Porträt Andreas Löffelad (Archivversion) Nix für Hugo

Ausgerechnet in Metzingen, wo vorm Fabrikverkauf von Hugo Boss fürchterlich dynamische Herrlein schnäppchenheischend ihren Dreier-BMW entfleuchen, startet Rockerpresi Löffel eine neue Karriere - als Rockmanager.

Den Weg zum Hugo kann Löffel sich sparen. Er ist sein eigener Boss. Grient über Konvention und Konfektion. Schwebt im Helikopter über Luckau, wo die Hells Angels ihre German Bike Week zelebrieren. Löffel hat sie mitorganisiert. Zusammen mit Willi Wrede. Dem smarten. Willi, der ihn vor anderthalb Jahren vom Bau geholt hat, wo Löffel in proletarischeren Zeiten Heizungen installierte. »Ich bin in einem Haifischbecken gelandet, in der Musikbranche geht’s meist nur um Kohle«, analysiert Löffel seine neue Position.Das irritiert ihn, den bodenständigen Ostälbler, den Malocher, den Presi des MC Wild Tigers Ellwangen, der mit seinen Jungs zu den Festivals konvoite, Schweinebäuche auf den Grill schmiss, sich mal mehr, mal weniger gepflegt zuschüttete und seinen Hardrock-Idolen zujubelte. »Heute trinke ich, der reine Wahnsinn, mit denen nach der Show ein Bier.« Wenn Löffel dann die Welt nicht mehr versteht, gibt’s da zum Glück noch den Willi, der sie ihm erklärt. »Beim Pinkeln gehen selbst die größten Stars leicht in die Knie.« Willi, ehedem Chefredakteur der Fachpostille »Metal Hammer«, kennt die Branche aus dem Effeff. Die Ehe stiftenden Kuschelrock-CDs - ein lukrativer Geistesblitz von ihm. Mit Schlager-Fuzzi Ralph Siegel betreibt er einen gemeinsamen Musikverlag. Und von AC/DC bis ZZ Top hat er fast alle Megaseller im Heavy- und Hardrockgenre mit seinen promoterischen Fähigkeiten alimentiert. Eben dieser mit ziemlich vielen Wassern gewaschene Willi wollte eines Tages nur noch eins: Löffel.Denn Willi, Chef des Musikdienstleisters Point of Music, hatte seinen jetzigen Kompagnon vor Ort studiert. Beim Street Meeting der Wild Tigers in Ellwangen. Löffels Ding. Als er eines denkwürdigen Tags aus dem Clubhaus die trostlose Bahnhofstraße in Ellwangen beäugte, da deuchte ihm, dass die Zeit gekommen sei, dieses Stück industriebrachiger Kleinstadttristesse zumindest ein Wochenende im Jahr - Löffel beschloss, das zweite im Mai solle es sein für immerdar - mit fidelem Biker-Umtrieb zu erquicken. Gedacht, getan. Löffel quatschte dem Ordnungsamt die Sperrung der Straße ab, entwarf Plakate, formulierte Pressetexte, kalkulierte Bier-, Wurst-, Käsesahnetortenpreise und - dies der Gipfel des Schaffer- und Machermarathons: Löffel, der vom Hardrock enthusiasmierte Rocker, engagierte die Bands. Anno 2001 dachten die Member der Wild Tigers, jetzt sticht ihn der Hafer. Löffel wollte Bonfire fürs Street Meeting krallen, eine der deutschen Heavy-Legenden und eigentlich zu groß und zu teuer für ‘ne Party in tiefer Provinz. »Notfalls hätt’ ich aus meiner eigenen Schatulle was draufgelegt, wenn die Chose in die Hose gegangen wäre’«, erinnert sich Löffel an den Deal, der sein Leben veränderte. Wie’s das Schicksal wollte, arbeitete Willi für die Band. Und Löffel, der Fan, ziert jetzt das Booklet von Bonfires Live-CD: »Eventmanagement Andreas Löffelad«.Seit dem zarten Alter von 15, als Löffel und die anderen Mopedrocker aus seinem Heimatdorf den Roadranger MC gründeten, fightet er for the right to party. »Was mag der Löffel erst draufhaben, wenn der in professionellen Strukturen arbeitet?« mag sich Willi überlegt haben. »Das erste, was dieser klasse Typ, der mein Freund geworden ist, lernen musste«, präzisiert er, »das ist das Delegieren, das Kommunizieren.« Bis heute fällt das Löffel manchmal schwer. Der nicht nur seinen Wild Tigers, sondern auch befreundeten Clubs die Feste inszenierte. Mädels, die sich ausziehen und auch ansonsten nicht gerade jugendfrei agieren, gehören in dieser von Männlichkeitsriten geprägten Subkultur zum Bölkstoffvernichten unbedingt dazu. Als Löffel im Laufe seiner Freundschafts- und Partydienste immer öfter die frustrierende Erfahrung machen musste, dass einige der Stripperinnen entweder zu spät oder gar nicht oder in einer körperlicher Befindlichkeit antanzten, die er, als maitre de plaisier, des Entblößens nicht für würdig erachtete, entschied er, dass es angebracht sein könnte, sich mit den hübschesten Aktricen anzufreunden, was wiederum nicht unernste Konflikte mit seinen jeweiligen Lebensabschnittsgefährtinnen provozierte. Aber auch in dieser Beziehung half ihm Willi weiter. Heute hat Löffel nur grundsolide Beautys in seiner Erotik-Show-Kartei. Die begleitet er ab und an noch höchstpersönlich auf Biker-Partys oder zum weihnachtsfeierlichen Table-Dance-Vergnügen bei ‘ner orgiastischen Kreissparkasse. Und zu den in Mode gekommenen Mallorca- und After-Ski-Partys. »Mann, ist das hart, all die besoffenen Kinder«, stöhnt der 32-Jährige und schlägt sich mit Pop-Titan Markus Becker, der mit dem Smash-Hit »Sperma« die Pole Position der »Offiziellen Ballermann-Charts« markierte, die Nacht um die Ohren. »Der hat ein seriösen Management gesucht und es bei uns gefunden«, sagt Willi. »Im Laufe der Zeit hat sich so etwas wie Kameradschaft zwischen den Ballermann-Künstlern und mir aufgebaut«, setzt Löffel einen drauf. Anders könnte er nicht arbeiten, anders könnte er nicht leben. »Meine Entscheidung, einem MC beizutreten, war eine Lebensentscheidung. Ich hab’s gemacht wegen der Freundschaft und der Solidarität, die unter uns Bikern herrscht.« Dieses Vertrauen investiert er auch in seinen Job, in die Künstler, alle Kunden, die er betreut. »Wenn das in der Branche nicht funktioniert, gehe ich eben zurück auf den Bau.«

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