Porträt Doris Schubert (Archivversion) Die Chefin

Studieren, jobben, schrauben und die DLM gewinnen.

Doris kennt die CBR 900 in- und auswendig, schraubt eine ganze Langstreckensaison an ihr herum - und ist sie noch nie gefahren. »Die Maschine passt einfach nicht zu mir.« Zu groß, zu unbequem. Zu teuer? »Angst, etwas kaputt zu machen, hätte ich nicht. Die Jungs haben da auch keine Hemmungen.« Ihre Jungs. Als da wären Christian, mit dem sie nicht nur im Fahrerlager zusammen ist, Josh, Peter und Wolfgang. Zum zweiten Mal hat sich ABBCO Kettenfett, so heißt das Team, die Deutsche Langstreckenmeisterschaft geholt. Dank Doris. »Ohne sie geht’s nicht«, sagt Josh. Doris ist der Chef. »Die Frau hat Benzin gerochen«, lobt Erhard Melcher die Maschinenbaustudentin. Melcher gründete zusammen mit Werner Aufrecht die Tuningschmiede AMG, die so erfolgreich lief, dass Daimler Chrysler kurzerhand einstieg. Als er hörte, dass sie an Mopeds schraubt, stellte er Doris sofort als Praktikantin ein: »Motorradleute sind angefressen, die können, wenn’s darauf ankommt, eine Nacht durcharbeiten, ohne zu schlafen.« Für Doris, 24-Stunden-Rennen-erprobt, eine Kleinigkeit. Dabei hatte sie vor ihrer Zeit bei AMG noch nie einen Motor zerlegt. Aber jetzt schafft sie sich rein, sieht in der filigranen Kunst motorischer Leistungssteigerung eine Lebensperspektive. »Vergangenes Jahr hatte ich einen Durchhänger, ein Formtief. Ich habe keine Zukunft in irgendeinem Beruf für mich gesehen.« Also legte sie ein Urlaubssemester ein, nutzte das halbe Jahr Distanz zur FH Mannheim. Nicht um über den weiteren Lebensweg zu sinnieren. Doris klotzte ran. Sie musste Geld verdienen, fuhr Pizza aus, malochte am Fließband, fabrizierte Schmuck aus Metall. Und dachte eigentlich immer nur an das eine. »Wenn ich Kohle hätte, würde ich die natürlich ins Team investieren.« Aber sie muss erst mal selbst sehen, wie sie über die Runden kommt.Deshalb fährt sie, notgedrungen, noch »das hässlichste Motorrad der Welt«. Yamaha XS 400, Baujahr 1984. »Mal abgesehen von Öl wechseln und Benzin nachfüllen ignoriere ich die.« Seltsam, denn eigentlich macht schrauben der Doris immer Spaß. Nach dem Abi absolvierte sie ein Praktikum in einer Schlosserei. Sie blieb hängen, lernte das Handwerk von der Pieke auf. Dann die Hochschule und verschärft die Motorradrennerei. Geholfen hat sie Freunden, die im Seriensport zu großen und kleinen Ehren kamen, schon länger. Richtig heftig erwischte es sie erst, als Christian und und seine Kumpels beschlossen, in die Deutsche Langstreckenmeisterschaft einzusteigen. Dafür brauchten sie, so verlangt’s das Reglement, einen Teamchef. »Doris, uns fällt niemand ein, wir melden dich. Einverstanden?« »Meinetwegen.« Aus der Not- wurde eine Patentlösung. Rennstrategie - die hat sie nicht erlernt, die hat sie im Blut. Dass sie die einzige Frau in dem Job ist, stört sie wenig. Und stolz macht es sie schon gar nicht. Der Virus hat sie ergriffen, so einfach ist das, und dagegen wehrt sie sich nicht. Warum auch? Vor drei Jahren, als sie anfing mit der Langstreckenplackerei, da gab es diesen Reiz, exzessiv im Team zu arbeiten. Unter Druck, unter Anspannung - als Lebensgefühl. »Im Seriensport fährt einer das Rennen, die andern helfen nur ein bisschen, bei der Langstrecke kommt es auf die Mannschaft an.« Da beweist sich die Teamchefin als Universaltalent. Sogar den dicken Bus zu steuern hat sie gelernt. Mal eben schnell den Führerschein Klasse 2 gemacht. Nur Kaffee zu kochen weigert sie sich. »Ich trinke Tee.« Fürs Catering - ansonsten die Domäne der Frauen im Fahrerlager - hat sie keine Zeit. Aber an der mangelt es ihr eh, weil alle denken, dass sie genug davon hätte. »Als Studentin kannst du immer ein Stündchen abzwacken, besser jedenfalls als Leute, die im Berufsleben stehen.« Und das hat gewisse Konsequenzen. »Manchmal habe ich das Gefühl, als studierte ich nur nebenbei.« Verkleidungen bestellen und montieren, Reifen organisieren, die Logistik fürs Rennen auf die Reihe bringen, Geld verdienen, Vorlesungen besuchen, Seminararbeiten schreiben - ist eigentlich schon mehr als genug. Und jetzt noch die Tuning-Lektionen bei AMG. Bisher hat das Team ABBCO Kettenfett die Meisterschaft mit Serienmotoren dominiert. Sieht ganz so aus, als ob sich das ändern könnte. Mit noch mehr Power von Doris nächstes Jahr.

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