Porträt einer Rallye-Mechanikerin (Archivversion)

»Uta Baier, A +”

Vorname, Nachname, Blutgruppe: zwei Sticker. Einer hinten auf ihrem schwarzen Crosshelm, der andere am Tank der XLR. »Weil du nie weißt«, sagt Uta, die außer dem Wetter in Dakar nur ungern etwas dem Zufall überlässt.

Die Crossstiefel. Kein Mensch kann immer nur Crossstiefel tragen. Ob sie darin auch spazieren geht? Oder einkaufen – zum Frisör? »Coiffeur?« Amüsiert kräuselt die kleine Frau mit dem dichten, schwarzen Schopf die Stirn: »Das bisschen Haare schneide ich am liebsten selbst.«Es ist sieben Uhr in der Früh, und Uta steht in ihren blau-weißen Alpinestars in der Küche. Drüben an der Wand ein Foto, »zur Erinnerung an die Dakar 2002«. Sie und Rallye-Pilotin Andrea Mayer, strahlend auf dem Treppchen, drunter der Zusatz: »Frauen an den Herd«. Ein original Richard-Schalber-Kommentar. »Wenn der alte Wüstenfuchs wüsste, wie recht er hatte«, lacht Uta und widmet sich wieder dem Frühstück machen. Auf dem gusseisernen Herd dampft das Kaffeewasser, die ersten Gäste geistern bereits durchs Haus, gegen neun soll die Enduro-Tour starten, die Pferde müssen noch versorgt werden, die Motorräder gecheckt, und Nudeln fürs Abendessen sind auch keine mehr im Schrank. Darum die Crossstiefel. Zum Umziehen hat Uta meist keine Zeit.Uta Baier: Gutsherrin, Tourguide, Rallye-Mechanikerin a.D. Haare schneiden, Fliesen legen, Gänse braten, Fallschirm springen, die gebürtige Allgäuerin schreckt vor nichts zurück. Probiert, improvisiert, perfektioniert. Getrieben von nahezu bestürzender Energie und scheinbar unerschöpflichem Talent. Zur Zeit arbeitet sie daran, die Haute Provence neu zu erfinden – als Elysium für naturverträgliches Endurowandern. So zerlegt die gelernte Kfz-Mechanikerin das Hinterland ihrer Wahlheimat Sisteron mit demselben fieberhaften Eifer, wie sie vier Jahre lang Andrea Mayers Motorräder zusammenflickte. In Ägypten, Senegal, Mauretanien, Marokko, »eben überall, wo sich die Mayerin irgendeinen Mist eingefahren hat«.Und Mist passiere viel auf solchen Rallyes. Vor allem außerhalb des Rampenlichts, wo die Damen und Herren Reporter seltenst Hofe hielten. »Wenn den Roma ein Wehwehchen plagt, sind alle da, aber unsereiner muss sich ja mindestens dreimal überschlagen, bis überhaupt mal einer guckt.« Keiner da – als sie in einem verendeten Landrover Discovery 350 Kilometer durch die ägyptische Wüste geschleppt wird; als ihr Service-Unimog bei der »Dakar 2000« mitten in Libyen die Grätsche macht; als sie einen am Pistenrand verwesenden Ford Transit entbeint, um »frische« Stossdämpfer für ihren Sprinter zu ergattern. »Als Mechanikerin musst du dir selbst genug sein, sonst kannst du den Job nicht machen.«Frühnebel liegt über der »Domaine de Fombeton«. Arthure und Donna trotten über die Kiesauffahrt, strecken freundlich ihre Schäferhundschnauzen durch die Küchentür. »Zwischendurch hatten wir mal elf von der Sorte. Oder waren’s 13?« Bei aller berufsbedingten Akribie sieht’s Uta privat mitunter sehr gelassen. Jahreszahlen und Lebensstationen purzeln in ihren Erzählungen wild durcheinander. »Man kann sich ja nicht jeden Schmarren merken.«Elf oder 13, »egal«. Es gab da jedenfalls einen ganzen Haufen Hunde, zwei Freunde und ein in Auflösung befindliches Herrenhaus. Steinalt, so um 1700 herum gebaut. Streng genommen waren nur noch die Grundmauern zu gebrauchen. Sie haben geschuftet, der Edi, die Uta und der Moritz – geschuftet bis zum Umfallen. Heute verweist das »Fombeton« stolz auf 14 voll erschlossene Zimmer. »Mit fließend Wasser und allem«, grient die nur 1,52 Meter große Statthalterin. An den dereinst erträumten Bauernhof im Oberbayerischen denkt sie nur noch selten.Oberbayern war ein anderes Leben. Mit eigener Autowerkstatt, angebrochener Arzthelferinnen-Lehre und abgebrochenem Tiermedizin-Studium. Dazwischen spulte sie bei BMW ihre Mechanikerinnen-Ausbildung im Zeitraffer durch, legte bravouröse Prüfungen ab und arbeitete kurz, weil zutiefst gelangweilt, im BMW-Versuch. Wann »diese fiese Geschichte mit dem Keilriemen« passierte, weiß die heute 47-Jährige nicht mehr so genau. Jedenfalls war die Fingerkuppe danach ab, und das war definitiv vor der Sache mit »Charly«: Gleitschirme, Fallschirme, Drachen – irgendwie landete Uta bei der Fliegerei, bohrte sich in üblicher Manier in die Materie hinein, entwickelte Notfallschirme, Gurtzeug, Testmethoden und hatte plötzlich 60 Angestellte unter sich.Geplant war das nicht, doch an Zufälle glaubt die konvertierte Provencalin kaum. Wohl aber an Glück, und das müsse man greifen.Die Rallye zum Beispiel stand eines Tages einfach so vor der Tür des »Fombeton«: Thomas Eckardt von WITEC-Motorsport auf der Durchreise nach Ägypten. Im Schlepp eine Wettbewerbsmaschine auf BMW-Vierventil-Basis. Eckardt und Uta hatten zusammen in München gelernt: »Ein Rallye-Projekt, Mann, das war damals unser Traum.« Ihre Augen glitzern bei der Erinnerung. »Thomas konnte kein Wort Französisch, da hab’ ich ihm den Edi mitgeschickt.« Drei Tage später fliegt Uta selbst nach Kairo. Edi hatte sie überzeugt, dass »die da unten« sie bräuchten.»Na ja, so läuft das«, erklärt die Auserkorene fast entschuldigend, »so wurde ich eben Rallye-Mechanikerin.« Und dann bricht es wieder aus ihr heraus, dieses völlig unverstellte, mitreißende Lachen. »Ich fand’s übrigens schrecklich damals. Fenouil, der Fahrer, hat’s Motorrad zeitig zerschmissen. Die ganze Aktion für nix.«Und nix für sie, dachte Uta, die mit Sinnlosigkeiten so ihre Probleme hat. Doch die Wüste ließ die Hobby-Fotografin nicht mehr los. »Diese Farben, dieses Licht, diese Reduktion – du entdeckst auf einmal so viel Schönheit in allem, in Details, die du nie zuvor wahrgenommen hast.« Wenn Uta über die Wüste redet, über Käferspuren, über Gräser – über »Gedanken, die gar keine Gedanken mehr sind«, führt sie ihr Gegenüber auf Ebenen, die in Küchengesprächen rar geworden sind.Für Andrea und das BMW-Werksteam schraubte sie 1999 ihre erste Dakar. »Groß g’schaut hat’s, die Mayerin, als sie erfuhr, dass ich ihre neue Mechanikerin sei. Eine Frau, okay, aber so klein.« Uta konnte Andreas Bedenken verstehen, Andrea kann’s heute nicht mehr. Als sie 2002 zu KTM wechselte, bestand sie auf »ihre Schrauberin. Wir wurden wie so ein altes Ehepaar«, erzählt die Rallye-Pilotin. »Jede kennt die Macken und Sorgen der anderen, weiß, was sie durchmacht – im Sandsturm auf dem Motorrad oder beim einsamen Schrauben in eiskalter Nacht – und wann es besser ist, nichts zu sagen.«Wenn am Abend des 1. Januar in Marseille der Startschuss zur »Dakar 2003« fällt, ist das »alte Ehepaar« nicht dabei. Uta wird den Moment vorm Fernseher erleben – in der Hand statt eines Schraubenschlüssels vermutlich ein Glas Wein –, ihre Fahrerin am Steuer eines Mitsubishi.
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Baier, Uta: Porträt (Archivversion) - Neue Wege

