Porträt Carl Fogarty (Archivversion) Eine schrecklich nette Familie

Eigentlich sollte Carl Fogarty seinen dritten Superbike-WM-Titel feiern. Aber es erschien ihm wichtiger, mit seiner Familie zügig in das erst halbfertige neue Traumhaus einzuziehen.

Carl Fogarty, Weltmeister, England. Diese Adreßangabe kennt seit Mitte Oktober jeder Postangestellte auf den Britischen Inseln. Zahlreiche Fans waren sicher, daß derart beschriftete Briefe an den dreifachen Superbike-Weltmeister problemlos ankommen würden. Die Leistung der Postboten, die die Briefe an den Adressaten weiterleiteten, ist um so bemerkenswerter, da Carl Fogarty mit seiner Frau Michaela und seinen beiden Töchtern Danielle, 8, und Claudia, 4, erst im Spätsommer in ein neues Domizil in der Nähe der mittelenglischen Industriestadt Blackburn eingezogen war. »Eigentlich sollte ich ja jetzt erst mal total entspannen und diesen dritten Weltmeister-Titel richtig genießen und verarbeiten. Aber keine Chance«, klärt Fogarty über sein Leben unmittelbar nach dem historischen Triumph auf, »unser neues Haus ist zwar wunderschön, aber im Moment eine einzige Baustelle.« Das repräsentative alte Landhaus wird um ein Schwimmbecken und einen Whirl Pool erweitert sowie um einige Zimmer aufgestockt.Bei allem Bautrubel findet Foggy dennoch etwas Ruhe, um über alte und neue Zeiten zu reflektieren. »Der Titelgewinn in Sugo war unglaublich, nach einer solch verrückten Saison. Ich war in meinen Leistungen und Resultaten so ungleichmäßig wie noch nie. Und jetzt bin ich trotzdem Weltmeister.«Tatsächlich hätte keiner mehr einen Pfifferling auf den Ducati-Werksfahrer gesetzt, als er zu Saisonmitte mit zwei katastrophalen 13. Plätzen im Nürburgring-Regen, jeweils fast überrundet, auf den sechsten Rang im WM-Zwischenklassement zurückgefallen war: »Ich mag den Nürburgring nicht sehr, und Regen mag ich überhaupt nicht.« Sein heldenhafter Sieg beim Auftaktrennen im März über den Yamaha-Emporkömmling Noriyuki Haga war in diesem Moment längst vergessen. Die Wende zugunsten Fogartys deutete sich dann beim Heimspiel in Brands Hatch im August an. 82000 enthusiastische Fans weckten ihren Helden aus der Lethargie, auch wenn er in den Rennen als Vierter und Zweiter sieglos geblieben war. Und nach Rang eins beim vorletzten WM-Auftritt auf seiner Lieblingstrecke im niederländischen Assen war King Carl bereit für das große Finale auf der japanischen Provinzbahn Sugo. »Ich habe mich in Sugo nur auf Troy Corser ausgerichtet, weniger auf Aaron Slight. Erst nach Corsers Sturz im Warm-up dachte ich zum ersten Mal, daß ich es noch packen könnte.«Die beiden von Taktik und ständigem Rechnen geprägten Rennen in Sugo waren für den neuen Champion eine harte Geduldsprobe: »Wenn ich auf der Strecke bin, geht’s mir normalerweise weniger um irgendwelche Titel. Ich will einfach nur das jeweilige Rennen gewinnen.«Diese Einstellung deckt sich auch mit Gedanken über den Fortgang der Karriere des erfolgreichsten Superbikers aller Zeiten. »Ich bin jetzt 32 Jahre alt, dreifacher Superbike-Weltmeister und habe jede Menge anderer Titel gewonnen. Natürlich habe ich mir schon oft Gedanken übers Aufhören gemacht. Aber solange ich noch Rennen gewinnen kann, werde ich wohl noch fahren.« 1999 wieder in seinem meisterlichen Ducati Performance Team um Teamchef Davide Tardozzi und Chefingenieur Claudio Domenicali, wenn auch in pikant veränderter Situation. Ausgerechnet Erzrivale Troy Corser wird sein Teamkollege. Mit ihm hatte die Tardozzi-Crew 1996 schon einmal die Superbike-WM gewonnen.Aber Carl Fogarty wird alles geben, damit Corser und alle anderen von ihm auf den Rennstrecken 1999 genausowenig sehen werden wie seine Nachbarn von seinem traumhaften neuen Zuhause, das inmitten eines riesigen Grundstücks liegt.

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