Porträt Dariusz Michalczewski (Archivversion) Zwei Fäuste für ein Harleyluja

Im Boxring ist Dariusz der Tiger, auf seiner Harley ein sanftes Lamm. Der Champ nimmt sich die Freiheit und gesteht: Ich bin ein schlechter Motorradfahrer. Und fühlt sich wohl dabei.

Kundige Masseurshände kneten des Meisters wohlproportionierte Muskelmasse nach verschärftem Aufbautraining. Als Dariusz sich erhebt, das blütenweiße Handtuch an geziemender Stelle drapiert, outet er sich mit charmierendem Lächeln auf gar nicht boxerhaftem Gesicht: »Von der Technik des Motorrads verstehe ich so wenig wie von der meines Autos. Ich weiß, wo bei beiden der Tank ist. Das genügt.« Der Mann kann sich«s leisten, keine Ahnung zu haben. »Der Sender Premiere«, freut sich der Fighter, »zahlt Super-Kohle.« Doch dann passiert das Unglaubliche, und der erfolgreichste deutsche Boxer aller Zeiten traut sich, was 99,99 Prozent der Biker in diesen Landen die Schamesröte ins Gesicht triebe. »Ich würde mich nicht als guten Motorradfahrer bezeichnen«, gesteht er. »Aber deshalb bin ich vorsichtig, geh« im Straßenverkehr kein Risiko ein. Motorradfahren ist viel gefährlicher als Autofahren.« Und einmal in Fahrt beichtet er subito weiter: »Ich bin übrigens auch kein guter Autofahrer. Meine Frau steigt äußerst ungern bei mir ein. Zumal Einparken nicht meine Stärke ist. Da habe ich schon des öfteren ein bißchen Blech verbogen.« Nach einer solchen Offenbarung würden sich Hunderttausende deutsche Männer sofort in Bommerlunder ersäufen oder ihre roten Schumi-Mützen in Grünen Tonnen entsorgen - doch der Tiger schmunzelt nur. Weil er weiß, wo seine Grenzen sind, und es für läppisch hält, seine Männlichkeit auf dem Bike zu beweisen, verhält er sich einfach dementsprechend. Zurückhaltend, immer ganz aufs Fahren konzentriert. »Kurz vor einem Kampf würde ich nie das Motorrad herausholen. Dann sind die Gedanken woanders, nicht frei.« Kritische Situationen hat er auf der aufgemotzten Harley mit dem Tiger auf Tank und Sattel deshalb noch nie erlebt. »Ich fahre langsam, schlängle mich nie zwischen den Autos durch, meide die Stadt, genieße es statt dessen, entspannt über Land zu touren, durch Felder und Wälder.« Genau so fing seine Motorradkarriere schließlich auch an. In Polen, seiner Heimat, auf Uralt-Mopeds von Freunden, mit denen er von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof tuckerte. Als er zwölf war, starb sein Vater, in der Familie war er jetzt der Mann, und Jung-Dariusz ging«s Boxen an. Er machte rüber in den Westen, schlug sich für Bayer Leverkusen, wurde Weltmeister der Amateure, noch für Polen, alsdann Profi und Deutscher. Richtig anerkannt von seinen neuen Landsleuten fühlt er sich freilich noch nicht. »Wenn ich gewinne, bin ich Deutscher, aber wenn ich ein Auto klauen würde«, und da lacht er, »wäre ich sofort der Pole. Und in Polen bin ich der, der für Deutschland boxt. Obwohl ich erfolgreicher bin, als Henry Maske es je war, werde ich nie so populär sein.« Dariusz kennt die Probleme der Wanderer zwischen zwei Welten, die in keiner richtig zu Hause sind - egal ob Türke, Pole oder Rußlanddeutscher. Und er, privilegiert, weil von materiellen Sorgen frei, versucht zu helfen. Mit Geld und mit persönlichem Einsatz. »Ich beteilige mich an einem Projekt mit Jugendlichen in einem Hamburger Vorort, die straffällig geworden sind.« Er trainiert ab und an mit den Kids, und die finden«s prima, den Weltmeister zum Draufhauen nah bei sich zu haben. »Mehr Polizei bringt’s nicht«, argumentiert Dariusz, »soziales Engagement ist effektiver. Die Jungen lassen sich noch ändern, die lernen, begreifen, erkennen vielleicht noch ihre Chancen, auch wenn sie so viele nicht haben. Im Gefängnis klappt das nicht, nur in Freiheit.« Der Champ hat was zu sagen, widerlegt mit fast jedem Satz das Klischee des dumpfen Kloppers, redet mal fließend schnell, dann wieder stockend, sucht nach Wörtern in einer ihm manchmal immer noch fremden Sprache - und findet sie dann auch. Am schnellsten, wenn«s um seinen Job geht. Das Boxen. Er amüsiert sich köstlich, wenn ihm vorgeworfen wird, wie er, ein gläubiger Katholik, seinen Lebensunterhalt damit verdienen könne, anderen Menschen weh zu tun. »Ich kenne auch das Alte Testament und habe deshalb kein Mitleid, selbst wenn der Gegner ganz offensichtlich unterlegen ist. Er hat trainiert, will mich schlagen, hat seine Chance, und er hat gewußt, worauf er sich einläßt.« Angst vor Verletzungen treibt ihn nicht um. »Wenn sich solch Gefühle in dir regen, muß du aufhören. Außerdem kannst du überall Blessuren erleiden. Eine der schlimmsten, die ich jemals erlitt, brachte mir eine Briefträgerin bei. Die fuhr mich auf ihrem Postfahrrad über den Haufen.« Boxen will er, solange die Fäuste mitspielen. Für die Absicherung der Familie, seiner Frau und der zwei Kinder. Selbst nach einer Niederlage. »Wenn du im Ring verlierst, ist das schmerzhafter als beim Fußball. Viel endgültiger, du hast am nächsten Wochenende nicht die Chance zur Wiedergutmachung.« Aber noch ist er ungeschlagen. Und so will er auch abtreten. Bei seinen Trips auf der mit S & S-Teilen aufgeblasenen EVO an Nord- und Ostsee streift er solche Gedanken ab, da lebt er nur im Hier und Jetzt des Fahrens. Wenn die schnellen Jungs und Mädels auf ihren Maschinen an ihm vorbeipreschen, kommt kein Neid, sondern Freude auf. »Das sind meine Motorradhelden in der Wirklichkeit. Nicht die Rennfahrer, das sind alle, die mit ihrem Bikes leben, sie pflegen, sie in- und auswendig kennen.« Und für ihn ganz wichtig: »Mit ganzen Herzen dabei sind.« So wie er selbst.

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