Uta vorm Fernseher, Andrea im Auto – und die Dakar ist auch nicht mehr, was sie mal war. Startet in Frankreich, führt nach Ägypten, und heißt mit Vornamen »Telefonica«.
Dakar bleibt zwar weiterhin das Synonym für die härteste Offroad-Rallye der Welt, doch die senegalesische Hauptstadt ist nicht mehr Ziel des Wüsten-Marathons. »Neue Abenteuer auf den schönsten Pisten Nordafrikas«, verspricht blumig Rallye-Direktor Hubert Auriol vom Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO), der übrigens auch das Strandrennen in Le Touquet und die Tour de France organisiert. Start ist dieses Mal am 1. Januar im Industriepark Le Chanot bei Marseille, es folgen 17 Etappen durch Frankreich (2), Spanien (1), Tunesien (3), Libyen (5) bis zum Ziel im Taucherparadies Sharm-el-Sheik in Ägypten (6) am 19. Januar. Ergibt 5216 Kilometer Sonderprüfungen und 3306 Kilometer Verbindungsetappen. Klarer Favorit ist das KTM-Werksteam mit Vorjahressieger Fabrizio Meoni, Richard Sainct, Giovanni Sala, Jean Brucy, Alfie Cox und Cyril Despres. 155 Motorräder sind am Start, mit Martin Kronseder (BMW F 650) leider nur ein einziger deutscher Teilnehmer. Mitverfolgen können Sie die Rallye täglich auf Eurosport, Rallye-Infos unter www.dakar.com oder www.eurosport.com.

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