Porträt Dr. Christoph Scholl (Archivversion) Mein lieber Scholli

Du kannst im Leben nur eine Sache richtig machen, sagt der Doc. Wurde also ein prima Rennarzt und nicht ganz so brillanter Rennfahrer. Doch auf der Nordschleife, seiner großen Liebe, macht ihm so schnell keiner was vor.

Vor lauter Vorfreude hatte ich Tränen in den Augen«, begeistert sich Dr. Christoph Scholl. Ob er nicht Bock habe, ein paar Runden auf der 250er Grand Prix-Aprilia von Jürgen Fuchs zu fahren, hatte ihn Henk van Asselt gefragt, dessen Docshop-Team sich liebend gern der medizinischen Talente Scholls bedient. Der war sofort Feuer und Flamme. »Wie Weihnachten, ich habe micht gefreut wie ein Kind.« Emotionen - die braucht der Doc zum Leben. Beckmesser kann er nicht ab. Diese Typen, für die Freude ein Fremd- und Bilanz ein Zauberwort ist. »Mir geht’s um das nicht Quantifizierbare«, sprudelt es aus ihm heraus. »Es ist doch schlimm, wie alles in Zahlen und Soll und Haben rubriziert wird.« Wer so denkt, zahlt drauf. Scholl nimmt das in Kauf. Weiß, daß seine Vorstellungen in einer Gesellschaft, wo der Erfolg fast alles rechtfertigt, offiziös zwar höchst geschätzt, insgeheim aber eher belächelt werden. Hilfsbereitschaft zum Beispiel. So bürgte er spontan für den Rücktransports eines Ferrari-Fahrers, der seine Edelkarosse auf einer spanischen Rennstrecke geschrottet und sich einen offenen Bruch eingefahren hatte. »Kaum zu Hause angekommen, leistete der Kerl den Offenbarungseid. Von dem Geld, 14000 Mark, habe ich nichts mehr wiedergesehen.«Geschichten wie diese könnte er viele erzählen. Etwa die vom vorbestraften Angestellten in seinem Motorradladen, den er auf Bitten eines Sozialhelfers eingestellt hatte. Und der ihm alsdann in betrügerischer Kleinarbeit den ganzen Betrieb ruinierte. »Sie müssen mehr für Ihr Marketing tun«, hatte ihm einst der Chef der hiesigen Niederlassung eines japanischen Motorradherstellers geraten. Denn der Manager wollte partout nicht einsehen, daß der fröhliche Mensch in den Bermuda-Shorts allen Ernstes Mediziner sei. Und zwar genau der richtige Mann, um seine vom Motorrad gefallene Tochter zu verarzten. Seitdem kennt und akzeptiert man sich. Die Welt, wie Scholl sie sich wünscht, gliche einem einzigen großen Fahrerlager. Wo Menschen, die von den gleichen Idealen beseelt sind, bei aller Konkurrenz dennoch zusammenarbeiten, sich gegenseitig helfen. Beim Grand Prix oder der Superbike-WM gibt’s das kaum noch. »Da haben Formel 1-Allüren Einzug gehalten«, weiß der Doc. Der diese Szene aus dem Effeff kennt. Aus seiner Zeit als offizieller GP-Arzt. Mit all ihren bitteren Momenten. »Nie werde ich vergessen, wie ich neben dem gestürzten Reinhold Roth an der Piste kniete.« Scholl war nicht nur Roths Arzt, sie waren Freunde.Dennoch: Scholl denkt gern an diese Zeit zurück. »Positive Erlebnisse halten länger, schieben sich in der Erinnerung vor die wenigen schönen Augenblicke.« Und er erzählt glänzenden Auges von den Erfahrungen mit Fahrern, Mechanikern und Teamchefs. Von Freundschaften, die bis heute halten. Aber auch von der Klofrau aus Assen, die Scholl zu ihrem 60. Geburtstag eingeladen hatte. Als einzigen aus dem Grand-Prix Zirkus. »Das ist doch viel erfreulicher, als stolz auf der Ehrentribüne zu hocken.« Wichtig ist die Atmosphäre. Deshalb bevorzugt der Doc heute die kleineren Veranstaltungen. Wo alle aus Spaß an der Freude und der Geschwindigkeit motorsporteln. Da fährt Scholl vor in seinem angejahrten grünblauen Lkw. Hinten drin sein Laden. Spezialität: Unterbekleidung für Motorradfahrer, an deren Entwicklung er selbst mitgearbeitet hat. Vorn im Truck residiert und, wenn’s sein muß, praktiziert er. »Auf meinem Küchentisch sind schon viele Rennfahrer verarztet worden.« Sein perfekt ausgestattetes Klinomobil hat er verkauft. »Ich hab’s zeitlich einfach nicht mehr gepackt. Hindüsen, zurückfahren, 40 000 Kilometer im Jahr.«Seine Termine sucht er sich jetzt selbst aus. Die paar Grand Prix, bei denen er für Docshop vor Ort ist. Und auf jeden Fall die Veranstaltungen am Ring und in Oschersleben. »Toll war das 24-Stunden-Rennen vergangenes Jahr.« Als Scholl gestürzten Teams die Verkleidungen seiner zwei Maschinen lieh und einen Auspuff obendrein. So daß er sich noch selbst schnell ein Plastikkleid besorgen mußte, um ein paar schnelle Törns zu wagen. Fahren, schrauben, messen, diagnostizieren - einfach konkret was tun. Das gefällt ihm. »Dieses virtuelle Zeugs kann ich nicht ab«, schimpft der Doc und stimmt ein in das immer wieder gern gesungene Klagelied über eine vor Computer- oder TV-Schirm verblödende Jugend.Versteht sich, daß Scholl seine Wohnung am Nürburgring fernsehfrei hält. Mutter stammt übrigens aus Adenau. Das verpflichtet: 30 000 Rennkilometer auf der Nordschleife. »Ich bevorzuge den flüssigen, eleganten Stil, bremse nur ein einziges Mal und komme dennoch spielerisch auf Zeiten locker unter zehn Minuten.