Porträt Hans Eberspächer (Archivversion) Ressource Ich

Der Professor bringt Leute auf Gedanken, die sie schon haben.

Als die Frau mit den kleinen Kindern auszog – »Es war eine extreme Situation« - stieg Hans Eberspächer aufs Motorrad. »Vorher war’s mir, wegen der Familie, zu gefährlich.« Doch jetzt wollte er fahren, gut fahren. »Aber keiner konnte mir so recht sagen, wie das geht.« Also brachte er sich’s, notgedrungen, in Eigenregie bei. Als Schüler seiner selbst, des promovierten Sportlehrers und Psychologen mit Lehrstuhl an der Universität Heidelberg. Die Bedingungen, die Eberspächer stellt, bevor er einen Auftrag annimmt, hatte er in diesem Fall an sich zu überprüfen. »Mir muss einer klar machen, dass er verstanden hat, was er macht.« Kein Problem beim Hürdensprinter, wohl aber beim alpinen Abfahrtsläufer oder Rennfahrer. »Wer erst nach einem Unfall merkt, wie riskant sein Sport sein kann, ist kein Kandidat für mich.«Und Bewerber hatte er eine ganze Menge. Die deutschen Alpinen, als die noch Medaillen holten. Weltmeister im Fechten, Judo und Bogenschießen. Bundesligaspieler, Leichtathleten, Volleyballer und einen Vizeweltmeister im Motorradfahren. Mit denen arbeitete er, machte sie mental für große Wettkämpfe fit. Eberspächer hätte auch Schachspieler oder Boxer trainieren können. Denn der Mann hat seine Prinzipien. Die gelten für alle Sportarten und selbstverständlich auch fürs Motorrad. Der Prof schwört auf Zen, auf asiatische Philosophie.»Es gibt im Prinzip keinen Unterschied zwischen einem Schwertstreich und einem Pinselstrich.« Dass der eine tödlich, der andere allenfalls rötlich sein kann, interessiert da nicht. »Mir geht es um dieses absichtslos absichtsvolle Tun im Hier und Jetzt.« Für Eberspächer existieren deshalb Wiederholungen und Routine qua Weltanschauung nicht. »So wie ich nie zweimal in den gleichen Fluss steige, trinke ich nie zweimal das gleiche Bier.« Und keine Runde auf der Nordschleife gleicht einer anderen. Nürburgring. Die nie enden wollende Herausforderung. Da ist er neulich auf seinen Triumph 955 i Daytona einem MOTORRAD-Tester gefolgt. Solange es eben ging. »Der war auf Suzuki SV 650 unterwegs, und der ist so gefahren, wie ich träume, mit dem Motorrad zu verwachsen. Schnell, rhythmisch, ohne ein einziges Mal zu bremsen.« Ein solches Erlebnis entmutigt Eberspächer nicht. Konkurrenz, sagt er, kennt er nicht. Nicht gegen andere, für sich fahren, so optimal wie möglich – das ist sein Credo. Der Professor, der mit seinen 57 Lenzen kokettieren könnte, steigt auf einen Stuhl. »Kein Problem«, doziert er der andächtig lauschenden Hörerschar, Teilnehmern des ACTION TEAM-Perfektionstrainings am Ring. »Aber stellt euch mal vor, der Stuhl stünde auf einem 20 Meter hohen Mast.« Und er spinnt den Gedanken weiter bis hin zu seinem logischen Schluss: Auf einem Stuhl stehen kann jeder, also auch 20 oder 200 Meter hoch. Ein Motorrad wenden kann auch jeder, also auch vor den Blicken Hunderter beim Bikertreff. Logo. Zustimmendes Lachen im Auditorium. »Das ist die Funktion des Lehrers: die Leute auf Gedanken zu bringen, die sie eigentlich schon haben.« Kluge Ratschläge bringen nichts. Also hält er’s auch für völligen Blödsinn, Mitarbeiter zu motivieren. »Motivation, das ist für mich eine Eigenleistung.« Deshalb hat er das Buch »Ressource Ich« geschrieben. Anforderungen dürfen nicht zur Last werden, die ein Vorgesetzter oder Trainer dekretiert, »sie müssen zur treibenden Kraft für persönliche Weiterentwicklung geraten«.Das Wort zum Sonntag. Doch für Eberspächer ist alle Tage Sonntag. Und am Ring Weihnachten, Ostern und Pfingsten zugleich. Schnelles Frühstück, dann zur Nordschleife, den sich dort perfektionierenden Motorradlern vormachen, wie man die Unterlippe optimal runterhängen lässt. Womit, wie er eruiert hat, die totale Entspannung erreicht wäre. Zurück ins Hotel. Ausgiebig frühstücken, FAZ lesen und dann ein paar rhythmische Runden. Natürlich ganz im Hier und Jetzt. Und, versteht sich, völlig unroutiniert. Weil ihn das im wahren Sinn des Wortes Eingefahrene schreckt und, vielleicht gerade deswegen, inspiriert. »Haschd in dr Zeitung glese, dass der Dings g’schtorbe isch«, schwäbelt der Prof, wie immer, wenn er Geschichten erzählt, die das Leben geschrieben haben könnte. »Ja, so isch’s no au wieder, sagt drauf der andre.« Gut wäre es, sagt Eberspächer, wenn dieser Kommentar den eigenen Abgang krönen würde. Acht, neun, Zen, aus.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote