Porträt Dr. Ulrich Goll (Archivversion)

Im Zweifel für Fonda

Als Jurist entscheidet der baden-württembergische Justizminister Dr. Ulrich Goll im Zweifel für den Angeklagten. Als Justizminister dient er dem Wohle des Volkes. Und als Biker Uli spielt er am liebsten Easy Rider.

Der Justizminister feixt. Gleich wird er aller Ordnung zuwider handeln und auf dem Stuttgarter Schillerplatz ein Motorrad parken. Eigentlich strikt verboten. »Wir dürfen hier nicht reinfahren«, klagt Dr. Ulrich Goll, seit einem halben Jahr Justizminister in Baden-Württemberg, augenzwinkernd. Trotzdem posiert er mit seiner BMW R 1100 RT fürs MOTORRAD-Foto vorm Domizil der schwäbischen Justitia. Aus dessen Fenstern lugen die Landesdiener und freuen sich diebisch, als ihr Vorgesetzter artig lächelnd zum Model mutiert. »Die warten drauf, daß ich sie fallen lasse«, scherzt Goll. Aber er tut´s nicht. Schließlich ist die Gummikuh schon sein zwölftes Motorrad, und der Mann aus Überlingen hat locker mehr als 200 000 Kilometer auf zwei Rädern abgespult. Ein Routinier ohne Fehl und Tadel? »Ich habe Erfahrungen gesammelt, aber wenn mich der wilde Aff´ beißt, dann sage ich mir hinterher schon, das hättest du nicht machen sollen.« Übermut bremst ihn heute nicht mehr aus, der Minister sitzt fest im Sattel. In den 70ern dagegen, als er mit dem Kradeln begann, machte ihm eine Yamaha RD 250 schwer zu schaffen. »Damals ein ganz heißes Eisen.« Übermannt von 30 PS, fiel der Student der Rechte auf den ersten 3000 Kilometern gleich dreimal vom Bock. »Meine Freundin hat immer schon gekichert, wenn ich die Treppe hochkam und den Blinker in der Hand hielt.« Dabei gehörten seine wilden Jahre, zumindest die politischen, damals schon der Vergangenheit an. Im Wintersemester 1968 an der Universität in Freiburg glaubte Ulrich Goll noch, er sei ein Roter. »Streng genommen bin ich aus der SPD raus, weil sie mir zu weit rechts war«, lacht der Minister, dem seine Juso-Vergangenheit heute ein klein wenig peinlich erscheint. »Churchill hat gesagt: Wer mit zwanzig nicht Sozialist ist, hat kein Herz. Wer es mit vierzig immer noch ist, hat keinen Verstand.« So sieht´s auch Goll, der schon in seiner Jugend so recht in keine Schublade paßte. Der Schmiß an der linken Augenbraue, den er sich bei einer schlagenden Studenten-Verbindung zuzog, fällt heute kaum mehr auf.Bei Demonstrationen verhielt sich der Überlinger offenbar friedlicher als bei der Burschenschaft, übernahm er doch 1979 nach seiner Promotion die Stelle eines Dezernenten für Recht und Ordnung im Bodenseekreis und trat den Liberalen bei. »Wenn man aus den Stürmen der Jugend raus ist, bietet diese freiheitsliebende Partei für mich die nächstliegende politische Option.« Doch der Verein löst bei einem Individualisten, wie er sich selbst einstuft, auch Irritationen aus. »Wie teilweise um Einfluß konkurriert wird, stört mich. Aber das ist in jeder großen Organisation so.« Seine Polit-Karriere in der FDP kam dennoch flott voran: »Sie können kaum Mitglied werden, ohne in spätestens anderthalb Jahren Kreisvorsitzender zu sein«, witzelt Goll. Im Landtagswahlkampf 1984 warb er mit seinem Konterfei auf einer Honda VF 750 in einer Broschüre um Stimmen. Ein gewagtes Unterfangen. Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der Goll unterstützte, zeigte mit spitzem Zeigefinger auf das Bild. »Da habe ich natürlich gedacht, der sagt, das mit dem Motorrad hätten sie nicht machen sollen. Aber der hat nur gemeint, kein inländisches Fabrikat.« Ein cleverer BMW-Händler, der mithörte, verkaufte dem Politiker eine K 100. »Ich war jahrelang skeptisch gegenüber BMW. Junge Leute glauben eben, das seien lahme Stühle.