Porträt Frank Bücher (Archivversion) Ballermann

Unser Loddar heißt Frank.

Deutschland ist Europameister. Im Fußball. Und kaum einer hat’s gemerkt. Weil die siegreichen Kicker dem gesunden Volks- und Stadionempfinden verdammt weit voraus sind. Zu weit. Anders als die unlängst so blamablen Matthäus, Ziege, Babbel und Co. verzichten sie nämlich darauf, das Spielfeld stumpf rauf und runter zu hecheln. Wozu gibt’s schließlich Motorräder? »Ich hab’ früher auch Fußball gespielt«, sagt Frank Bücher, einer der Euro-Champions. »Aber Motoball ist viel dynamischer und attraktiver.« Sprints, Crashs, Alleingänge mit 80 km/h. Also zog Frank die Böller aus und ging zu Taifun Mörsch, wo Papa einst im Tor stand und der Onkel ins gegnerische schoss. So’n Wechsel vom biologisch-dynamischen Fußball hin zu seiner nächst höheren Entwicklungsstufe, der motorisierten, funktioniert reibungslos nur südlich von Karlsruhe. Wo sich zwischen Mörsch, Kuppenheim und Durmersheim die komplette Motoball-Bundesliga Süd ballt. »Keine Ahnung, warum das so ist«, meint Frank. »Frag’ doch mal der Vorstand!« Auch der muss passen. Wahrlich: eins der letzten ungelösten Rätsel der Menschheit.Das kostet Taifun Mörsch um die 60 000 Mark im Jahr. Und Frank eine ganze Menge Arbeit. Zusätzlich zum Training und zur Maschinenpflege - Routinearbeiten an den 250er-Zweitaktkern haben die Spieler gefälligst selbst zu erledigen. »Nächstes Wochenende findet ein Opel-Treffen auf dem Vereinsgelände statt.« Frank organisiert die Getränke und die Würste, keilt die Jungs und Mädels für die profitablen Helferdienste an Zapfhahn und Grill. »Wir müssen unsere Finanzen aufbessern. Unbedingt.« Deswegen landet Frank auch regelmäßig vorm Kadi. »Altpapier abholen in den Karlsruher Bundesgerichten.« Ein Knochenjob für ein paar Mark mehr.In der deutschen Sportlandschaft stehen die badischen Motoballer einzigartig da: Sie könnten jeden Zuschauer per Handschlag begrüßen und zählen dennoch zur europäischen Spitzenklasse. Frank Bücher stört dieses Missverhältnis nicht. Im Gegenteil: Die finanzielle Malaise schweißt zusammen. Und der Erfolg sowieso. 500 Mark Gage im Monat haben ihm Ligakonkurrenten geboten. Für Frank ein Witz. Nicht der Kohle wegen. Einmal Taifun, immer Taifun. Ewige Treue? Logo. Aber: »Wenn ich erfahren würde, dass einer im Verein sich für sein Engagement bezahlen lässt, höre ich sofort auf.« 20 Mark löhnt er monatlich in die Vereinskasse. Fürs Trikotsäubern. Muttern ist’s recht: »Mit deinen schmutzigen Klamotten hast du mir die Waschmaschine ruiniert.« »Übertragen auf den Fußball sind wir der FC Bayern«, zieht Taifun-Trainer Eddi Merz sportliche Parallelen. »Frank spielt für uns die Rolle des Lothar Matthäus zu seinen besten Zeiten.« Weil er einfach alles kann. Motorradfahren - privat auf Kawasaki ZX-9R -, muss Frank eh nicht mehr üben. »Der gibt Stoff wie kein zweiter«, schwärmt Taifun-Mechaniker Michael Gütlich, der Franks Maschine extra scharf einstellt (Race-Tech-Story zum Motoball demnächst in MOTORRAD). 70 km/h schnell schickt Frank seine drei Mitspieler in den freien Raum, er driftet und slidet virtuos, zirkelt Freistöße wie ein Krassmir Balakov zu Magischen-Dreiecks-Zeiten, ist sich aber auch nicht zu fein, taktische Fouls zu provozieren. Und obwohl der Trainer ihn mit defensiven Aufgaben betraut, schießt der 30-Jährige en passant drei der vier Taifun-Treffer gegen ein chancenloses Comet Durmersheim.150 Leute schauen dieser Galavorstellung zu. Zahlen deflationäre sieben Mark Eintritt. Ein paar Kilometer nördlich quält sich der drittklassige KSC vor tausenden von Fans. Frank lacht nur. Ist halt ein Sonnyboy. Der sich seine gute Laune einfach nicht vermiesen lässt. Mit 18 ereichte er sein erstes Ziel: Stammspieler in der ersten Mannschaft. Danach Nationalteam. Große Erfolge, wenig Ruhm. Was Frank überhaupt nicht stört. »Ich habe mich bewusst für diese Randsportart entschieden.« Weswegen seiner Freundin nichts anderes übrig bleibt, als sich ebenfalls für Motoball zu interessieren. So kriegt sie ihn zumindest bei den Heim- und Auswärtsspielen regelmäßig zu Gesicht. Der Mann lebt eben für seinen Verein. Fürs Play-off gegen Jarmen – »liegt irgendwo hinter Rostock« – muss er, der langen Anreise wegen, zwei Tage Urlaub opfern. Die Alpentour mit Freundin und Kawasaki – mal wieder abgesagt. »Die Mannschaft steht und fällt mit dem Frank«, lobt Trainer Eddi Merz. »Auch, weil er es versteht, mit dem Erfolgsdruck umzugehen, der auf ihm und Taifun lastet.« Zumal die Kuppenheimer den Mörschern das Abonnement auf die deutsche Meisterschaft streitig machen. Die haben einen echten Profi aus Russland unter Vertrag, den einzigen der Liga. Aber Taifun hat den Frank. Der findet es nicht gerade vorbildlich, wenn seine Mitspieler in der Pause zur Zigarette greifen. Doch selbst bei dieser Kritik lachen seine Augen schelmisch auf. Außerdem: Was soll’s? Solange es noch zur Deutschen oder zur Europameisterschaft reicht ...

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