Porträt Colin Edwards (Archivversion) Don’t mess with Texas

»Leg dich bloß nicht mit Texas an« – der frisch gebackene Weltmeister Colin Edwards verschaffte dem Wahlspruch aller Texaner auch in der Superbike-WM Gültigkeit.

Um ein Haar hätte es den Superbike-Champion Colin Edwards nicht gegeben. Der Texaner war gerade 14, als er den Helm erst mal an den Nagel hängte. »Ich war total ausgebrannt«, erinnert sich der Superbike-Weltmeister schmunzelnd an das Jahr 1988, »seit meinem dritten Lebensjahr saß ich auf irgendwelchen Maschinen, weil mein Vater ein Motorrad-Verrückter ist und ich überhaupt nichts anderes kannte.«Immerhin hatte der verfrüht abflauende Texas Tornado damals schon nennenswerten Erfolg. Jung-Colin war US-Meister der 80-cm3-Motocrossern. »Bei Yamaha USA haben die ganz schön blöd geschaut, als ich einfach aufgehört habe«, lacht der Champion, »schließlich war ich schon so was wie ein Werksfahrer.« Blitzartig holte der Teenager alles auf, was Jugendliche in diesem Alter in einem Provinznest wie Conroe, eine knappe Stunde außerhalb der texanischen Hauptstadt Houston so treiben, »die ersten Erfahrungen mit Mädchen, Bier, Musik, du weißt schon.«Und da Vater Edwards, ebenfalls mit Vornamen Colin, schlau genug war, seine Eislaufpapi-Attitüden abzulegen, ging der talentierte Junior dem Rennsport nicht ganz verloren, sondern stieg nach zwei Jahren aus eigenem Antrieb wieder in den Sattel. »Ganz unbeteiligt war mein Vater aber auch am zweiten Start nicht«, relativiert der heute 26-Jährige, »er hatte eine verunfallte Yamaha FZR 1000 gekauft und sie repariert. Und die stand natürlich nicht lange unangetastet im Hof.« Nur wenig später besuchten Colin und Colin ein Straßenrennen. »Dort traf ich einen Typen, den ich im Motocross immer abgehängt hatte. Der fuhr auf der Rennstrecke aber gar nicht mal schlecht«, schildert der Weltmeister den entscheidenden Moment seines Neustarts.Zur Erinnerung: 1991 Anfängerrennen auf Yamaha TZ 250, 1992 die Expertenklasse (vergleichbar mit der deutschen B-Lizenz) übersprungen und direkt in die Pro-Kategorie aufgestiegen. 1993 als 19-Jähriger Debüt in der US-Superbike-Meisterschaft, 1995 im ersten Superbike-WM-Jahr Elfter, 1996 WM-Fünfter, 1997 Saisonabbruch nach Trainingssturz in Monza,1998 Wechsel zu Honda und wieder WM-Fünfter, Vizeweltmeister 1999 und dann Weltmeister.Bei aller Stringenz seines Werdegangs erlebte Colin Edwards in seinen beiden rennfreien Teeny-Jahren die wichtigste Ausprägung seiner Persönlichkeit. Denn außerhalb der Rennsaison pflegt der Weltmeister zusammen mit seiner Frau Alyssia, die er schon seit High-School-Zeiten kennt, einen äußerst relaxten Lebensstil. »Hang out and chill« – rumhängen und ausruhen, kommt die Antwort blitzartig auf die Frage, was Mister Edwards abseits der Rennstrecken so treibt.Wichtig dafür ist sein vergleichsweise bescheidenes Haus direkt am Lake Conrey und somit ideal als Basis für Jet-Ski-Ausflüge oder coole Sunset-Parties geeignet. Oder der 1960er-Cadillac Coupe de Ville mit massiven Heckflossen, der in Colins Garage neben zwei Pick-ups und Alyssias rotem BMW M3 parkt und durchaus auch im Alltag eingesetzt wird. »Ganz besonders wichtig«, so Colin Ewards, »sind aber meine Kumpels. Das sind alles uralte Freunde, die ich schon ewig kenne. Und ich freue mich jedesmal unglaublich, wenn ich nach Conroe zurückkomme, weil wir immer jede Menge Spaß haben.«Der Spaßfaktor steht bei aller Professionalität für den Superbike-Weltmeister auch im Rennsport im Vordergrund. Und deswegen verspürte Colin Edwards bisher noch nie den Drang, in die 500er-Grand-Prix-Klasse zu wechseln. »Ende 1997 wollte Yamaha mich unbedingt zusammen mit Simon Crafar in das Red-Bull-Yamaha-GP-Team stecken«, blickt der Texas Tornado zurück, »aber ich war nicht zu einem bedeutenden finanziellen Rückschritt bereit, nur um GP zu fahren.« Stattdessen wechselte er 1998 zum Castrol-Honda-Team und bereut nichts. »Zu allen Erfolgen kommt noch die Tatsache, dass im Fahrerlager der Superbike-WM die Atmosphäre um Welten angenehmer ist als im GP-Paddock. Dort sind mir zu viele Idioten zugange.«Die technischen Unterschiede und die politischen Querelen um die Zukunft der Motorrad-WM-Serien interessieren Colin Edwards weniger: »Zweitakter, Viertakt-GP-Maschine oder Superbike - ich fahre alles, was zwei Räder hat, solange es mir Spaß macht. Und wenn das irgendwann mal aufhört, werde ich mich wohl auf Golf konzentrieren.« Auch da sind die Voraussetzung nicht schlecht. Auf dem Anwesen seiner Schwiegereltern findet Colin einen formidablen Trainingsplatz.

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