Porträt Hans Jürgen Thiel (Archivversion) Was G’scheits em Ranza

Heiße Töpfe, heiße Öfen. Kochen und Motorrad fahren.

Wer anständig fahren will«, sagt Hans Jürgen Thiel, »braucht was G’scheits im Magen.« Also kocht er schwäbisch deftig. Kässpätzle, Maultaschen, Rostbraten. Geradezu berühmt ist er für sein Holzfällerfrühstück, nach dessen Genuss selbst der schlaffste Bürohengst Bäume ausreißen könnte. Die dazu servierten Gersten-Schmierstoffe zapft der »Ställe«-Wirt stilvoll aus einem veritablen Suzuki GSX 1100-Motor. Dieses Bier – man sieht’s - schmeckt sogar dem nicht motorradfahrenden Dörfler. Das war nicht immer so. Als Hans Jürgen die heruntergekommene Bahnhofskneipe in Weißenstein auf der Schwäbischen Alb übernahm, mochte der skeptische Einheimische zunächst nicht einen Fuß in dieses bis dato als »Absturztempel« verschrieene Etablissement setzen. Vor dem sich jetzt, zu allem Überfluss, auch noch die Maschinen der »Rocker« breit machten. So ist er halt, der Älbler. Ist der Ruf erst mal ruiniert ..... lebt sich’s überhaupt nicht ungeniert, lautete deshalb die Devise des neuen »Ställe«-Wirts, der damals – 19 Jahre ist das jetzt her – keinen Job in seinem gelernten Beruf als Kraftfahrzeugmechaniker fand. Hans Jürgen ist selber Schwabe, weiß, worauf es bei seinen Landsleuten ankommt. Aufs Schaffen eben. Also wurde renoviert, damit’s Häusle schmuck dasteht. Und ganz wichtig: Es gibt’s was fürs Geld – große Portionen zum kleinen Preis. Außerdem: »Niemand hat mich je angetrunken hinterm Tresen stehen sehen.« So viel Seriosität überzeugt. Hinzu kommen, sagt Hans Jürgen, Fairness, Seele, Selbstdisziplin. Da mögen noch so viele Motorräder vor dem Ställe parken, auf sein Vesper in der urgemütlichen Kneipe mag der alteingesessene Weißensteiner nicht mehr verzichten. Und so sitzen sie also einträchtig beieinander, der Biker und der Bauer. »Andere Kneipen haben Gäste, ich habe Freunde.« Die standen ihrem »Jogy« mit Rat und Tat und natürlich auch hinter der Theke bei, als er bei einem schweren Rennunfall dem Sensenmann gerade noch mal von der Schippe sprang. Zwei lange Jahre lang musste er regelmäßig in die Reha-Klinik – 50 Prozent Behinderung. Daran, das Ställe aufzugeben, hat er während dieser schweren Zeit niemals gedacht. Sondern konstruierte, weil er beim Kochen nicht mehr so schalten und walten konnte wie vorher, eine bohrmaschinengetriebene Spätzlesmaschine für den behindertengerechten Kücheneinsatz.So heimatgebunden der Schwabe auch sein mag, es treibt ihn immer wieder hinaus in die große weite Welt. Als es regelmäßig Zoff gab beim Motocross auf den heimischen Winteräckern, kam Hans Jürgen nicht umhin, die Enduro-Paradiese im Süden Europas und im hohen Norden zu erkunden. Von der Krystallrally bei Temperaturen um minus 35 Grad hat der überzeugte Jethelm-Träger, der auch ohne Thermokombi auszukommen glaubte, schwere Erfrierungen als Souvenir mit auf die Schwäbische Alb gebracht. Auch im Gesicht. Trotzdem fällt ihm das Lachen bis heute nicht schwer. Später ging’s zur freundlicheren Spanien-Rallye und weiter in die Wüste – Sahara-Sandeln mit einem SR-500-Gespann. Beim Kaffee erzählt Hans Jürgen so nebenbei, dass er auch schon einmal beim Paris-Dakar-Marathon, dem Offroad-Abenteuer schlechthin, dabei gewesen sei. Das Ziel der härtesten Rallye der Welt habe er mit seinem Walcher-BMW-Dreirad zwar nicht gesehen, aber sonst eine ganze Menge. »Ja«, sagt er, »da würde ich am liebsten noch mal mitfahren. Und die Schwaben werden eh erst mit 40 g’scheit.« Dabei blitzen die Augen des 43-Jährigen schelmisch auf. Der auf die klassische Karriere eines in den Siebzigern für immer und ewig ans Motorrad Geratenen zurückblicken kann. Am Anfang war NSU Quickly, danach kamen die »richtigen Motorräder. Zuerst die Adler MB 200, die er schon hatte und auch fuhr, längst bevor er 18 war. Alles verjährt, was er damit in Feld und Flur so angestellt hat. Wenn er von seinen alten Maschinen erzählt, strahlt Hans Jürgen wie ein Fußballer, der den spielentscheidenden Elfmeter geschossen hat. Jede Maschine ein unvergessliches Erlebnis: KS 125, CB 350, GT 380, GS 500, TT 600 ... Um ein Dutzend rum dürften es gewesen sein - Enduros und Straßenmaschinen. Sein Lieblingsbike, eine Suzuki GS 750, nennt er selbstverständlich noch immer sein Eigen.Ruhiger ist er geworden, der Jogy. Deshalb tourt er auf seiner 1200er-Bandit nunmehr gemütlich durch die Lande. Reisen statt rasen. Dazu passt seine neueste Geschäftsidee. Im »Ställe« bietet er günstige Übernachtungsplätze für Motorradler an. Und mit denen geht’s dann gemeinsam auf Tour. In den Schwarzwald, über die Alb oder in Richtung Alpen.»Nur eine x-beliebige Kneipe zu haben reizt mich überhaupt nicht«, sagt Hans Jürgen. Denn ohne Motorrad ist alles nichts.

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