Porträt Hartmut Bubenzer (Archivversion) Ride, eat, sleep, repeat

Fahren, essen, schlafen. Und dann das Ganze von vorn. Zeiten gab’s, da befolgte Hartmut diesen Wahlspruch wie in Trance. »Habe ich das Motorrad oder hat es mich?« fragte sich also der gekräderte Skulpteur.

Als 1974 das weltweit gedruckte Foto eines vierjährigen Mädchens schockte, das nackt, ausgehungert, in Todesangst vor einer Napalm-Feuerwalze flieht, hatten die Amis den Vietnam-Krieg verloren. Nicht im Dschungel Südostasiens, sondern in Texas, Kalifornien, New York. Weil beim Anblick von Menschen, die bei 800 Grad in Napalm brutzeln, der BigMac nicht mehr schmecken will.»Was sind denn das für Dinger?« fragte Ende der 80er Jahre der Tübinger Medizinstudent Hartmut Bubenzer den Schrotthändler seines Vertrauens. »Napalmbomben aus Beständen der Bundeswehr.« Da musste Hartmut, der den Wehrdienst verweigert hatte, erst mal kräftig schlucken. Und griff - »Man kann die Form vom Zweck trennen« – dennoch zwei dieser 3,60 Meter langen Hohlkörper aus Alu ab, die so elegant, perfekt und bedrohlich schimmern wie ein Hai im Goldfischbecken. Aus einer Bombe baute er einen Schrank, Rocket genannt, ihr Pendant mutierte zu Road Rocket, einem grandiosen Seitenwagen. Damit nichts bleibt, wie es ist, machte sich Hartmut erneut auf dem Weg zum Recycling-Spezialisten: »Wie viele hast du noch?« »58.« »Nehm’ ich.« Dass Hartmut alsdann die Chirurgie gegen die Bildhauerei tauschte, die er an der Kunstakademie Stuttgart zu studieren begann, hatte nichts mit diesem Großeinkauf zu tun. »Patient rein, Patient raus aus dem OP, alles wie am Fließband. Fürs Pflegerische, ein intensives Gespräch mit dem Kranken war keine Zeit.« Menschen agieren, werden behandelt wie Maschinen. »Io androide« - Ich, der Androide - prägte er in ein idealisiertes Selbstporträt (Foto Seite 138). Statt Lebern oder Nieren transplantierte Hartmut alsbald Motoren. Verpasste Moto Morinis 250 T das zweitaktende Organ der viertellitrigen MZ und umgekehrt, legte, anatomisch versiert, die Getriebe von zehn MZ ETZ 251 frei. »Ich habe in jedem den Buddha gesucht und in keinem gefunden.« Was Hartmut, der’s manchmal ironisch und sarkastisch mag, nicht daran hinderte, jede dieser Schaltstationen »Buddha’s Place« und das auf eine Eisenschiene geschraubte Ensemble »Ten Zen« zu taufen. Wozu ihn, natürlich, Robert Pirsigs Kultschmöker »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten« animierte. Ein Buch, das er gut findet. Weil S. Fischer diesen Roman serienmäßig in einem scheußlich blasslila leuchtenden und subito ins Auge stechenden Schutzumschlag verlegt.Wenn Hartmut Kunst macht, kommt das Motorrad immer öfter ins Spiel. Nach dem ersten Semester, so ist’s an Stuttgarts Akademie Brauch, sollen die Studenten zeigen, was sie handwerklich gelernt haben. Im Aktzeichnen etwa, einer beim kunstgeilen Publikum besonders attraktiven Disziplin. Hartmut zog um seine naturalistischen Nackten einen kryptischen Ring aus immergleichen Motiven auf Blech. Was das denn darstelle, wollten die ob solcher Abstraktionen irritierten Vernissagengänger vom Meister wissen. Der klärte sie auf: »Das sind die Umrisse des Kniekissens von einer MZ.« »Meine Eltern haben mir gesagt, dass das vierte Wort, das ich sprechen konnte, Motorrad war.« Mama, Papa, Haferflocken, »Mohok«. Wann immer Klein-Hartmut auf seinen Spaziergängen durchs heimatliche Esslingen eins dieser faszinierenden Mohoks sah, war Schluss. Mit der Fortbewegung, stur blieb er stehen. Im zarten Alter von 14 klapperte er die Bauern in den umliegenden Dörfern ab. »Haben Sie vielleicht ein Moped in der Scheune vergessen?« Sie hatten - und Hartmut auf einmal deren sechs. Einmal ward ihm sogar eine Audienz beim Papst gewährt. Nicht bei Johannes Paul, Hartmuts Pontifex ist der unfehlbare Fabio Taglioni, der ihn, selig der Tag, ein paar Jahre, bevor der legendäre »Ingenere« starb, in seine Privatgemächer lud. »Was Ducati heute ist, verdankt es ihm. Ich hatte erwartet, dass das ganze Haus voller Devotionalien steht, Motorradgeschichte in jeder Ecke.« Doch nix da. Statt Explosionszeichnungen hingen Kakteen an den Wänden. In Öl »altmeisterlich«, charakterisiert sie Hartmut, und von Taglioni höchstpersönlich gemalt. Das gab ihm zu denken. Ihm, der manchmal nicht mehr wusste, ob er das Motorrad oder es ihn hat. Und daraus seine Konsequenzen zog. »Wenn das Motorrad zum Fetisch wird, terrorisiert dich«, sagt Hartmut, »ein inquisitorisches Entweder-Oder. Doch von der Vielfalt lebt die Szene.« Und er kokettiert, früher undenkbar, mit dem Erwerb eines nipponesischen Vernunftgeräts. Köstlich amüsiert er sich über eine gekräderte Welt, die auch die seine ist. »Ich bin Mitglied in einem Club motorradfahrender Künstler, dem MC o.T. Zu einer unserer Ausstellungen hatten wir einen renommierten Bikerclub eingeladen. Die 1-Prozenter erschienen nicht. Es regnete, und die wollten ihre Maschinen nicht schmutzig machen.«Als freischaffender Künstler schafft Hartmut noch zu wenig Kohle ran, um seine Traumkombination zu realisieren: Road Rocket an Harley V-Rod. Bombe an Bombe. Alu an Alu. Er wird demnächst mal wieder beim Daimler am Band malochen, um die Haushaltskasse aufzubessern. Wenn Jula, 6, in die Schule kommt und Simon, 4, in den Kindergarten. Und dann warten da noch 18 Napalmbomben, um in Boot »Road Rocket«, Schrank »Rocket«, Stuhl »Luna« und Tisch »Sputnik« umgeschweißt zu werden. Mehr über das unmögliche Bombenhaus aus Schwaben unter www.roadrocket.de

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