Porträt des Clubs MOTO aktiv (Archivversion) Aktiv-Kohle

Der Motorradclub MOTO aktiv geht ins zehnte Jahr seiner Existenz, hat über 2000 Mitglieder und schickt sich an, aus seiner schweren Finanzkrise wie Phönix aus der Asche aufzuerstehen.

Geht MOTO aktiv baden? So stand`s geschrieben auf der letzten Seite der neuesten Mitgliederzeitschrift, garniert mit einem netten Bildchen, das zwei kleine nackige Mädchen mit weinerlichem Gesicht in einer Plastikbadewanne zeigte. Derbe Selbstironie und eine gehörige Portion schwarzen Humors kann man den Aktiven des größten Motorradclubs in Deutschland nicht absprechen. Anlaß zur lustig-selbstkritischen Lagebeurteilung hatte der letztjährige Kassensturz geboten, der beinahe das Aus der seit 1987 Aktiven Motorradfahrervereinigung bedeutet hätte. Dem Club, der sich seit Jahren in der Hobby-Rennszene als Veranstalter einen Namen gemacht hat, war die Puste ausgegangen. »Wir hatten ganz schön Muffe, daß uns die Mitglieder davonlaufen würden«, kommentiert Martin Grein, neuer Geschäftsführer von MOTO aktiv die Katerstimmung, die die Verantwortlichen erfaßt hatte, nachdem das Finanzloch von satten 360000 Mark im letzten Geschäftsjahr klaffte. Der einzige Weg aus der Patsche war nämlich eine einmalige Umlage gewesen, die die Mitgliederversammlung des eingetragenen Vereins am 23. November letzten Jahres im Congress Center in Marburg beschlossen hatte. 170 Mark mußte jedes Mitglied des eV berappen. Pessimisten glaubten, das würden die wenigsten MOTO Aktivisten wegstecken. 2522 Mitglieder zählte der Verein bis dato. Wie viele würden dem Motorradclub den Rücken kehren? »Zirka 400 Austritte hatten wir«, sagt Edgar Wege und blickt unverdrossen auf die nunmehr wohlgeordneten Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm seines Rechners. Der einzige im Verein, der keinen Motorradführerschein besitzt, dafür aber um so besser mit Zahlen umgehen kann, ist seit eineinhalb Jahren Buchhalter der Fortbildungs- und Schulungseinrichtung für Zweiradfahrer e.V., wie sich MOTO aktiv im Untertitel nennt. Die Katerstimmung ist mittlerweile verflogen, denn neben den Austritten gab`s freiwillige Spenden und aufbauende Worte etlicher Mitglieder, die per Brief, Telefon oder Fax in der Geschäftsstelle in Cölbe-Reddehausen bei Marburg eingingen. Derart ermuntert und in ihrer Arbeit bestärkt, zeigten sich die Aktiven um Martin Grein beim MOTORRAD-Besuch in Reddehausen wieder obenauf und voller Tatendrang. Und der nächste Termin tags drauf stand längst im Kalender: Am 17. Januar stieg die große Helferparty. Austragungsort dieser »höllischen Verlustigung« (O-Text der Mitgliederzeitschrift) ist wie in den Jahren zuvor die Villa Löwenherz im norddeutschen Lauenförde. Alle, die 1997 zum Gelingen der zahlreichen Veranstaltungen von Langstreckenrennen, Rollerrennen bis hin zu Fahrsicherheitslehrgängen, Technikursen, Standdienst auf Messen und anderem beigetragen haben, feierten die vergangene Saison gebührend und holten sich frische Motivation für die kommenden Aktivitäten. Als da wäre eine ganz neue Rennserie: die Deutsche Langstreckenmeisterschaft mit fünf Läufen, der erste im französischen Val de Vienne (11. bis 13. April), der letzte im ostdeutschen Oschersleben. Spaß am Motorrad haben, jungen Bikern den Einstieg erleichtern, Rennen organisieren, Trainings machen, das hatte sich MOTO aktiv