Porträt Anthony Gobert (Archivversion) Barockengel

Suzukis neuer Star Anthony Gobert schöpft am liebsten aus dem vollen - beim Gasgeben, beim süßen Leben und bei flotten Sprüchen.

Im August 1996 brach sich Anthony Gobert beim Sturz von seinem Kawasaki-Superbike das rechte Schlüsselbein. Bei ersten Suzuki-Tests in Sugo im November knickte der Knochen erneut, und es sticht noch immer in der Schulter, wenn Gobert seine 500er durch enge Kurvenkombinationen hantelt. »Eigentlich sollte ich den Arm ein, zwei Wochen in einer Schlinge tragen«, meint Anthony Gobert.Doch dazu kommt es nie, denn Stillhalten ist ein Fremdwort für den Australier. Im Sattel als explosivste Waffe seit Kevin Schwantz gefeiert, gibt der 21jährige auch abseits der Rennstrecke ständig Vollgas, und seine Arbeitgeber freuen sich nach langer Durststrecke wieder über eine extraordinäre Persönlichkeit, deren Unterhaltungswert nicht mit dem Motor abstirbt.Ganz im Gegenteil. Wenn Gobert den Helm abnimmt, überrascht er seine Fans mit immer neuen Farbtönen seines Haarschopfs. Wenn er den Reißverschluß seiner Lederkombi tief genug herunterzippt, blinkt der Silberring seines gepiercten Bauchnabels. »Mr Go Show« scheut sich auch nicht, in der alleinigen Pracht seiner Calvin Klein-Unterhosen vor der Weltöffentlichkeit dazustehen. Wie bei seinem legendären Doppelsieg im Superbike-WM-Finale in Phillip Island vom vergangenen Oktober, als er seine Lederkombi zum Abschied von der Viertakt-Szene in die Masse der tobenden Fans hinunterschleuderte.»Ich haßte die Superbikes. Es waren zwei verlorene Jahre. Ich hätte Scott Russell schon 1995 schlagen können, bekam aber keine einzige Chance zu Tests. 1996 kam dann Crafar ins Team und hielt den gesamten Betrieb auf«, rechnet Gobert ab. »Die Kawasaki war fürchterlich. 1995 fehlte uns Beschleunigung, 1996 ging auch noch der Topspeed verloren.«Goberts einzige Genugtuung ist, Aaron Slight und dessen zumindest der Kawa überlegene Honda in Phillip Island geschlagen zu haben. Denn daß Honda den damals 19jährigen Gobert 1995 in die japanische Superbike-Meisterschaft verbannen wollte, anstatt ihn wie vereinbart international, am liebsten im GP-Sport, fahren zu lassen, trägt er seinem einstigen Arbeitgeber immer noch nach und kann es gar nicht erwarten, Honda und Michael Doohan in der Königsklasse die erste Niederlage zuzufügen.Am Erfolg dieser Absicht hat Gobert nicht den geringsten Zweifel. Seit er im Vorschulalter die erste Kindercross-Maschine erbettelt hatte, gewann Anthony so ziemlich jedes Rennen, zu dem er ernsthaft antrat. Bereits als 16jähriger hatte er genügend Selbstbewußtsein, nur zu tun, was ihm Spaß machte. Eine US-Supercross-Karriere samt sechsstelligem Einkommen schlug er aus. Statt dessen kaufte er sich die erste Straßenrennmaschine.Jetzt, fünf Jahre später und trotz aller Querelen mit Honda und Kawasaki, steht er vor dem Durchbruch im GP-Geschäft und glaubt an Siege in seiner Premieren-Saison. »Viele halten das für kühn, ich halte es für wahrscheinlich. Ich kenne die meisten Strecken. Ich bin mein Leben lang verschiedene Motorräder gefahren und habe keine Mühe, mich mit einer 500er anzufreunden.«Schon bei den ersten ernsthaften Tests mit der Suzuki in Eastern Creek und Phillip Island war der Neuling schneller und unbeschwerter als der nachdenklich wirkende Teamkollege Daryl Beattie.In den Pausen hatte Gobert genügend Zeit, sein Team mit ein paar Kisten kaltem Bier bei Laune zu halten und die kommende Saison zu analysieren. »Auf Troy Corser wartet ein böses Erwachen, nachdem er jahrelang mit doppelt so guten Motorrädern wie alle anderen rumgekurvt ist«, taxiert Gobert den zweiten australischen Newcomer.Doch auch sonst gibt es keinen 500er Fahrer, der ihm nennenswert Respekt einflößt. »Doohan ist zwar derzeit der Beste, doch an ihn verschwende ich keinen Gedanken. Kevin Schwantz und Wayne Rainey sind für mich der Maßstab. Ich möchte besser werden als diese beiden.«An Schwantz schätzt Gobert das pure Fahrtalent und den wilden Lebensstil. »Wir sind aus dem gleichen Holz. Wir packen das Leben am Schopf und warten nicht, bis es zu uns kommt.«Wayne Rainey, so Gobert, »ist ohne Kevins Supertalent, aber durch Willen, Einsatz und sein Training abseits der Rennstrecke noch weiter gekommen. Mein Ziel ist es, wie er dreifacher 500er Weltmeister zu werden. Danach fahre ich in der US-Supercross-Szene«.Freilich hat der Australier eine Alternative für den Fall parat, daß es bis zu seinen drei Halbliter-Titeln »etwas länger dauert als geplant«. Statt in die USA zu gehen, will er dann seinem 16jährigen Bruder Aaron zur Weltspitze führen. »Denn Aaron ist mein jüngster Bruder«, erklärt Gobert, »und es gibt bei rennfahrenden Brüdern genügend Beispiele, daß die Jüngsten immer die Schnellsten sind. Also wird er wohl noch deutlich besser als ich...“

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