macht es mich krank, wenn ich nicht zum Ring kann.«Höchstgeschwindigkeit? Für Alfons nicht das Wesentliche. Ihm haben es die Schräglagen angetan: Hart in die Kurven bremsen, die Maschine abwinkeln und die Flanken der Gummistiefel bis auf die Metallkappen abschleifen. Fast scheint es, als wolle Alfons aufspringen und vormachen, wie´s geht. »Das ist Glück pur«, strahlt er. »Und nach ´ner guten Runde ein Stück Schokolade und ´ne gute Zigarette - was will man mehr?«Dafür braucht Alfons auch keinen Extremsportler. Entspannt will er sitzen, sich nicht über Lenkerstummel krümmen. »Ein normaler Lenker und Windschutz waren mir immer wichtig. So manche Verkleidung hab´ ich mir darum schon selber zusammengebastelt. Manchmal sahen meine Motorräder richtig hässlich aus«, schmunzelt der Rheinländer. Und sie waren immer dreckig. »So was muss einfach gebraucht aussehen, wie ein Schuh, der getragen ist.«Dass Alfons deshalb am Ring oft belächelt wird, kümmert ihn nicht. Er war seit jeher ein Querdenker. Das gut katholische Elternhaus war ihm schon früh zu eng. Die Abneigung des Vaters gegenüber Motorrädern provozierte den damals 17-Jährigen zum Kauf seines ersten Zweirads, eine NSU Lux. Für 50 Mark, die er sich von seinen vier Geschwistern gepumpt hatte. Und eine geregelte Arbeit ist für Alfons nicht das Wichtigste im Leben. Der gelernte technische Zeichner jobte früher als Lagerarbeiter. Bis sich aufgrund der Nordschleifenbesuche auch sein Berufsleben veränderte. »Ich hatte bei Unfällen auf dem Ring geholfen«, erklärt Alfons, während ein weiteres Stück Schokolade in seinem Mund verschwindet. »Das kann ich. Es gibt mir was, obwohl ich meinen Mitmenschen sonst lieber aus dem Weg gehe.« Vor sieben Jahren schulte er zum Rettungssanitäter um. Der angenehme Nebeneffekt: »Ich hab’ Schichtdienst. Meine Arbeit versuch’ ich immer so zu legen, dass ich frei hab’, wenn die Nordschleife geöffnet ist. Die knapp 100 Kilometer bis dahin sind ja ein Klacks.«Alfons selbst hat’s auf der Nordschleife auch schon auf die Nase gelegt. Zum Glück hat er sich dabei nie richtig schwer verletzt. Seiner Frau allerdings reicht’s, sie begleitet ihn nicht mehr zum Ring. Für ihn selbst ist seine Jahreskarte aber noch immer der Schlüssel zum Paradies. »Mann, das ist auch so eine Story«, sprudelt es aus ihm heraus. »Früher gab es so ´ne Karte nur für Lizenzfahrer.« Lizenz und Karte musste man gegen teures Geld verlängern lassen. »Da hab’ ich mit den Verantwortlichen gesprochen und denen klar gemacht, dass sie viel mehr Geld verdienen können, wenn sie auch Leute ohne Lizenz auf die Nordschleife lassen.« Typisch Gummistiefelmann.

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