Porträt Bill Crosby (Archivversion)

Meriden-Man

Er hat sein Leben mit Pre-Hinckley-Bikes verknüpft. Dennoch taugt Bill Crosby weder zum Triumphator noch zum Gralshüter – dafür ist er viel zu gut drauf.

Auf die Frage, warum es unbedingt Triumph sein musste, kennt William Crosby eine ebenso überzeugende wie bodenständige Antwort: »Für irgend etwas musst du dich begeistern.« Na klar, es hätte in diesem Fall fortgeschrittener Motorrad-Besessenheit aber auch AJS oder Norton oder BSA sein können. Eine jener britischen Motorradmarken eben, die – hauptsächlich mit starken Twins – jungen Männern die Sucht nach Speed und Prestige einimpften. In den Sechzigern, als alles endlich wieder Aufbruch war und Rock ’n Roll.Bill entschied sich für die Bikes aus dem damals fast noch jungen Meriden-Werk, also für bewährte 500er sowie immer noch ziemlich sensationelle 650er, für Tradition und Zukunft gleichermaßen. Glaubte er. Heute, mit 70 Jahren, weiß Bill, dass er sich damals mit einem Sack voll Geschichte und Geschichten eingelassen hat, dass die britische Motorradindustrie und namentlich Triumph just in den frühen Sechzigern verpennt hat, was es zu verpennen gab.Alles, was danach kommt, verbindet. Der Kampf gegen Nippons Übermacht, das Hadern mit dem Starrsinn der Bosse, der Glaube an die 750er-Bonneville und die Trident, die Hoffnung auf ohc. Die Sympathie mit den Meriden-Leuten, ja, die vor allem. Als diese Sympathie in tätige Unterstützung umschlägt, da hat Bill Crosby seine Leidenschaft längst zum Broterwerb erhoben: 1958 bereits hat er ein unter dem Namen Reg Allen eingeführtes Zweiradgeschäft erworben und verkauft fröhlich Leightweights der Marken Excelsior, Mobylette und NSU. Leichtkrafträder, und obwohl ihn bereits kurz darauf die unheilbare Triumphitis befällt, kommt er offiziell erst 1977 zur Marke. Als Händler. Spätberufen, irgendwie, aber immerhin.Wer wird Händler einer Marke, die bereits so gut wie tot ist? William Crosby zuckt ein wenig verlegen mit den breiten Schultern. Nur jemand, der nicht will, dass diese Marke stirbt: Bill tut und macht, unterstützt die Kooperative der Meriden-Arbeiter noch, als ein gewisser Les Harris schon die Rechte zum Bau von Triumph-Motorrädern bekommen hat. Gemeinsam mit vier anderen Händlern vertreibt Crosby Ersatzteile aus der Kooperative. Er ist anarchistischer Umtriebe gewiss unverdächtig, und wie zum Beweis prangt im Schaufenster seines Ladens das offizielle Queen-Poster zum 50. Thronjubiläum. Die Meriden-Kooperative, die hat Bill trotzdem gefallen. Weil sie funktioniert hat. »Da waren wirklich alle gleich.«Bill und seine Freunde können Meriden nicht halten, aber Bill hält zu Triumph. Im Londoner Westen, in Greenford, betreibt und behütet er das London Motorcycle Museum. Schwerpunkt? Dumme Frage. Und quasi um die Ecke gibt’s immer noch Reg Allen, ein Refugium für Meriden-Aktivisten. Für Leute, die ihre Bonnie, Trident oder T-Bird einfach am Laufen halten wollen. Tanks, Sitzbänke, Schutzbleche – kein Problem. Bill, Pilippa, seine Frau, und Mark, einer seiner Söhne, schieben ungerührt Teile über die Theke, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Die sie aber gebraucht beschaffen oder nachbauen lassen oder ... Ein Sack voll Geschichten eben.Am Wochenende widmen sich große Teile des Crosby-Clans dem Museum. Gute 70 Schätzchen dürfen bestaunt werden, und besonders stolz ist Bill auf seine Sammlung von Triumph-Prototypen. Den Dreizylinder, beispielsweise. Der Mitte der Sechziger alles darstellte, wovon die Boys träumten, und den Triumph nicht baute, weil man eben nicht an Multizylinder glaubte. Dann kam die CB 750, und alles musste ganz schnell gehen, aber das, so Bill, ist wieder eine andere Geschichte. Und er erzählt jetzt lieber, warum er Prototypen so mag. Weil er nämlich Über-Restaurierer hasst. Und weil ihm bei einem Prototypen niemand erzählen kann, dass dies eigentlich so und jenes aber anders gehört. »Da sammelst du die Fehler nämlich mit. Und ich mag Fehler. Manchmal.“
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Meriden-Mekka (Archivversion)

Gemeinsam mit Frau, Kindern und Freunden betreibt Bill Crosby das London Motorcycle Museum im westlichen Vorort Greenford, 29 Oldfield Lane South. Es liegt unweit der Autobahn M 40 und hat an Wochenenden von 10.00 bis 16.30 Uhr geöffnet. Der Shop liegt in der Nachbarschaft (Reg Allen, 39-41 Grosvenor Road, Hanwell, London W7 1HP, Telefon 0044-20-8579 1248, www.reg-allen-london.20m.com), und von dort ist’s nur ein Katzensprung ins Ace Café.

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