Porträt Frank Schubert (Archivversion)

Der Unveränderte

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Frank für MZ. Zuerst in der Sportabteilung, für die er glorreich endurierte und schlosserte. Heute feilt er an Prototypen und an einer Zukunft, die er aus seiner Vergangenheit importiert.

Sie stöhnten unter der Last, und sie zogen eine Fahne hinter sich her, die anderen oft Kopfschmerzen bereitete. Mit P 1000-Kleintransportern karawante die MZ-Sportabteilung einst in die wildesten Ecken Europas. »Mir ham’ Dinger erlebt mit die Autos«, amüsiert sich Frank Schubert in seinem weichen erzgebirglerischen Idiom, »total überladen waren die.« Mit Mensch, Enduro, Reifen. Auf Alpenpässen parkte der DDR-Konvoi, powered by Wartburg Two Stroke Force, jede Kehre zu. Mit 30 bis 40 Sachen krochen die Racer bergan, gebeutelt von der Gewissheit, dass da noch der eigentliche Horrortrip, die Abfahrt, drohte. »Wir haben in jeder Kurve angehalten, um die Bremsen zu kühlen.« »Dennoch, ich möchte keine Minute missen.« Verlegen fast zählt der Endurist, heuer wird er 54, seine größten Erfolge auf und kehrt, wie so oft in seinen Erinnerungen, in seine Glanzzeit, die 70er Jahre, zurück: dreifacher Vize-Europameister, fünfmal Dritter, in der WM-Abrechnung je drei zweite und dritte Plätze, Gesamt- und Klassensieger bei den Six Days und sechs DDR-Titel gepackt. Eigentlich ein Star. 1989, die DDR war gerade gewendet worden, half sein Ruhm wenig. Ab ging’s in die Arbeitslosigkeit nach 20 Jahren Maloche und Kopf hinhalten für MZ. Bitter war’s, verbittert hat’s ihn nicht. Als die Firma 1992 neu loslegte, stellte sie ihn sofort wieder ein. Eine Personalabteilung, sofern bei Sinnen, verzichtet auf einen Tausendsassa, der einst fast alle Teile für sein Renngerät selbst fertigte und montierte, besser nicht. Man stelle sich vor: Einer der heutigen Enduro-Cracks schweißt, dreht, fräst, dengelt bei KTM, Husqvarna, Husaberg den lieben langen Tag zum leicht aufgepeppten Tariflohn für Schlosser. Ganz genau so lief das bei Schubert, damals. Seit 18 Jahren fährt er allerdings keine Rennen mehr, und statt Rennmaschinen fabriziert er Prototypen. Anfangs haben Frank und seine Kollegen für die MZ-Modelle Rohre zugeschnitten, Rahmen zusammengeschweißt. »Unsere Konstruktion haben sie dann auf Zeichnung übertragen.« Auch die erste Schwinge der 1000er hat er hingebogen, und jetzt hofft er, wie alle hier, dass die Chefs den Rest hinbiegen mit dem neuen Vorzeigemotorrad. Damit es ein Erfolg wird, damit die Jobs bleiben.Wie hoch die Arbeitslosenquote in Zschopau heute sei, das wisse er nicht, sagt Frank. »Viele von den Jungen sind weg in den Westen, und die Älteren haben sie in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geparkt.« Deshalb gilt MZ im mittleren Erzgebirge, in Zschopau und um Zschopau herum, als Symbol. Dafür, dass die Region noch am Leben ist. Dafür, dass die große industrielle Tradition hier nicht verschütt geht. Seit 1922, als die erste DKW vom Band lief, rengdengdengten und tuckerten 3,5 Millionen Motorräder in alle Welt. Bei DKW und dann MZ kamen die Menschen nicht nur zu Brot und Lohn, sie machten die Kräder samt Firma zu ihrer Religion. Frank ist der Gläubigsten einer bis auf den heutigen Tag. Dass 1989, kaum war die Grenze offen, fast das gesamte Werksteam nach dem Westen rübermachte, zu KTM und Co., versteht er nicht. »Jahrelang sind sie für MZ gefahren - und dann das.« Als anno ’82 sein bester Freund - »Wir haben unterwegs immer in einem Zimmer geschlafen« - auf einer Tour durch die BRD entfleuchte, bescherte ihm dessen »Republikflucht« zwar Stress en masse, doch diesen »Verrat« konnte er nachvollziehen. Der schlechten realsozialistischen Aussicht wegen: »Manfred hat sich ein Haus gebaut auf einem schönen Grundstück, und dann gefiel es der Partei, seine Perspektive mit einem Kombinat zu verbauen.« Manchmal schimmert durch seine Erzählungen, dass in der Rennabteilung wahrlich nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen war. »Wenn du in der Endabrechnung zu oft Zweiter bist, zumal mit knappem Abstand, denken die: Es liegt am Fahrer.« Trotz 25 EM-Laufsiegen landete Frank summa summarum oft genug auf diesem undankbaren Platz. »Das zwickt immer noch. MZ ruhte sich auf den Lorbeeren der Sechziger aus, als die Mannschaft fünfmal in Folge die Six Days gewonnen hatte.« Gegen Jawa war in den frühen Siebzigern dann kein Kraut gewachsen, und als MZ endlich mit einem neuen Motor konterte, kam der für Frank ein bisschen arg spät. »Mit 35, am Ende meiner Karriere, haben die Verantwortlichen zugegeben: Frank, die Zeit war schon ungünstig für dich.« Das schien sie auch für Andre zu sein, Franks ältesten Sprössling. Als der kund tat: »Papa, ich will Endurorennen fahren« kam ein lapidares »Du bist verrückt« retour. »Ich hab’s mein Leben lang gemacht, weiß, wie gefährlich das ist.« 1979, bei der Sechs-Tage-Fahrt in Siegen, wäre Frank beinahe unter die Räder gekommen, buchstäblich. Nach einer Reifenpanne drückte er dermaßen auf die Tube, dass er einen unbeschrankten Bahnübergang bei Rotlicht querte - nur den Bruchteil einer Sekunde schneller als der den Enduristen schnöde ignorierende Schnellzug. Ach ja, seit Jahren frönt Andre jetzt schon mit schönen Erfolgen dem Endurowesen. Und Papa ist immer dabei. »Mein Vater hat mich schließlich auch nicht davon abhalten können.« Frank kultiviert diese Familientradition des Laisser-faire.Nach der Wende legte er sich einen Opel zu, reiste mit Frau Antje und den Söhnen Andre und Mark durch Europa, komfortabler als einst im P 1000, und ließ die Orte seiner früheren Triumphe nicht aus. »Für mich war das nicht Neues«, sagt er, »ich war privilegiert.« Eben weil er die Reize des Unterwegsseins kannte, schwante ihm schon in den Siebzigern, »dass sich die Leute nicht ewig wegsperren lassen«.Rauslassen würde er liebend gern auch MZ-Sport- und Hardenduros. Zwei Prototypen, die seit zwei Jahren problemlos laufen, lümmeln in seiner Abteilung rum. Daran weiter zu schrauben, sich im alten Metier noch einmal an die Arbeit machen zu dürfen, das könnte Franks Vergangenheit in der nächsten Zeit eine Zukunft geben, auf die er sich freuen könnte. Und auch MZ wäre schlecht beraten, diese glorreiche Tradition zu verraten.
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Schubert, Frank: Porträt (Archivversion) - MZ ist zurück

