Porträt: Annette & Adrian Kießling (Archivversion) Tick, Trick und Truck

Sie kutschieren Harley durch die Welt. Auf zwei und vier Rädern.

Beschwipste Rentner singen es im Reisebus. Zackig, laut und falsch: das Lied über die Heimat der Kießlings. Den schönen Westerwald. »Wir liegen ungefähr 500 Kilometer von den wichtigsten deutschen Städten entfernt: München, Berlin und Hamburg«, kreist Spediteur Adrian Kießling sein Heimatkaff Ebernhahn ein.Schiegermutterns Suppe lügt. Autobahnraststätten würden die zehnfache Menge aus einem Teller dieser Qualität schöpfen. Die gibt Kraft, und wer hier aufwächst, braucht die auch. Samt williger Helfer. »In der Schule hatte ich die Kießling-Bande«, schmunzelt Adrian und stretcht seine 185 Zentimeter auf dem ledernen Chefsessel. Dann verlagert er seine geschätzten 110 Kilogramm nach vorn, wirft die Stirn in Falten und zeigt Zähne. »Hätte keiner mehr mit gerechnet, dass aus mir noch was wird.« Heute verschieben Annette und er jährlich an die zehntausend Motorräder quer durch Europa. Völlig legal. Als Spediteure.Mit Annette wurde es so richtig ernst, als er sie samt seiner Zündapp in die Einfahrt ihrer Eltern schmiss. Hat sich dabei um zwei Himmelsrichtungen vertan. War ja erst 17. »Und sternhagelvoll«, sagt Annette, »aber er wollte partout mit dem Moped fahren. Hallodri und Realschul-Abbrecher Adrian führte sein Leben mit einer Lehre als Büromaschinenmechaniker fort. »Warum, weiß ich nicht, ich glaube, meine Mutter kannte den Chef.« Annette ging da schon planvoller vor, die Spediteurstochter absolvierte eine Lehre als Kfz-Mechanikerin beim Daimler in Koblenz. »Ich war damals die erste Frau in dem Job.«Sie haben’s tüchtig krachen lassen, ihren Motorradclub nach dem mythischen Fabelwesen »Agwilas« benannt, häufiger persönlichen Kontakt mit Landpolizisten genossen. Das ist dann exakt der Moment, in dem sich ein Dorf das Maul zerreißt: Polizei, Rocker, Drogen, Sex und saufen. Also fort von hier.Die Kießlings haben zu jener Zeit Rennkultur entdeckt. »Wir waren jedes Wochenende unterwegs und haben Pokale gesammelt. Adrian hat geschraubt und ist gefahren, ich hab’ die Zeiten gestoppt.« Selbst hochschwanger mochte Annette nicht vom Motorrad lassen. »Offiziell waren wir auf Erholung in Holland, bis meine Eltern aus dem Fernsehen erfahren haben, wo wir wirklich sind.« Auf der Rennstrecke, wo sonst? Weiter geht’s wie im amerikanischen Seifenoper-Traum. Traum eins:Trucker. War für Adrian beim Schwiegervater leicht zu erfüllen. Aber so, wie sie ihn, der seine Schutzengel-Armada ganz schön strapazierte, einmal nach einem Motorradunfall wieder zusammengeflickt hatten, fiel die Kilometerfresserei auf der Autobahn irgendwann flach. Das Kreuz. Da haben beide auf Speditionswesen umgeschult. Adrian stieß sich die Hörner bei einem Großunternehmen ab. Annette dagegen hatte das Transportgeschäft eh schon mit der Muttermilch inhaliert.Traum zwei – eine Harley – brachte Adrian »still und heimlich« von einem Amerika-Urlaub mit. Da war er schon Vater und überarbeiteter Unternehmer. Mit etwas Nachhilfe des Schwiegervaters – »er hat uns ein paar Türen aufgemacht, aber wir mussten keulen, bis die Schwarte kracht« – sind die beiden Herr und Dame über 20 Gliederzüge und Auflieger. Plus Traum drei: einen gigantischen US-Showtruck in Harley-Lackierung. Das Lager der Kießlings steht voll mit Milwaukee-Eisen. Ihre Fahrer holen sie aus Rotterdam, ihre Jungs bauen 90 Prozent davon fachgerecht auf. »Nur noch zehn Prozent der Händler wollen sie originalverpackt, schließlich entsorgen wir den kompletten Verpackungsmüll«, schnurrt Adrian. Das Geschäft brummt. Nicht nur mit Harley. Auch japanische Motorräder, italienische, deutsche und englische bugsieren seine Lkw durch Europas Lande. Im zusammenfaltbaren, kippsicheren Gestell, das Adrian selbst entworfen hat. Weil Kleinvieh auch Mist macht, haben Annette und Adrian den Bike-Shuttle erdacht. Der steuert entferntere Ziele an, zu denen sich die Rider einfliegen und die Kießlings die Bikes einrollen lassen (www.sks-bike-shuttle.de). Die Zukunft hat bei den beiden bereits mit Stollenreifen den Rasen platt und die Terrasse zur Sprungschanze gemacht. Tochter Kim ist weniger ehrgeizig, aber Sohnemann Kevin treibt schon alles vorwärts, was einen Motor hat. Selbst den Show-Truck. Und haben Sie schon mal einen Gabelstapler im Four-Wheel-Drift gesehen?

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote