Porträt Christof Langer (Archivversion) Immer ganz Or sein

Christof mag die Bol d’Or so sehr, dass er gleich zwanzig hat. Zum Schrauben, Polieren, Qualmen und Fahren.

Als Altersversorgung und Lebensversicherung zugleich«, sagt Christof, »dienen mir die Bol d’Or.« Zwanzig Motorräder statt Riester-Rente? Eine Alternative, die Christof gefallen würde, die er so aber nicht gemeint hat. »Altersversorgung«, das heißt für ihn: Ersatzteile bis fast in alle Ewigkeit. Und unter »Lebensversicherung« versteht er, dass ihn die Honda davon abhält, auf »moderne Bikes mit viel mehr Power umzusteigen. Auf denen würde ich mich um Kopf und Kragen fahren«. Weil der Schwabe prinzipiell Vollgas gibt. »Ich quäl’ die Mopeds aus.« Die 78 bis 100 PS der Bol d’Or passten nun mal optimal zu seinen Fähigkeiten. Von 1978 bis 1984 fabrizierte Honda diese Maschinen mit 750, 900 oder 1100 Kubik. Zwei Jahre, nachdem die letzten vom Band gelaufen waren, legte sich Christof, da war er 19, die erste zu. Bis er dann die Dummheit beging, seine 900er mit der sportiven Verkleidung zu verscherbeln. Erst da wusste er, was er verloren hatte: sein Traummotorrad. Also fing er diese Dinger zu sammeln an. »Mit der Bol d’Or im fünften Gang aus dem Ort raus und dann den Hahn aufdrehen - ein unvergleichliches Gefühl.« Das er niemals mehr missen möchte. Nach dem er süchtig ist. Und wie jeder Süchtige kann er nur dann ruhig schlafen, wenn er weiß, dass der Vorrat gesichert ist.Selbst moderne Industriegebiete haben mitunter idyllische Anwandlungen. Da steigt ein Mädchen mit einer Leiter auf einen Container, darin übrigens sechs Bol d’Or, um von dort aus die reifen Kirschen am famos tragenden Baum zu pflücken. »Shana, meine Tochter«, lacht Christof, der schon seit Jahren in den Räumen eines ehemaligen Bauunternehmens residiert. Weil draußen Hitze übel flimmert, trotten Äffele, der alte Schäferhund, und Promenadenmischung Tina in die Kühle der Werkstatt, wo Joschua seinem Vater beim Restaurieren einer vergammelten Bol d’Or assistiert. »Als er zweieinhalb war, hat er Muttern an meiner Egli-Bol d’Or reingedreht. Ich habe nur zugeschaut und war der glücklichste Mensch der Welt.« Was Christof eigentlich immer ist, wenn er Familie und Hobby irgendwie zusammen kriegt. Weil seine Frau einen Horror vorm Motorradeln hat, klappt das mit diesen ebenso privaten wie motorradlichen Hochgefühlen am besten beim Schrauben. Dafür zeige Nesthäkchen Jocelyn, demnächst zwei, schon beachtliches Talent, glaubt Christoph entdeckt zu haben. Und er freut sich bereits aufs vierte Kind, in ein paar Monaten ist es soweit, und darauf, dass sie alle mal Bol d’Or fahren.Zwanzig Stunden in der Woche, mindestens, macht Christof an seinen Bol d’Or rum. Die Zeit nimmt er sich. Er hat sich unlängst einen Golfplatz gekauft. Den managt er so nebenbei. Aber er packt, wenn’s denn sein muss, überall an. Am liebsten bei der Rasenpflege. Da sieht Christof sofort, was er weggeschafft hat. Und auf den zwei Großflächenmähern im Fuhrpark, Schnittbreite 3,30 Meter, Einstandspreis 50 000 Euro, sowieso. Gelernt hat Christof Zimmermann. Das hat ein bisschen was mit der Branche zu tun, in der seine Familie seit Generationen wirkt und schafft. Auch eine Ausbildung zum Industriekaufmann hat er abgeschlossen, die zum Kfz-Mechaniker jedoch nach einem Jahr abgebrochen. »Die konnten mir nichts mehr beibringen.« Danach kultivierte Christof die Existenz eines, wie er sagt, »freien Künstlers«, tingelte mal mit einer rollenden Diskothek durch die Provinz. »Früher habe ich mehr in den Tag hinein gelebt.« Und Bol d’Or zu fast jedem Preis gekauft. Der mit dem Egli-Rahmen wegen hat er seinen Transporter von Kirchheim am Neckar bis nach Flensburg chauffiert. Endlich zurück, wollte er spät in der Nacht mit seinem neuen Schätzchen noch die Fete eines Freundes visitieren. Doch Christof hatte den Durchblick verloren. Fernlicht funktionierte nicht. Schnellreparatur. Dann auf dem Rückweg der Gaszug gerissen. Konsequenz: Neuaufbau. 15 000 Mark für das verlotterte Teil, das weiß er heute, waren viel zu viel.Mittlerweile hat es sich im Umkreis von 50 Kilometern herumgesprochen, dass es da so einen Bol-d’Or-Verrückten gibt. Wer eine loswerden möchte, fährt zu Christof. Und wer stilvoll biker-hochzeiten möchte, tut das auch. Der ineinander verschlungenen Kreise wegen, überdimensionierten Eheringen gleich, die Christof akkurat auf den Asphalt zu brennen versteht. »Ich hab’ mir einen Stil angewöhnt, der bei den Leuten gut ankommt.« Manchmal muss eben auch ein treusorgender Familienvater so richtig ausflippen. Und er träumt davon, was ganz Verrücktes zu tun. »Mit der Egli zum Kaffeetrinken nach Nizza und danach gleich wieder zurück.« Zu den Kindern, seiner Frau.Einmal im Jahr tourt er mit seiner Motorradclique an den Gardasee. Im Wohnmobil seines Bruders, sechs Maschinen auf dem Hänger hintendrauf. Dort lassen sie’s dann knallen den lieben langen Tag beim Pässemarathon. Aber fast genauso gern sitzt er mit seinem Kumpel Gerd vor seiner Werkstatt in der Sonne und schaut sich, ein Bier in der Hand, seine liebsten und schönsten Stücke an. Weil er’s mag, wenn alles glänzt, zieren gleich zwei Poliermaschinen seine Werkstatt. Zur Krönung lässt er dann den Motor an. »Bei alten Motorrädern kriege ich alle Schweinereien eingetragen. Meine Egli hat 105 dB legal, die macht Musik, das ist genial.« Im Industrieviertel, wo er wohnt, stört das nicht, und durchs Städtle kurvt er extrem niedertourig, aber danach ... In der Beziehung hat sich kaum was verändert im Vergleich zu jenen wilden früheren Tagen, als er mit seiner mobilen Disco und ihrem bol(l)ernden Sound von Party zu Party zog.

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