Mit dem Slogan »MZ is back!« melden sich die Sachsen seit über zwei Jahren ganz polyglott zurück. Aber wo? Zurück im Geschäft oder zurück hinter den Erwartungen?
Die Standortbestimmung fällt nicht leicht. Es gibt das Werk in Hohndorf bei Zschopau, in Sachsen, im Osten. Und damit kokettiert MZ auch ganz gern: »Die besten Bikes kommen wieder aus dem fernen Osten.« Nun ist mit diesem Werbespruch-Osten ja nicht Hohndorf an sich gemeint. Gemeint ist damit die MZ-Historie und -Tradition, mittlerweile liebgewonnen, weil imagetechnisch verklärt und kultig aufgeladen: Ossi taugt was. Das stimmt, wie die 125er beweisen. Es hilft aber wenig, weil MZ als aktueller Hersteller eben immer noch nicht präsent genug ist, wie die letztjähigen Absatzzahlen zeigen: 15000 Einheiten, 4000 davon 125er und 7000 Elektroroller Charly.Neben positiv ossi ist er auch fern, der MZ-Osten. Seit 1996 nämlich ist MZ eine hundertprozentige Tochter des malaysischen Konzerns Hong Leong. Die versprechen sich von ihren Investitionen zweierlei. Erstens wollen sie mit MZ eine eigene Marke im europäischen, ostasiatischen und amerikanischen Markt etablieren. Zweitens soll MZ Motoren entwickeln, damit Hong Leong mittelfristig unabhängiger von Yamaha wird. Beide Ziele laufen in der auf der Intermot 2000 als Prototyp vorgestellten MZ 1000 S zusammen. Deren Serienstart, bereits für letzten Herbst versprochen, wird nun auf März/April terminiert. Weil die Leistung des Paralleltwins derzeit noch hinter den angestrebten 125 PS zurückbleibt, wird intern jedoch gemunkelt, dieser Termin werde wohl nicht zu halten sein. Ob das auch den Plan gefährdet, erstmals zum Ende des laufenden Geschäftsjahres Break Even zu erreichen, ist unklar. Klar hingegen ist, dass eine mindestens ausgeglichene Bilanz für MZ hauptsächlich über eine breitere Modellpalette und höhere Absatzzahlen anzustreben ist, verdient an den Entwicklungsaufträgen von Hong Leong und anderen doch nicht mehr MZ direkt, sondern MZ Engineering. Dessen Inhaber Petr Karel Korous fungiert gleichzeitig als MZ-Chef und ergo als sein eigener Auftraggeber. Praktisch verzahnt, ergeben sich finanzielle Vorteile, seit MZ Engineering aus der malaysichen Tochterfirma MZ als deutsches, genauer sächsisches Unternehmen ausgelagert worden ist.Weil MZ seine Modelle künftig nur mit eigenen Motoren bestücken will, hängt vieles am Erfolg des neuen Zweizylinders. Der soll neben dem Sportler auch ein Nakedbike und eine oder mehrere Enduros antreiben und sei zudem so konzipiert, dass er mit geringerem Hubraum auch in der Mittelklasse verwendet werden könne. Im Raum steht darüber hinaus die Entwicklung einer Einzylinder-Sportenduro. Um diese wünschenswerten Vorhaben realisieren zu können, müsste neben die derzeit betriebene Ausweitung des gerade in den alten Bundesländern noch lückenhaften Händlernetztes eine weitere Maßnahme treten: Die Aufstockung der Produktionskapazität, finanziell wie personell. Damit MZ auf Dauer zurück kommt, aber nicht zurück bleibt. Es wäre zu schade.

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