« Doch für den Juristen war der »fliegende Ziegelstein« das richtige Bike: »Wenn man zwischendurch reine Regentage hat, geht ohne Verkleidung mindestens die Laune der Beifahrerin baden.« Die heißt traditionell Eryka, ist Rechtsanwältin und seit 1984 Frau Goll. Trotzdem tanzte der Jurist auf mehreren Hochzeiten: Professor in Ravensburg, Gemeinderat in Salem, Landtagsabgeordneter in Stuttgart. Schließlich 1995 Personalchef beim Südwestfunk. In Baden-Baden legte sich der Jurist neben der obligaten Blauweißen als Zweitmotorrad eine Harley-Davidson Softail Custom zu. »Für Sonntag und zum Putzen. Aber dann merkte ich, daß ich aus dem Alter doch raus bin.« Sprach´s und kaufte eine Road King. »Ein rollendes Sofa«, scherzt er und erzählt gleich einen Witz. »Was ist der Unterschied zwischen einem Cadillac und einer Harley? Wenn man die Harley losläßt, fällt sie um.« Doch Distanz hin oder her, einen Deckel am neuen Straßenkönig ließ er mit dem Motto »in vito invidia«, auf deutsch »dem Neide zum Trotz«, gravieren. »Das klingt ein bißchen hochtrabend.« Kurze Zeit später wurde aus Ulrich Goll, was er heute ist: Justizminister in Stuttgart. Zwar saß zuerst eine Frau in der ersten Reihe, die Juristin Gisela Frick, die kaum ernannt, auch gleich wieder zurücktrat. Der Minister der zweiten Wahl trägt´s mit Fassung: »Ich fand das eine gute Idee, sie zuerst zu fragen«, sagt er und knetet doch seine Knöchel.Als ehrgeizig empfindet sich Goll durchaus, über seine Tugenden jedoch schweigt er lieber: »In diesem Geschäft ist niemand ein reiner Engel.« Dennoch hält er sich im Minenfeld der Politik an zwei Prinzipien: »Man muß wissen, was man will, und an das Gute im Menschen glauben.« Sonst umgäben auch einen Minister nur griesgrämige Gesichter. In seiner spärlichen Freizeit fährt Goll ab und an mit den »Schnellen im Geiste« herum, einem losen Zusammenschluß von Journalisten, Richtern und Kulturschaffenden auf zwei Rädern. »Wir wollen das schlechte Image der Motorradfahrer bekämpfen.« Dazu tragen für ihn jene Radaubrüder bei, die mit illegalen Auspufftüten rumheizen. »An manchen Wochenenden, im Schwarzwald, geniert man sich direkt dazuzugehören.« Deshalb hat der Jurist auch durchaus Verständnis für protestierende Anwohner. »A priori bin ich aber gegen Streckensperrungen.«Verhält sich der Minister immer vorbildlich? Oder quetscht er sich doch mal am Stau vorbei oder an der Ampel vor? »Ich habe das in verschiedenen Fällen, die schon verjährt sind, so gemacht. Die künftigen werden auch verjähren«, hofft der ministrable Biker. Privat spricht er sich dafür aus, daß ein Motorrad langsam an einer stehenden oder langsam fahrenden Autokolonne vorbeifahren darf. Doch an der Straßenverkehrsordnung könne er nicht rütteln. »Das ist eine Angelegenheit des Bundes«, meint der Baden-Württemberger. Zudem sollten sich Motorradfahrer zuerst mal selbst helfen. Zumindest was ihren Ruf angeht.Dabei sorgt der Minister im Hochsommer fürs Biker-Image, indem er hemdsärmlig und in Jeans seine BMW lenkt. »Ich bin über jede Theorie froh, die sagt, daß man sich in erster Linie wohlfühlen muß und alles andere das Unfallrisiko erhöht.« Obwohl in seiner Hüfte schon Splitt steckte. »Die Unfallchirurgen haben mich böse angeguckt. Aber das ist wieder verheilt.« Fit fürs Motorradfahren hält ihn der tägliche Waldlauf. Nebenher spielt er Gitarre und Piano. Lieder von Eric Clapton, Elton John und den Doors mag er am liebsten. Voll die 60er und 70er Jahre. Bei diesen Vorlieben: Welche Rolle hätte er im Film Easy Rider gern gespielt? »Im Zweifelsfall die von Peter Fonda.“
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Goll, Dr. Ulrich: Porträt (Archivversion) - Fragebogen

