Porträt Bernd Andree (Archivversion) Selbstgemachtes

Die Ausbildung zum Zweiradmechaniker beendete Bernd Andree als Chef im eigenen Betrieb. Er muss dort solide gelernt haben – der Wittener Kawasaki-Händler feiert 25-jähriges Jubiläum.

Glück gehabt«, grinst Bernd Andree. Und meint seine motorsportlichen Aktivitäten. Trial, Cross, Enduro, Langstreckenrennen. Nie ernsthaft verletzt, nie den Asphalt geküsst. Stimmt, Glück gehabt. Nur: So war die Frage nicht gemeint, bezog sich auf die geschäftlichen Aktivitäten. Andree schaukelt auf dem Stuhl in seinem kleinen Büro, der Blick huscht kurz hinaus in die keineswegs kleine, ziemlich moderne, höchst saubere Verkaufshalle. Also zweiter Versuch: Sind solche Karrieren in der Motorradbranche heute noch möglich? Als Antwort eine Andeutung von Kopfzucken, ein Lächeln, beinahe verlegen.
Viel Aufhebens macht Bernd Andree nicht von seiner Geschichte. Mit 19 eine Kawasaki-Vertretung gegründet, seit Jahren einer der größten grünen Händler, vier Angestellte, 25. Jubiläum. Das ist doch was. Eine jahrelange Verkaufsflaute überlebt, den Großangriff der grauen Händler abgewehrt, dem aktuellen Händlersterben getrotzt. Doch Stolz keimt, ganz leise, erst auf, als Andree das Wort »schuldenfrei« in den Mund nimmt. Nicht, dass er kein Verständnis fürs Geldleihen und selbst nicht das eine oder andere Mal Gebrauch davon gemacht hätte. Aber es verdeutlicht, worauf Händler seiner Meinung nach vorrangig achten sollten: das Geschäft ökonomisch durchdringen und eben daran Spaß finden. Sonst kann die ganze Motorradleidenschaft zur finanziellen Todesdroge werden.
Schlechte Voraussetzungen eigentlich für einen Jungen, der das Gymnasium abbricht, weil er schrauben will und beinahe zwanghaft alles testen muss, was zwei Räder und Motor hat. Der, mit zwölf Jugendtrials fährt, dann Cross probiert. Der, um die ständig klamme Kasse aufzubessern, auch schon mal durch waghalsige Sprünge über mehrere Autos hinweg eine Kirmes begeistert. »Mit Fernsehen«, berichtet der gebürtige Wittener, und diese Aktion muss zu den wenigen gezählt haben, die seinen Lehrherren wirklich beeindrucken konnten. »Jetzt springen wir über die Ruhr«, witterte er die dicke Publicity für sein Motorradgeschäft. Andree war klar: Ich springe, mindestens 30 Meter weit, er streicht den Mehrwert ein.
Das hätte runder laufen können, der angehende Mechanikus schmiss die Lehre. Auch für ihn sollte die Verwertung seiner Motorradleidenschaft Profit abwerfen. Die Problemlösung gab’s frei Haus: Weil das elterliche Tapetengeschäft in größere Räume umzog, stand das familieneigene Ladenlokal leer, mitten in Witten. Diskussionen mit den Eltern, ein 50000-Mark-Kredit vom Vater, ein Brief an Kawasaki – Bernd Andree braucht heute drei Minuten, um die entscheidende Phase seines beruflichen Lebens zu schildern. Und weiß dennoch: »Ja, da war viel Glück dabei.«
Zum Beispiel, dass er in Jörg Emestus einen Ansprechpartner gefunden hatte, der bis heute – »Das ist immer noch mein Mann bei Kawasaki« – auf begeisterte Händler setzt. Der ignorierte, dass Andree bis dahin nie ein Motorrad verkauft hatte. Ein tolles Angebot half beiden: Kawasaki stellte im Oktober 24 Motorräder in Witten ab, die erst im April bezahlt werden mussten. Die Grünen kämpften damals – der erste Motorradboom war 1982 längst vorbei – um Marktanteile, Andree sofort in vorderster Front: »Die Motorräder waren im Frühjahr alle weg.« Schon im zweiten Geschäftsjahr war er schuldenfrei.
