Porträt Hans-Peter Bender (Archivversion) Der Kleinmacher

In der Zeit, die’s braucht, ein Motorradmodell reif für die Vitrine zu machen, könnte Hans-Peter Bender locker 10 000 Kilometer fahren.

Statt Benzin riecht er Kleber. Wenn es finster wird, sitzt der selbständige Finanzdienstleister Hans-Peter Bender gern allein in seinem Bastelkeller. Er mag es, mit feinsten Pinselchen das Weißwandige eines Reifens penibelst nachzuziehen, wofür er schon mal drei bis vier Stunden braucht. Pro Pneu. »Das Modell hat nur dann einen Wert«, meint H.P., »wenn exakt und sauber gearbeitet wird.« Just so perfektionistisch hatten ein paar versponnene Japaner in Diensten des die Bonsai-Kultur des Landes in die Sphäre der Technik verpflanzenden Tamiya-Konzerns sich das vorgestellt, als sie anfangs der 70er Jahre gedachten, die weltweit grassierende Langeweile mit gnadenlos realistischen Bausätzen von Motorrädern im Maßstab 1:6 zu bekämpfen. Mit Bauanleitungen, die an Werkstatthandbücher denken lassen. Und mit dem Versprechen, dass das fotografierte Modell von einem Original sich in nichts, aber auch gar nichts unterscheiden würde. Weswegen denn auch die Lichtbildnerei zu den weiteren Hobbys des H.P. gehört. Sowie das Surfen im Internet. »Um über Versteigerungen bei e-bay oder sonst wo an die immer rarer werdenden Bausätze von Tamiya ranzukommen.« Dafür steht H.P. sogar nachts um drei auf, um unmittelbar vor Ablaufen der Frist sein letztes Gebot zu setzen. Schließlich fabrizieren die Japaner die Objekte seiner Begierde nicht mehr. Sie zogen die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass die Zahl derer, die es goutieren, das winzige Abziehbildchen einer Plakette des Münchener TÜV akkurat auf das Kennzeichen einer geschrumpften BMW R 90 zu fummeln, doch sehr beschränkt ist. Zumal im Lieferumfang und im Preis, der ja nach Modell zwischen 150 und 200 Mark liegen konnte - heute ist mindestens das Doppelte zu löhnen -, die alle zwei Jahre fällige Dokumentation der Erneuerung der Hauptuntersuchung nicht eingeschlossen war. Auch H.P., der Tamiyas Bausätze für die Krone des seriellen Kleinmachens hält, weiß an diesen Eins-zu-Sechsern noch so manches zu kritisieren: »Die Nadeln für Tacho und Drehzahlmesser sind pures Alu.« Also lackiert er diese Winzteile weiß und setzt einen roten Tupfer an ihre Spitze. Und mit Schrauben, die in den Plastikteilen nur angedeutet sind, mag er schon gar nicht leben. H.P. ersetzt sie durch echte, die er sich beim Uhrmacher holt. Natürlich hat er alle 1:6-Motorradmodelle, so um die 20 an der Zahl, außerdem eine Frau, zwei Kinder, ein Haus, einen Garten, einen neuen Job und zwei Franz-Josef-Strauß-Gedächtnisbriefmarken, die er nonchalant zwischen die Scheiben einer seiner Ausstellungsvitrinen im Arbeitszimmer geklemmt hat. Bei der letzten Kommunalwahl ließ er sich für die CSU aufstellen, startete auf dem zehnten Listenplatz und kam auf einem nicht ganz optimalen 16. und letzten Rang ins Ziel. Das Zeit raubende Hobby Modellbau erweist sich als wenig Wahlkampf-kompatibel. Zirka 120 Stunden, manchmal auch mehr, puzzelt der gewiefte Bastler an den 400 Teilen für eine Maschine.H.P. lebt in Sachsen, nicht im gleichnamigen Freistaat, sondern in dem anderen, einer Sachsen genannten Verdichtung von Häusern in der Nähe von Ansbach und dorstelbst in einem kuscheligen Neubau- und Motorradgebiet. Eine Große, H.P. nennt sie »mein Eins-zu-eins-Modell«, besitzt er zwar auch, eine bildhübsche Yamaha XS 1100, doch die bewegt er nur selten, »so zwischen 1000 und 2000 Kilometer im Jahr«. Der Mann ist nun mal beschäftigt, seine Frau bestätigt’s, von Langeweile keine Spur. Denn die bekriegt er en miniature. »Die tiefe Langeweile, in den Abgründen des Daseins hin und her ziehend, offenbart das Seiende im Ganzen«, schwadronierte einst der Philosoph Martin Heidegger. »Als Ganzes«, eben, anders als H.P. hat Heidegger das Seiende nicht als Bausatz gesehen. »Fertig sind die Modelle nicht so viel wert wie als Einzelteile«, erklärt H.P. die existentielle Lage des Weltenbastlers. Stümpern, die daran gescheitert waren, ihr Stückwerk zu komplettieren, hat er die Torsos abgekauft. Nicht um dran weiter zu arbeiten. Nein, die hat er fein säuberlich zerlegt, um sie, seinen Qualitätsansprüchen gemäß, neu aufzubauen. Umso glücklicher war H.P., als er vor ein paar Jahren via Internet endlich Hondas CB 750 im einzelteiligen Originalzustand erwerben konnte. Doch als er den Deckel langsam und andächtig abhob, stellte er auf den ersten Blick fest, dass die Sitzbank fehlte. Geschockt rief er beim Verkäufer an. Nichts. Bis er sie eines Tages in einer Schublade fand. Ein Mysterium? H.P. schüttelt den Kopf, sagt: »Auf einer solchen Maschine hat sich einer meiner Cousins zu Tode gefahren.« Mitunter gerät Modellbau zur Trauerarbeit.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote