Porträt Dirk Faber (Archivversion) Rot und Blau

Dirk Faber sammelt. Und das leidenschaftlich, gierig. Sein Faible für Honda bis 350 cm3 treibt ihn durch halb Deutschland und nach Italien. Und wenn so ´ne Honda dann noch die richtige Farbe hat...

Ich habe da so einen Spleen: Ich möchte jedes Honda-Modell in Blau und Rot. Wenn ich was zukaufe, muss ich allerdings ganz schön hin- und herschieben«, sagt Dirk. Damit das Streifenmuster erhalten bleibt, je ein roter und blauer Honda-Zwilling dicht gedrängt nebeneinander stehen. Um seine Sammlung unterbringen zu können, musste Dirk expandieren. Zum Glück kosten alte Häuser auf dem Land bei Tuttlingen nicht die Welt. So konnte er sich das Nachbarhaus unter den Nagel reißen und mit Honda und anderen kleinvolumigen Zweirädern voll packen.Fast jedes Wochenende wühlt sich der Jäger und Sammler durch Veteranen- und Oldtimermärkte und erfeilscht oft absonderliche Raritäten. In Italien trieb er eine unscheinbare, doch sehr seltene Honda Amigo P 50 auf, Baujahr 1971, mit 50-cm3-Viertakt-Motor. Oder vor Jahren die weiße Honda CB 125 X mit Ceriani-Gabel und Dellorto-Vergasern, ein Italien-Import, den es so nur dort gab.Dirk, im normalen Leben Küchenmeister und mit Einkauf, Speise- und Personalplänen befasst, hat sich einen Gewerbeschein besorgt und handelt nebenher mit seinen Oldtimern. Sonst würde ihm, trotz Nachbarhaus, schnell der Platz knapp – und das Geld. Der leidenschaftliche Sammler lebt im permanenten Zwiespalt zwischen der Notwendigkeit, sich von seinen kleinen Dingern zu trennen, und dem Zwang, sie zu horten. Weil er fast nur Fahrzeuge kauft, die ihn selbst faszinieren, herrscht Heulen und Zähneklappern, sobald ein Interessent auftaucht. Dabei weiß Dirk nur zu gut: Wer Verkaufsinserate aufgibt, sollte sich darauf einstellen, dass diese ab und an die ihnen zugedachte Funktion, als da wäre das Anlocken der werten Kundschaft, erfüllen. Umso mehr freut er sich, wenn seine kleinen Kostbarkeiten nicht den Vorstellungen des Interessenten entsprechen.Trägt er von einem Teilemarkt mehr Geld heim als er ausgegeben hat, fühlt er sich nicht richtig glücklich: »Der Sammeltrieb wird dann nicht befriedigt.« Seine Frau nimmt’s gelassen und mit Humor. Kein Wunder – schließlich verpflichtet sie ihr Hobby zur Toleranz mitmenschlicher Narreteien. Wenn die karnevalistische Mechthild mit dem Elferrat tagt, hütet Dirk Haus, Hof, Kinder und Mopeds.Überhaupt nicht lachen konnte er, als er in die chinesische Rollerfalle fiel. Ein Freund hatte Dirk angerufen und ihm von einer »Honda, kleiner als eine DAX« berichtet. Dirks Alarmsystem schrillte. Eine Monkey, bestimmt eine Monkey! »Kaufen, sofort kaufen!« bellte Dirk wie ein hysterischer Börsenmakler in den Hörer. Doch seine Aktien fielen ins Bodenlose. Das Ding entpuppte sich als profaner chinesischer Sasy JC 50 J von einem Hersteller namens Daco. »Was will einer bloß mit so was?« knurrt er verärgert und tritt gegen den fetten Hinterreifen.Trotz Honda-Tick öffnet Dirk seine Scheune schon mal Mopeds aus einem anderen Stall, zum Beispiel für die MV Agusta Liberty Sport Junior mit 50 cm3 von 1963. »Die gehört eigentlich Aaron«, erklärt Dirk. Aaron, der jüngere seiner beiden Söhnen, gerade mal sechs Jahre alt, zeigt bereits Anzeichen einer hochgradigen Infektion mit dem väterlichen Oldtimer-Virus. »Wir waren auf einem Markt in Italien und schon im Aufbruch, da hat er sie plötzlich haben wollen. Also habe ich sie vom Hänger herunter gekauft.« Der Lack perfekt, alles original, thront die MV auf ihrem italienisch beflaggten Sockel im ersten Stock des Bauernhauses. Schräg gegenüber an der Wand duckt sich eine kleine graue Maschine: eine 98-cm3-Ducati von 1955 in ebenfalls tadellosem Zustand. Was Dirk bedauert: »Der Lack kann gerne gebraucht aussehen. Dann erzählen die Mopeds was von ihrer Geschichte und den Besitzern.«Der größte Raum des Mopedheims, direkt unterm Dach, beherbergt weitere Kleinodien, die nicht zum Honda-Rudel gehören. Wie Schweinehälften baumeln Rickman- und Aprilia-Verkleidungen, Gepäckträger und Plastikbürzel an Schnüren von den Balken. Diese Schlachthausmethode spart Platz, der nach jedem erfolgreichen Beutezug rarer wird. Der findige Dirk liebt solch praktikable Lösungen der eher einfachen Art. Als er an den schmalen Treppchen des neuerworbenen Hauses schon verzweifeln wollte – »Wie bugsiere ich nur die Mopeds in den ersten Stock?« - hatte er noch so einen Geistesblitz. Das Haus liegt am Hang und der erste Stock auf Höhe des dahinter verlaufenden Sträßchens. Ein Stück Mauer raus, ein Rolltor rein – und schon war das Problem passé.Dirk stöbert permanent nach allerlei Accessoires. »Es gibt keinen Müll«, lautet sein Credo. »Eigentlich kann man alles irgendwie brauchen.« Ähnlich rührig wie bei der Suche nach Verwertbarem agiert Dirk auch zwischen seinen Ausstellungsstücken. Er bleibt selten still stehen, sondern feixt, zeigt, erklärt, kauert, deutet und raucht eine Kippe zwischendurch. Von der Wand herab grinst ein fröhliches Michelin-Männchen auf blauem Grund, kuriose Zündkerzen finden ihren Platz in einer eigens gebauten Leiste. Helme, Fahnen und beleuchtete Schilder illustrieren, wie weit Dirks Sammelwut geht. »Demnächst mach´ ich´s mal anders. Dann fahre ich auf einen Markt und kaufe einfach alles bis 100 Euro«, grinst der Honda-Besessene.Und gesteht leicht verlegen, dass er für Alltagstouren seine BMW K 1100 LT nimmt. Die ist bequem, zuverlässig, taugt selbst bei Sauwetter und ist außerdem schnell im Vergleich zu Dirks sonstigem Fuhrpark. Er bewegt aber auch seine Oldies, vor allem die ganzjährig angemeldete Moto Guzzi Airone. Mit Guzzi Lodola 235, Honda CB 125 K5 und CB 100 hat man den gebürtigen Stuttgarter ebenfalls schon durchs Tuttlinger Umland semmeln sehen. Wie alle Freunde antiquierter Technik nannte der Familienvater auch mal ein Dnepr-Gespann sein Eigen. Seine Söhne Aaron und Adrian waren begeistert, weil sie endlich mal mitfahren konnten. Weil Mechthild die drei aber bei fast jeder Ausfahrt mit dem Hänger auflesen musste, hat Dirk das Gespann grummelnd wieder verkauft.»Wie soll denn das Wetter die nächsten Tage werden?« fragt Dirk die durchs offene Rolltor schauende Mechthild. »Ich will nämlich wieder nach Italien runter. Mal schauen, was ich da auftreibe.« Dirks Augen leuchten, und Mechthild düst ab zum Elferrat.

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