Und irgendwann auch Geselle, denn Andree war unter die Arbeitgeber gegangen und hatte einen Meister eingestellt, der ihn, seinen Chef, ausbildete. Kurios. So kurios, dass MOTORRAD unter der Sachzeile »Jungunternehmer im Motorradgeschäft« in Heft 5/1986 darüber berichtete. Verrückte Zeiten? »Ging so, aber anstrengende: Bis abends um sechs im Laden, dann in die Stadt, schnell was essen, danach bis Mitternacht geschraubt.« Der Bundeswehr – ausnahmsweise von höchstem Bedrohungspotenzial – entging Andree, weil er zunächst die Lehre verlängerte. Was klappte. Und dann heiratete. Was nur bedingt klappte. Er wurde zwar vom Wehrdienst befreit, die beiden Töchter stammen aber aus zweiter Ehe.
Er musste weiter Lehrgeld zahlen. Eigentlich war er mit seiner Zweitmarke Moto Guzzi ganz gut im Geschäft, so an die 40 Einheiten pro Jahr. Bis die V 75 kam. »Du kannst keinem Kunden erzählen, dass ein Steuergerät grundsätzlich nach 500 Kilometern kaputtgeht und er dann sechs Monate auf Ersatz warten soll.« Das Aus mit Mandello, denn ein Händler lebt nicht von der Marge allein, sondern viel mehr von zufriedenen Kunden. »Wer nur auf den einzelnen Kaufvertrag schielt, ist schnell weg«, weiß Andree. »Wir legen alles darauf an, dass die Leute mindestens zwei-, dreimal wiederkommen.« Und wenn’s wegen des Rollers fürs Töchterlein sei: 1995 kam Piaggio ins Angebot, 2004 Kymco.
Zugeständnisse an einen sich wan-delnden Markt, gewiss. Bis zu 350 Kawasaki wurden in Witten schon mal verkauft, vor 1996 im alten und danach im neuen Laden. Am Stadtrand gelegen, größer, moderner, glasiger. Dann ging es allmählich und parallel zu den Deutschland-Verkäufen der Marke bergab. »Nur weil hier ringsum einige Kawa-Händler verschwunden sind, verkaufen wir noch nicht ein Motorrad zusätzlich.« Zum Teil, weil die Leute lieber ortsgebunden kaufen. Zum Teil, weil die Geiz-ist-geil-Mentalität auch Motorradkunden beseelt. Andree schaltet sein Notebook ein. Mobile.de. »Da, eine nagelneue ER-6n mit ABS für nicht mal 5900 Euro. Knapp über Einkaufspreis. Das ist nicht seriös, da mach’ ich nicht mit.« Er steht auf korrekte und für alle Kunden gleiche Preise. »Ehrlich muss das sein, sonst erzielst du keine Nachhaltigkeit. Heute bin ich der Billigste, morgen ein anderer. Wenn jemand woanders kaufen will, biete ich ihm unseren Service an. Damit verdienen wir auch.«
Wir, das sind nicht nur die drei Jungs und der Meister aus der Werkstatt. Das ist auch Partner Michael Tholl, 47, der sich vor gut zehn Jahren ins Geschäft einkaufte, mittlerweile die Hälfte der Anteile besitzt und ausgesprochen beruhigend wirkt. Weil er zum besonnenen Firmengründer passt? »Nein, weil der Laden prima weiterläuft, wenn ich mal nicht da bin.« Wer sich nie um seine Kinder kümmern kann, der hat bald keine mehr. Und Bernd Andree kann nun nach Feierabend immerhin die Boote seiner Töchter reparieren und sie wochenends zu Regatten begleiten. Er selbst war mal Deutscher Vizemeister im Doppelzweier. Rudern. Seine Älteste ist da einen Schritt weiter: Jugendmeisterin. »Und die Kleine«, jetzt wird er wirklich stolz, »schafft das auch noch.«
Wer seine Leidenschaft zu sehr ausbeutet, der verbrennt. Deshalb gestattet sich der Kawasaki- und Rollerverkäufer einen Nebenerwerb: Michael Tholl hatte schon lange mit Trial-Motorrädern gehandelt, diesen Geschäftszweig haben die beiden integriert, veräußern Montesa, Gas Gas und Beta. »Damit wird niemand reich«, bekunden die beiden Hobby-Trialer unisono, »es macht vor allem Spaß.« 40 bis 50 Offroader gehen jährlich weg und nehmen sich neben 150 bis 200 Kawas und 300 Rollern bescheiden aus. Dennoch: »Die kletternde Kundschaft kauft im Herbst, im Winter. So können wir diese Zeit besser überbrücken.«
Um österreichische Überbrückungshilfe haben sie sich ebenfalls bemüht. »Wir wollten vor fünf, sechs Jahren unbedingt KTM-Händler werden, aber die haben uns ziemlich schnöde abblitzen lassen«, berichtet Bernd Andree. Dann fallen ihm die Startschwierigkeiten des Alpen-V-Zwo ein: »Vielleicht war’s besser so.« Bei anderen Marken lief die Sache umgekehrt. »Aber wenn ich höre, dass man bei einer Aprilia-V2-Supermoto – ist ja ein scharfes Gerät – zur Ventilspieleinstellung den Motor ausbauen muss, dann kann ich das nicht. Versteht doch kein Kunde, was er dafür bezahlen soll.« Und Triumph, die in ihren Anfangsjahren gleich reihenweise Kawasaki-Händler akquirierten? »Die haben’s probiert. Ich war und bin skeptisch. Bei so vielen unterschiedlichen Modellen muss man richtig gut verkaufen, damit es sich lohnt. Vorführer, Mechaniker-Schulungen, Ersatzteilbestand – mit 40 Verkäufen holst du deine Kosten nicht wieder rein.«
Also Kawasaki. »Die waren stets fair, das passt.« Zu einem, der unlängst die 10000. Kundenkartei anlegen konnte und mit keinem einzigen je vor Gericht ziehen musste. Der ruhig und verlässlich seine Erfahrungen gesammelt hat und eben deshalb Wünsche und Forderungen äußert. »Mit immer mehr Leistung, immer tolleren Fahrwerken und Bremsen kommen wir nicht mehr in die Breite.« Die Preise, klar. Aber nicht nur: »Die Leute wollen menschenfreundlich gestaltete Motorräder. Mit großem Tank, preiswert, mit etwas Windschutz, das geht.« Deshalb hat er Enduros noch lange nicht abgeschrieben und wünscht sich die KLX 650 zurück. »In Amerika gibt’s die noch. Warum nicht hier?«
Früher war Bernd Andree stets jünger als seine Kunden. Und hat sich gefragt, wie das in 20 Jahren mal werden soll. Heute ist er 44, alle diesbezüglichen Bedenken sind zerstreut. »Weil ich ja meistens noch immer der Jüngere bin«, grinst er, findet aber schnell die Brücke zwischen Kundenwünschen und fortschreitendem Alter: »Gemütliche und ausreichend lange Sitzbänke find ich gut. Meine Frau auch.« Den gedanklichen Angriff auf die Z 1000 entschärft er sofort, aber nachhaltiger, ja nachhaltiger könnten eine neu aufgelegte Zephyr-Reihe oder eine aktuelle ZRX 1200 wirken. »Bei denen, die über 40 sind.«
In Witten, eingekesselt von Dortmund und Bochum, lebt ein ehrlicher, unaufgeregter Menschenschlag. Dem Motorradfahren an sich meist schon ausgelassen genug ist. Auch Bernd Andree braucht keine grellen Geräte, um mal richtig abzuheben. Da genügen ein Viertakter von Beta und das nächste Club-Trial. »Oder Supermoto fahren auf der Kartbahn.« Einmal hat er versucht, seine beiden Hobbys unter einen Hut zu bringen: »Kawasaki brachte seinen ersten Jetski raus. Rein damit in einen Kanal und ab. Eine Stunde später hatte ich eine Anzeige wegen Behinderung der Schifffahrt am Hals.« Manche Dinge bleiben eben ewig unvereinbar.

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