von Anfang an auf die Fahnen geschrieben. Ende 1987 hatte sich eine kleine Gruppe von Aktiven, darunter maßgeblich Matthias Kautzsch, der spätere Geschäftsführer von MOTO aktiv, von der Kuhlen Wampe abgespalten, einem Motorradclub, der politisch arbeiten wollte, für die Rechte der Motorradfahrer kämpfte und sich politisch eng an die sozialistische Studentenvereinigung MSB Spartakus und den SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) anlehnte. »Wir wollten nicht nur diskutieren, wir wollten was für die Motorradfahrer machen«, sagt Hartmut Gerhardt, ein Urgestein des Clubs und schon zu Kuhle Wampe-Zeiten dabei. Damals wie heute ist der 38jährige Hesse Mitglied des fünfköpfigen Vorstands. Zur Gründungsversammlung am 10. März 1988 hatte der Club, der sich die Form eines eingetragenen Vereins gegeben hatte, 31 Mitglieder. Mit den ersten Serienmaschinentrophys (SMT), die noch zusammen mit der Kuhlen Wampe organisiert wurden, erlebte MOTO aktiv einen gewaltigen Aufschwung. Ende 1988 zählte man bereits 150 Mitglieder. Als der Club dann Hein Gericke als Sponsor gewinnen konnte, kühlte sich das Verhältnis zur Kuhlen Wampe, die eine Zusammenarbeit mit der Industrie ablehnte, zwar merklich ab, dafür konnte MOTO aktiv in der Saison 1989 durchstarten und gleich sechs SMT-Rennen durchführen. »Ohne die finanzielle Unterstützung von Gericke wären wir damals schnell pleite gegangen. Wenn 20000 Mark in der Kasse fehlten, hat Gericke das einfach mal übernommen«, lobt Hartmut Gerhard die damalige Spendierfreude der Bekleidungs- und Zubehörkette. Mehr Professionalität in der Organisation der Veranstaltungen war schon damals ein Ziel. Und dem sind die MOTO Aktivisten ein gutes Stück näher gekommen. 120 Instruktoren, 500 ehrenamtliche Helfer, 15 Arbeitsgruppen, 50 ehrenamtliche Mitglieder in den Leitungsgremien des Vorstands und Vorstandsbeirats sowie 20 regionale Ansprechpartner hat die vereinseigene Infrastruktur heute zu bieten. Daneben verfügt der Club über ein ordentliches Vereinshaus mit großer Lagerhalle, mehrere moderne Büroarbeitsplätze mit vernetzten PCs, zwei MAN-Lkw, einer davon das ehemalige Klinomobil des Renndoktors Christof Scholl, zwei über 100 000 Mark teure elektronische Zeitnahmesysteme - für Langstreckenrennen unabdingbar -, eine Rennküche, einen Messestand und vieles mehr. »Früher war unser Verein ein kleines Boot, heute ist es ein dicker Dampfer, den man gar nicht mehr so leicht steuern kann«, weiß Vorstandsmitglied Hartmut Gerhard. Daß dabei die Finanzierung eine große Rolle spielt, weiß der Vorstand spätestens seit dem Kassenloch vom letzten Jahr. »Wir müssen mehr rausgehen, die Industrie kontaktieren, Sponsoren finden. Den Jahresbeitrag für die Mitglieder haben wir gerade auf 120 Mark angehoben. Mehr wollen wir da nicht machen«, erklärt Martin Grein. Der kontaktfreudige Isle-of-Man-Hobbyrennfahrer und ehemalige Außendienstler bei MuZ ist wohl der richtige Geschäftsführer für die neue Zeit nach Matthias Kautzsch, der kürzlich mit 39 Jahren an Herzversagen verstarb. »Ihm haben wir viel zu verdanken«, ist sich Grein mit seinen Vorstandskollegen einig. Der Antrag auf der letzten Mtgliederversammlung, das Gäste- und Tagungshaus in Reddehausen den Namen ´Matthias Kautzsch-Haus` zu geben, wurde denn auch ohne Gegenstimmen angenommen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote