Porträt Claus Hämmer (Archivversion) Knallen muss es

Mr. Schwabenleder weiß, was Kombi und Rock’n’Roll im Innersten zusammenhält.

Ein wackerer Schwab’ fürcht’ sich nicht. So geschah es, dass Claus Hämmer, gerade der Bundeswehrfron entfleucht, sich zum Vorkämpfer der Emanzipation aufschwang. Der männlichen, versteht sich. Er bewarb sich um den Job einer Verkäuferin, ließ nicht locker, bis er ihn hatte. Was Hämmer damals nicht wusste: Dieser heldenhafte Sieg über dämliche Konventionen sollte sein Leben grundlegend verändern. Der gelernte Verlagskaufmann begann nämlich schnöde Kunstlederkombis zu verscherbeln, um Suzuki GT 250 und Gitarre zu finanzieren. Allerdings frönte der Mann, der später zur lokalen Rocklegende aufsteigen sollte - Konzerte seiner »Molch-Kombo« peitschen Schwabenmädels in unglaubliche Extasen -, damals noch der filigranen Kunst des Zupfens. Wer die brachialen Sounds seiner späteren Schaffensperiode goutiert hat, mag’s nie und nimmer glauben, dass der Altrocker in seinen Jünglingsjahren Liedlein von Reinhard Mey und Hannes Wader nachspielte. Reif für die Rock-Gitarre und die Fußstapfen seines Idols Keith Richards - »nicht der beste, aber der geilste Gitarrist der Welt« - war Hämmer erst, als er es im edlen Handwerk, Motorradkombis zu bauen, zur Meisterschaft gebracht hatte. »Das ist eine Frage der Grundeinstellung«, sagt Hämmer, »Tanzmusik kann jeder spielen, Durchschnittskombis jeder bauen. Doch für Rock’n’Roll und Schwabenleder braucht’s mehr. Da muss es krachen. Krachen wie ein Gitarren-Riff von Keith. Wie eine 44er-Magnum eben.« Nach weniger musikalischem Krach mit seinem cholerischen Chef, schmiss Hämmer seinen Job und machte 1977 im zarten Alter von 24 in einem Holzschuppen in Fellbach »Schwabenleder« auf. Im Gründerjahr vertrieb Hämmer Erbo-Kombis, bis es zu gewissen Komplikationen kam, weil er sich in eine der Erbo-Sekretärinnen verguckt hatte. Da traf es sich bestens, dass sein alter Boss einer der besten Näherinnen Maschine und Faden verleidet hatte. Die wartet nunmehr heimarbeitend auf den Motorradboten, der im Elefantenboy jeden Zuschnitt vorbei ritt. Die Stunde der ersten Schwabenleder-Häute hatte geschlagen. »Ich habe damals aus der Not eine Tugend gemacht und voll auf Individualservice gesetzt«, erklärt Hämmer seine Geschäftsphilosophie. Hämmer ist Schwabe und machte in der Gründungsphase seiner Firma den Vorurteilen, die diesem Menschenschlag anhängen wie Soße den Spätzle, alle Ehre. Von einem Partner trennte er sich schon nach kurzer Zeit. »Der wollte seinen Opel GT reparieren lassen. Da hab’ ich ihm gesagt: Nix da, mir brauchet’s Geld.« Seinem Freund, dem Dortmunder Borussen-Torwart Teddy de Beer, hielt er später Finanzhaie vom Leib, die dem Profi an die schwer erfaustete Kohle wollten. »Was machst du denn mit ‘ner Eigentumswohnung in Magdeburg?« Jedes Jahr kurven die beiden mit ihren BMW durch Österreich. »Nur das tun, was Spaß macht«, grinst Hämmer, »Motorrad fahren, Bier trinken, Darts spielen.« Steht auch heuer wieder auf dem Programm, obwohl Hämmer den Haider Jörg »zum Kotzen« findet. Teddy lernte er über den damals dauergewellten National-Keeper Toni Schumacher kennen. Als die beiden sich 1986 auf der IFMA in Köln über den Weg liefen, lachten sie fürchterlich und zeigten mit Fingern auf sich. Weil Hämmer wie Toni aussah und Toni wie Hämmer. Hämmers Sohn Dennis steht auch im Tor. Und der Papa dahinter. Unlängst kam’s knüppelhart. Für beide. Weil die Abwehr schmählich versagte, verließ Dennis weinend den verlorenen Posten zwischen den Pfosten. »Hab’ ihn sofort zurückgeschickt«, erzählt Hämmer. »Du kannst deine Kameraden nicht im Stich lassen.« »Konservativ« ist für Hämmer kein Schimpfwort. Er sieht diesen Begriff auch nicht politisch, eher moralisch. Kürzlich haben er und Dennis sich die »Star Wars«-Episoden reingezogen. Für Hämmer, und da erweist er sich als Meister der Kulturkritik, die Fortsetzung Karl Mays mit anderen Mitteln. Wie Kara ben Nemsi, was bekanntermaßen »Karl, Sohn der Deutschen« heißt, zeigt auch Hämmer Flagge. »Als Waldi seinen ersten Grand Prix-Sieg in meiner Kombi herausfuhr und die Nationalhymne ertönte, bin ich vor Rührung aufgestanden.« Solch erhebende Gefühle hätte er auch beim Hissen des Union Jack. Wenn Foggy sich denn in Schwabenleder hüllte. Aber das sind Dimensionen des Sponsorings, an die Hämmer nicht im Traum denkt. Schwabenleder besetzt eine Marktnische, verkauft 1500 Kombis im Jahr zum durchschnittlichen Stückpreis von 2000 Mark. Maßanfertigungen, aber auch Lederhäute, die nur in ein oder zwei Schablonen von den Standardgrößen abweichen. In die Massenproduktion möchte Hämmer gar nicht erst einsteigen. Weil Kombi-Bauen eben bekanntermaßen verdammt viel mit Rock’n’Roll gemeinsam hat. »Du brauchst ein Feeling dafür«, ist Hämmer überzeugt, der stundenlang über die optimale Platzierung handgeschnitzter Protektoren philosophieren kann und gerade einen Song von Queen studiert. »Hammer to Fall.« Der Mann weiß eben, wo der Hammer hängt.

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