1950 in Überlingen am Bodensee geboren
1979 Promotion im Fach Jura
1982 Professor an der Fachhochschule Ravensburg
1995 Personalleiter bei Südwestfunk Baden-Baden
1996 Justizminister in Baden-Württemberg
Wie sieht für Sie das vollkommene Glück auf zwei Rädern aus?Ich denke da an einen schönen Tag, als ich mit einer Harley um den Bodensee gefahren bin und vorher in Kreuzlingen eine frischgeschnitzte Davidoff geraucht habe.Was treibt Sie beim Motorradfahren zur Verzweiflung?Wenn es aus der einzigen Wolke, die am Himmel ist, regnet, was verdächtig oft der Fall ist.Was war Ihr größter Erfolg?Wenn ich heimkomme und in jedem Moment vernünftig gefahren bin.Was war Ihre größte Blamage?Als ich noch nicht lange verheiratet war, mußte sich meine Frau erst noch ans Motorradfahren gewöhnen. Da bin ich von einem Paß runter von einer Gold Wing überholt worden. Aber kann man das unter diesen Umständen als Blamage ansehen? Ich glaube nicht.Welche Eigenschaften schätzen Sie an einem Motorradfahrer am meisten?Wenn er seine Tüten nicht abschraubt.Wen würden Sie auf keinen Fall als Hinterbänkler mitnehmen?Einen Republikaner.Welche Eigenschaften hat die ideale Sozia?Eigentlich keine. Am besten ist, man merkt sie nicht. Meine Frau hat blindes Vertrauen, sie sitzt drauf und macht nichts.Mit welchem Motorrad wollen Sie auf keinen Fall gesehen werden?Das ist heikel. Mit einer Honda Gold Wing. Zu viel Plastik. Da ist für mich die Grenze erreicht.Was ist Ihr Traummotorrad?Das fahre ich. Ich bin der Meinung - ohne daß ich von BMW bezahlt werde - ein besseres Motorrad als die R 1100 RT kann man nicht bauen.Was darf in Ihrem Tankrucksack nicht fehlen?Seit einigen Monaten das Handy. Aber das schalte ich ab. Sonst Geld, Sonnenbrille, Zigarillos. Wenn irgendwas fehlt, würde mich das hart ankommen.Sind Sie im Kabinett der Rocker vom Dienst?Ich bin noch nie mit Knochen um den Hals in die Villa Reitzenstein gegangen.Wann ist Motorradfahren politisch?Für mich eigentlich nie. Für mich ist Motorradfahren Gaudi, und das hat mit Politik nichts zu tun.Was ist der Unterschied zwischen einen politischem Radfahrer und einem politischem Motorradfahrer?Der Motorradfahrer braucht nicht nach unten zu treten, weil er einen Motor hat, und wenn er den richtigen Lenker hat, braucht er nicht mal nach oben zu buckeln.Halten Sie sich auch immer brav an die Straßenverkehrsordnung?Mit Augenmaß.Gibt es noch was schöneres als Motorradfahren?Schon. Aber das verrate ich nicht. Motorradfahren ist sehr weit oben in der Hitliste.

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