Porträt Bert Poensgen (Archivversion) Baggern von morgens bis nachts

Ein Macher, der aus der Motorradszene schwer wegzudenken ist: Bert Poensgen, Vertriebs- und Marketing-Leiter von Suzuki Deutschland.

»Schauen Sie aus dem Fenster. Wir fahren alle kleine Suzuki-Autos. Obwohl meine Position sicher einen großen Mercedes zulassen würde.« Bert Poensgen liebt das Understatement. Weil ihm der Erfolg Recht gibt. »Wir machen mit 90 Mitarbeitern eine halbe Milliarde Umsatz.« Als Vertriebs- und Marketingleiter des Suzuki-Importeurs ist er offiziell einer von fünf Bereichsleitern und hat einen japanischen Vorgesetzten, doch manche in der Branche halten ihn für den heimlichen Chef. Das liegt an seinem enormen Bekanntheitsgrad aufgrund seiner ständigen Präsenz auf Messen, im Fahrerlager, auf Präsentationen, in der Fachpresse. Und an seinem gewichtigen Auftritt sowie seinem Engagement. »Ich kümmere mich auch um Kleinkram. Ein Suzuki-Fahrer kann mich direkt anrufen, und ich werde versuchen, ihm zu helfen.«Spätestens seit Suzuki 1991 Marktführer wurde, schwimmt Bert Poensgen oben. Dabei verlief sein Leben alles andere als geradlinig. Wohl aber zog sich die Liebe zum Motorradfahren wie der berühmte rote Faden hindurch. Der gebürtige Düsseldorfer, der im bayrischen Landsberg groß wurde, lebt seit Kindsbeinen mit dem Motorrad. Vater: Motorjournalist und Geländesportler. »Wir Kinder immer dabei: etwa mit dem Lloyd nach Polen, das Gespann hinten auf der Gabel«, schmunzelt Poensgen. Der trieb’s bald selber bunt. Nachts des Vaters Geländegespann aus der Garage gezogen und losgebrummt. Der Vater durfte den Filius anschließend bei der Polizeiwache abholen. In Landsberg war die Poensgen-Familie ziemlich bekannt. Weil in den 60er Jahren kaum ein Mensch freiwillig Motorrad fuhr. »Wir waren nicht hochgestellt, sondern etwas verrückt.« Und Bert quasi der kleine Chef der Familie als ältestes von sieben Kindern. »Der Vater war ja oft beruflich weg«. So lernte Poensgen früh, sich verantwortlich zu fühlen. Verantwortlich für eine aufstrebende Motorradimport-Firma? Eigentlich wollte der heute 53-Jährige nach kaufmännischer Lehre und einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker beim BMW-Tuner Alpina – »habe selbst Pleuel poliert und Köpfe gefräst« – den Meister machen, um dann ein Motorrad-Geschäft zu eröffnen. Der Plan strandete – am Blech eines Autobianchi. »Ein Jahr Krankenhaus, Knie, Hüfte, Oberschenkel kaputt.« Dann verlor er das Bein. »Arbeiten, das können Sie abhaken«, belehrte ihn ein Arzt. Der lag völlig schief.Die fünf harten Jahre, die folgten – Umschulung zum Industriekaufmann in einer Käsefabrik, Gelegenheitsjobs in einem Fahrradladen, kaum Geld für den Unterhalt der Familie –, warfen den Vater von mittlerweile drei Kindern nicht aus der Bahn. Sondern machten ihn nur härter. Zu hart finden manche, denn er fordert viel von seinen Mitarbeitern. Weil er von sich eine Menge verlangt. Das polarisiert. Die einen mögen ihn arg, die anderen überhaupt nicht. Auch weil er gern Tacheles spricht.Als Suzuki in Oberschleißheim bei München 1979 einen Gebietsverkaufsleiter suchte, stand Bert Poensgen auf der Matte. »Ich hab’ erstmals gut verdient. Aber die holländischen Inhaber haben den Laden an die Wand gefahren. Wir hatten nur fünf Prozent Marktanteil, 5000 Motorräder waren das man gerade.« Dann kauften 1984 Japaner den Motorradbereich, und Poensgen, der Mann aus einfachen Verhältnissen, sah die Felle vollends wegschwimmen. »Mit Japanern arbeiten, das war nichts für mich«, glaubte er. »Ich konnte ja nicht mal Englisch.« Bislang hatte er die bayrische Provinz nie verlassen. Asien, das war für ihn eine völlig fremde Welt. Doch der neue japanische Chef machte ihn zum Vertriebsleiter. Heute, als erfolgreicher Macher, weilt Poensgen mehrere Male pro Jahr in Japan, hat dort ein gewichtiges Wörtchen bei der Entwicklung neuer Motorräder mitzureden. Klar, dass der Umzug in die Suzuki-Zentrale in Heppenheim anstand. »Gebaggert von morgens bis nachts, von Montag bis Montag.« Der Marktanteil ging steil bergauf, die Händler der ersten Stunde sind heute noch dabei. Die Leute zu motivieren und fair zu behandeln, das ist eine von Poensgens Stärken. »Wenn das Herz groß genug und die Fachkenntnis da war, dann war das mein Mann«, beschreibt Bert Poensgen, worum’s ihm ging und geht: um Begeisterung fürs Motorrad. Weil er selbst bis auf ein paar Enduro-Läufe auf einer 50er nie so richtig zum Rennenfahren kam, pusht er jetzt seine Tochter Katja. Da strahlt er wieder: »Die hat viel Talent und weiß, was sie will.« Von wem sie’s wohl hat?

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