Porträt Bernd Hiemer (Archivversion) Spitzenkandidat

Als Frühgeburt auf die Welt gekommen, mit gerade mal zwölf Nachbarn auf einem Allgäuer Bauernhof aufgewachsen und nun auf dem Weg, einer der besten Supermoto-Profis der Welt zu werden – Bernd Hiemer kennt das Leben und den Sport.

Es war dieser Sonntag im Mai 2003. Ein Tag, an dem Bernd Hiemer sein inneres Gleichgewicht neu kalibrieren musste. Laufsieg bei seinem allerersten Europameisterschafts-Rennen im tschechischen Sosnova. Einfach so. Nichts hatte er anders gemacht als sonst. Riskierte nichts, war nicht nervös. Ist einfach gefahren. So gut er eben konnte.
Wie damals in dieser Karthalle in Kaufbeuren im Allgäu. Was heißt damals?
Gerade mal drei Jahre war es her, als
ihn Daddy Edmund – selbst passionierter
Enduro-Pilot – zur Winterszeit unters Hallendach mitgeschleppt hatte. Ihn, den Hobbycross-Teenager »mit einer Kondition für zwei Runden«. Auf dem spiegelglatten Hallenboden war er mit seinem 125er-Crosser mit Straßenreifen einfach drauflos gefahren. So gut es eben ging. Und es ging sehr gut. So zügig, dass selbst Supermoto-Größe Harald Ott den schlacksigen Teenie nicht abschütteln konnte.
Supermoto, sein neuer Schwarm? »Eigentlich nicht. Motocross, das war mein Ding«, erinnert sich der heute 22-Jährige. Aber Edmund ahnte, dass es der zier-
liche Filius mit erblich bedingten so genannten Exustosen, Knochenwucherungen an den Knien, im Stresssport Motocross nicht weit bringen würde und drängte auf Szenenwechsel. Acht Monate später war Bernd Supermoto-Junioren-Vizemeister. In der Saison 2002 folgte Platz sechs in der DM, 2003 Rang drei und – sensationell – der EM-Titel.
Fast über Nacht avanciert der Allgäuer zum Star der Szene, wird gewissermaßen zum nationalen Inbegriff dieser Disziplin. Asphalt-Surfer nennt man ihn. Seines butterweichen und doch hochspektakulären Fahrstils wegen. »Ich kann nichts dafür, mir fällt es beim Anbremsen schwerer, gerade zu bleiben als zu driften«, entschuldigt
er sich beinahe. Gerade deshalb bewundern ihn die Fans. Sie wissen, dass er es wirklich so meint.
Dicke Sprüche klopfen ist eben nicht das Ding in Elmeney, Hiemers Heimat in der Nähe von Leutkirch. Bei insgesamt zwölf Einwohnern zählen Taten, nicht Worte. Das hat Bernd geprägt. Sich mit vier Personen um 20 Kühe, 20 Hektar Grünland, einen Motorradladen und im Winter obendrein um die Anlage der örtlichen Langlaufloipe zu kümmern lastet aus. Der Job als Elektriker eigentlich auch. Und wenn sich dann noch zwanzig über ganz Europa verteilte Rennen pro Jahr in den Terminkalender drücken, wird’s eng.
Seit Mitte 2003 bleibt etwas mehr Zeit zum Durchschnaufen. Seitdem ist Bernd Profi. So wie sein einziger Gegner in
der Deutschen Supermoto-Meisterschaft, Jürgen Künzel. Seitdem weiß er, dass er den Sport »nicht mehr nur zum Spaß« betreibt, dass Talent allein nicht mehr ausreicht, um weiterzukommen. Und er spürt die Verantwortung gegenüber sich, seiner Familie und den Fans. Der Youngster, der »eigentlich ein ganz normaler Jugendlicher« ist, lässt sich sportmedizinisch betreuen, stopft streng nach Ernährungsplan Berge von Nudeln in sich rein, büffelt in der Volkshochschule Englisch – und lernt zum ersten Mal die Schattenseiten seiner beginnenden Popularität kennen.
Nach dem DM-Titel 2004, den er wie alle bisherigen Erfolge für den deutschen Husqvarna-Importeur Zupin Moto Sport holte, spaltet die Offerte des Szene-
dominierenden Herstellers KTM seine Fan-Gemeinde. Die Anhänger, die im Allgäuer den heroischen blau-gelben David im Kampf gegen den orangefarbenen Goliath gesehen haben, reagieren sauer, lassen im Internet wüste Beschimpfungen ab.
Doch das Angebot aus Mattighofen reizt. Waschechte Werksfahrer gibt es im Supermoto-Milieu wenige. Bernd wird in der Saison 2005 einer von ihnen sein. Mit einem fixen Startplatz in der hubraumoffenen Supermoto-WM und der Aussicht auf einige Gastauftritte in der US-Meisterschaft. Und wenn er sagt, dass er dieses Jahr – auch gegen Überflieger und Teamkollege Thierry van den Bosch – Weltmeister werden will, dann mag man’s ihm sogar glauben. Schließlich werden im Allgäu keine Sprüche geklopft. Schon gar nicht in Elmeney.

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