« Der Ring ist seine große Liebe. An die verkuppelte ihn der »verkommene Vetter«. Den die auf Anstand und Sitte bedachte Familie so nannte, weil er selbst in motorradfeindlichen Zeiten nie und nimmer vom Krad lassen wollte. »Und den wir als Kinder natürlich bewundert haben«, erinnert sich Scholl. Der, wie er sagt, an der Nordschleife jeden Grashalm mit Namen kennt. »Ein unbeschreibliches Gefühl, hier den Geruch von Benzin zu genießen.« Der manchmal allerdings einen üblen Beigeschmack annimmt. »Ich verstehe nicht, warum die Nürburgring GmbH Motorräder und Autos gleichzeitig auf die Strecke läßt. Deswegen sind schon viele schlimme Unfälle passiert.« Scholl kennt die Folgen - als Racer und als Arzt. Er hat lange genug in Adenau gearbeitet. Im Krankenhaus und als Notarzt.Als er noch studierte, schaffte er sich 1969 seine erste Rennmaschine an. Eine 250er Ducati mit Sechsganggetriebe und Trockenkupplung. »Das war meine Form des Protests, als ich gemerkt hatte, daß mich meine Kommilitonen nur wegen meiner rhetorischen Talente in alle möglichen Gremien gewählt hatten. Meine Inhalte, wofür ich eintrat, interessierten sie nicht die Bohne.« Die heutigen Studenten scheinen ähnlich konditioniert zu sein, wollten sie Scholl, der seine 30 Jahre jüngere Freundin mal an die Uni begleitete, doch gleich zum Semestersprecher küren. Für Architektur. Die neue Liebste fährt selbstverständlich auch Moped. Und das verdammt schnell, sagt der Doc. »Ich könnte gut damit leben, daß sie mich mal abhängt, aber noch ist es nicht soweit.« Seine CBR 600 haben die Profis vom Docshop-Team mit edelsten Rennteilen aufgemotzt, darunter ein Titan-Krümmer, der allein 7000 Mark kostet. »165 Kilogramm wiegt die Maschine nur noch«, erzählt Scholl stolz, schaut herab auf sein Bäuchlein und grinst. »Ich sollte dringend abnehmen, das könnte meine Rundenzeiten ungemein verbessern.«1989 wollte Scholl, damals 43 Jahre alt, die Rennerei eigentlich aufgeben. »Die Ratio riet es mir.« Aber Scholl wäre nicht Scholl, gäbe es da nicht diese emotionalen Momente im Leben. Und also wurde er rückfällig. Konnte es nicht lassen, beispielsweise bei ein paar Läufen des KTM-Cups gaszugeben. »Bin auf Anhieb auf den siebten Startplatz gefahren.« Schildert’s freudestrahlend und tritt einem Teilnehmer des Perfektionstrainings vom MOTORRAD ACTION TEAM auf dem Nürburgring, wo er immer gern präsent ist, als Arzt und wegen der paar Runden zwischendurch, den störrischen Einzylinder an. Für Touren auf der Straße läßt der schnelle Doc seine Rennmaschinen stehen. »Da greif ich zur alten Zweitakt-MZ oder einer Enduro.« Der Mann, der fast immer gute Laune hat, schlägt schier enthusiastische Töne an, wenn er auf seine Kids vom ADAC-Juniorcup zu sprechen kommt. »Die ziehen voll mit, da mußt du sogar aufpassen, daß sie nicht zuviel machen.« Und philosophiert munter weiter. »Die Rennerei ist doch sozialpädagogisch unwahrscheinlich motivierend. Die Jungs und Mädels, von denen überproportional viele aus den neuen Bundesländern kommen, erfahren Selbstverwirklichung im sozialen Konsens, erleben das Motorrad als Erweiterung der Bandbreite menschlichen Lebens, kommen weg von diesem ganzen Konsumschwachsinn.« Schlechte Laune übermannt den Doc nur, wenn er darüber klagt, wie stiefmütterlich der Motorradsport hierzulande behandelt werde. »Vom Deutschen Sportbund nicht als Disziplin anerkannt, fehlt es an Leistungszentren und einer qualifizierten ärztlichen Betreuung. Ein Skandal.« Auf die Palme bringt ihn auch der Stand der Ersten Hilfe hierzulande. »Neulich gondelte ich einem Glaslaster hinterher, der auf einmal in den Straßengraben fuhr und umkippte. Kein Mensch wollte mit mir ins Führerhaus steigen, um dem Trucker zu helfen. Die hatten alle Angst, etwas falsch zu machen.« Deshalb plädiert Scholl vehement dafür, die Erste Hilfe in den Schulen zum Pflichtfach zu machen. Sein Handy unterbricht den Redefluß. Ein Teilnehmer des ACTION TEAM-Perfektionstrainings ist gestürzt. Ausgerechnet ein Kollege, Orthopäde von Beruf. »Na, was schätzen Sie«, fragt der den Rennarzt. »Wette um hundert Mark, das Malheur liegt zwischen dem siebten und neunten Wirbel.« Wie recht Scholl mal wieder hatte. Es war der achte.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote