Porträt einer Tunerin (Archivversion) Der kleine Unterschied

Bei ihrer Arbeit geht es um Bruchteile von Millimetern: Monika Sedlbauer ist Deutschlands einzige Motoren-Tunerin.

Wenn Julius Ilmberger in dieser Saison auf seiner Ducati 748 in der Supersportklasse über die Rennstrecke rast, wird Monika Sedlbauer an der Piste stehen und ihm die Daumen drücken. Denn sie hat Hand angelegt - an die Teile im Innern des V2, die aus einem piepnormalen Motor, der höchstens für eine Plazierung im hinteren Drittel des DM-Feldes gut ist, ein Triebwerk machen, das zum Siegen taugt.Monika Sedlbauer geht einem Beruf nach, der bislang ausnahmslos von Männern ausgeübt wurde, dem einer Motorentunerin. Zu der Jagd nach Zehntelsekunden trägt die Bayerin auf ihre Weise bei: Sie schraubt, fräst und poliert an Ventilen und Ventilsitzen, an Pleueln und Kolben, Kurbelwellen und Kanälen, bis die Leistung stimmt. Am liebsten an den drehmomentstarken Triebwerken der Kultmarke im Viertaktrennsport: Ducati. Monika selbst fährt hin und wieder Clubrennen - auf einer Ducati 851, was sonst. »Gewichtsreduzierung und Glätten der Oberflächen sind zwei wichtige Elemente des Tunings«, erläutert die 26jährige beim Besuch in ihrer Werkstatt in Kirchasch bei Erding. Fast liebevoll streicht sie dabei über die hochglanzpolierten Ventile eines Bahnmotors. Denn auch diese einzylindrigen Spezialtriebwerke, von Methylalkohol befeuert, gehören zu denObjekten, denen sie ihre leistungsfördernde Handwerkskunst angedeihen läßt. »Der Ventilsitz muß schmal sein, darf keine Kanten haben, damit die Strömung nicht verwirbelt und keine Leistung verlorengeht.« Drei Stunden braucht sie immerhin, bis sie einen Ventilrohling perfekt bearbeitet hat. Um aus einem Kolben, der in Serien-Motorrädern eingebaut wird, einen renntauglichen zu machen, vergeht hingegen schon mal eine Woche mit Fräsen, Drehen, Schleifen und Polieren. »Das ist wirklich »ne Drecksarbeit«, schimpft die Bayerin. Doch die Mühe lohnt sich - der Kolben übersteht in einer Duc eine ganze Rennsaison. Die Tuning-Ideen stammen zum größten Teil von ihrem Chef Otto Lantenhammer, der seit 38 Jahren im Geschäft und einer der Großen im Bahnsport-Tuning ist. Bekannt wurde er durch den Fünf-Ventil-Bahnmotor, den er in den 70er Jahren entwickelte, der aber wegen einer Reglementsänderung nie zum Einsatz kam. »Als mein Cousin mich zu Otto Lantenhammer in seine Werkstatt mitnahm - damals war ich noch ein Kind -, stand für mich sofort fest: Da will ich später mal arbeiten«, erzählt die gelernte Kraftfahrzeug-Mechanikerin in schönstem bayerischen Dialekt. Schon immer hatte sie sich für alles interessiert, was nach Benzin und Öl roch und Krach machte; zum Entsetzen oder doch eher zur insgeheimen Freude ihres Papas drehte sie schon als Zehnjährige auf dem elterlichen Bauernhof Runden mit dem zum Buggy umgestrickten Käfer und mit einer 50er Victoria - sie nannten sie liebevoll Vicky. Der bahnsport-begeisterte alte Herr, mit fünf Töchtern gesegnet, unterstützte die ungewöhnliche Vorliebe der mittleren. Als Otto Lantenhammer Ende der 80er Jahre dringend einen Mitarbeiter suchte, schlug Monika Sedlbauers Schwager, Steuerberater bei Lantenhammer, die junge Frau vor. Doch der eigenwillige Lantenhammer lehnte einen weiblichen Kfz-Lehrling erstmal rundweg ab. Erst auf Zureden seiner Frau stellte er die damals 18jährige ein. Das war im Februar 1988. Inzwischen gehört die bohrende und fräsende Dame zum Inventar von Lantenhammers Tuning-Werkstatt, und den Kunden ist`s recht. Dazu zählen unter anderem Speedway-Weltmeister Gary Havelock, der dreimalige britische Bahnmeister Andy Smith oder Julius Ilmberger, der vor zwei Jahren Deutscher Meister bei den Battle of the Twins wurde. Ihre großen Augen strahlen, wenn die Motorenfachfrau von solchen Erfolgen erzählt. »Natürlich hänge ich an einem Motor, den ich gemacht habe, und will, daß der Rennfahrer gewinnt«, beschreibt sie ihr intimes Verhältnis zu ihrem metallenen Werk. Jedes Wochenende begleitet sie Kunden zu Rennen, immer darauf gefaßt, in letzter Minute noch mal am Motor Hand anzulegen. »So eine Saison schweißt zusammen. Außerdem lernt man unheimlich viele Leute kennen«, begeistert sich die fesche Bayerin. Doch bevor es zum Rennen geht, ist erst mal jede Menge Arbeit in der Werkstatt angesagt. Die Wände der kleinen Halle sind dekoriert mit unzähligen Fotos von dankbaren Rennfahrern und schnellen Motorrädern. Werkbänke und Maschinen, Ersatzteile und Zubehör füllen den Raum. Die rothaarige Tunerin mit dem kurzen Fransenschnitt hat ihren Arbeitsplatz direkt am Fenster. Auf einem Drehstuhl sitzend, macht sie sich über das jeweilige Objekt ihrer Begierde her, nimmt das Triebwerk auseinander, um es zunächst richtig zu vermessen, nachdem zuvor auf dem Prüfstand die Leistung festgestellt wurde. Mit Lederschürze, Staubmaske und Schutzbrille bewehrt, sitzt Monika Dame dann Stunde um Stunde vor dem Zylinderkopf, fährt mit den Fräsern an biegsamer Welle über das Metall. Welche neue Form sie den Kanalquerschnitten gibt, gehört zum geheiligten und niemals preiszugebenden Wissen. Ein Großteil der Arbeit vergeht später mit Prüfstandsläufen, wo dutzende Male Leistungskurven gefahren werden. Oft wird der Motor wieder zerlegt, ein wenig abgeändert und wieder zusammengesetzt. »Die Arbeit wird niemals eintönig, da bei jedem Motor etwas Anderes gemacht werden muß. Meistens haben die Rennfahrer klare Vorstellungen, was sie möchten. Am meisten Spaß macht es allerdings, was Neues auszuprobieren. Dazu braucht man dann jedoch sehr viel Zeit.« Daran mangelt es aber häufig, obwohl Lantenhammer vor kurzem einen dritten Mitarbeiter eingestellt hat und obwohl Frau Sedlbauer sechs Tage pro Woche schafft. In der Rennszene kennt sie keine Berührungsängste, obwohl sie die einzige Frau im Tuning-Metier ist. »Ich weiß, was ich kann«, sagt sie selbstbewußt, »da soll erst mal einer kommen und zeigen, daß er es besser macht.« Nur ganz am Anfang gab es Rennfahrer, die sich von einer Frau nicht den Motor richten lassen wollten. Die Zeiten sind aber vorbei, denn mit ihrem technischen Wissen braucht sich die Bayerin nicht zu verstecken. »Das habe ich meinem Chef zu verdanken, da er mir Schritt für Schritt jeden Handgriff geduldig erklärt hat«, lobt sie Lantenhammers lehrmeisterliche Fähigkeiten. Heute ist es für sie kein Problem, einen ganzen Motor allein zu optimieren. Monika Sedlbauer arbeitet nicht nur an Motorrad-Motoren. Ein Porsche-Team, das am Carrera-Cup teilnimmt, vertraut ebenfalls auf die fein- und strömungsmechanischen Fähigkeiten der Bayerin. Unter anderem baut sie den 911er Sechszylinder auf Kopfdichtungen aus Kupfer um. Was sie noch so mit dem Rennmotor macht, will sie nicht verraten, auch nicht, um welches Porsche-Team es sich handelt - Berufsgeheimnis. Die Hobby-Sportlerin, die in ihrer knappen Freizeit gern Volleyball spielt, Rad fährt oder Ski läuft, weiß, daß sie beim Tuning allerhand Verantwortung auf sich nimmt: »Bei dieser Arbeit kommt es auf Genauigkeit und Sorgfalt an. Wenn beispielsweise Ventile brechen, kann der Motor zerstört werden. Das ist ein sehr teures Vergnügen.” Die Arbeit im Hintergrund (»Von guten Tunern hört man eigentlich nie etwas”) ist für die 26jährige nicht das Ende der Laufbahn. »Demnächst werde ich meinen Meister machen.” Sie könnte sich auch vorstellen, die Firma ihres Chefs Otto Lantenhammer irgendwann zu übernehmen. Neben dem Tuninggeschäft würde sie dann auch noch gern Straßenmotorräder verkaufen und Servicearbeit anbieten. Und an der Rennstrecke wird sie auch weiterhin zu finden sein, wenn sie einem ihrer schnellen Kunden wieder die Daumen drückt.

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