Porträt Hartmut Semsch (Archivversion)

Vom Motorrad lernen ...

... heißt siegen lernen. Mag sein, dass deutsche Skiadler, Österreichs Alpine, Bundesliga-Keeper und Eishockey-Cracks das noch nicht wissen. Um so besser der Mann, der sie ausstattet: der schwäbische Tüftler Hartmut Semsch.

Der Apfel wollte mal so richtig weit vom Stamm fallen. Papa war Internist, älterer Bruder Nummer eins erlernte das Chirurgenhandwerk, Nummer zwei frönte dem Zahntechnikerwesen, Schwesterlein assistierte medizintechnisch, Hartmut Semsch aber gedachte, den familiären weißen Kittel gegen einen in Blau einzutauschen und sich als Fahrzeugtechniker zu etablieren. »Motorräder waren mein Leben. Warum nicht das Hobby zum Beruf machen?« Und zwar schleunigst. In sechs Semestern auf einer Berufsakademie. Da werkeln die Studiosi abwechselnd in einem Betrieb und an der Uni vor sich hin. In der Ausbildungsfirma haben sie Semsch an seinem ersten Tag zum stupiden Abpinseln irgendeines Maschinenteils verdammt. Als das Werk vollendet war, löcherte er seinen Chef: »Was habe ich da eigentlich zu Pergament gebracht?« »Eine Kernbuchse.« »Was ist das?« »Das Endstück einer Panzerkanone.« Worauf Semsch ziemlich einsilbig reagierte: »Tschüs!« Der Mann ist überzeugter Pazifist. Nach eintägigem Studium der Fahrzeugtechnik sah Hartmut Semsch ein, dass es eben doch verdammt schwierig ist, weit vom Stamm zu fallen, startete also eine Karriere als Orthopädietechniker. Drängte sich ja irgendwie auf, diese Symbiose aus häuslicher medizinischer Tradition und dem Motorrad geschuldeter schrauberischen Passion. Und das war gut so. Dass Bundesliga-Keeper heuer die Bälle weiter wegfausten als in Spielzeiten zuvor, dass Enduro-Crack Jürgen Mayer trotz Kreuzbandriss die Rallye Paris-Dakar 2001 als glorreicher Fünfter beendete - all diese Mirakel und noch viele mehr gründen im pietistischen Zentralschwaben, in Markgröningen, wo Hartmut Semsch seit 1986 denkt und schafft.Ihn kennt kaum einer, den Namen Reusch dagegen jeder Motorradfahrer. Der Handschuhe wegen. Übrigens nicht nur für Biker: »Können wir’s verhindern«, wollten die Reuschianer wissen, »dass Torleuten bei scharfen Schüssen die Finger nicht nach hinten wegknicken?« Gute Frage, schnelle Antwort. Semsch entwickelte einen Fingerprojektor, der sich nur in eine Richtung bewegen lässt, nach vorn, in der entgegengesetzten aber selbst bei Freistößen von Basler nie und nimmer die Biege macht. »Weil die stabilisierenden Kunststoffglieder Platz brauchen, ordern die Torhüter ihre Fingerlinge jetzt eine Nummer größer«, sagt Semsch. Resultat: Sie können nicht nur kräftiger zupacken, sie fausten auch härter. Wehe dem Angreifer, der diesen Handschuh kontaktiert. Der Mann erfindet heftig. Diese revolutionären Helme, die Deutschlands Skiadler in Salt Lake City auf Geheiß der FIS nicht tragen durften - sie beruhen auf einer Idee von ihm. Die Protektoren der österreichischen Abfahrer - Semsch hat sie ihnen auf den durchtrainierten Leib geschneidert. Irgendwie ist Semsch der Hans Dampf in fast allen sportiven Gassen. Sein Erfolgsrezept? Das behält er für sich. Verständlich. Aber nicht zu übersehen ist: Er projiziert Erfahrungen mit Motorrädern auf andere Sportarten und verbindet sie mit den individuellen Ansprüchen seiner orthopädischen Praxis. Wie bei diesen inkriminierten Skispringer-Helmen. In Kooperation mit Fallert, dem BMW-Veredler aus Achern, hat Semsch bereits mit aufschäumbaren Materialien experimentiert, um Hüte exakt der Schädelform anzupassen. Damit nichts rutscht, nichts wackelt. Täte Hanni und Co. auch ganz gut. Schallisolierung sowieso. »Unlängst war ich in Willingen beim Weltcup, die durch ihre Zahnspangen pfeifenden Girlies machten einen Heidenkrach.« Und ein Springer verbeulte sich bei einem Sturz das Gesicht. »Mit Visier«, weiß Semsch, »wäre das nicht passiert.« Und musste feststellen: Die kennt man in diesem Sport noch nicht. Logo, dass der visierte Motorradfahrer das ändern will. All diesen Inventionen zum Trotz: Ihren Hauptumsatz macht Semschs Firma Ortema nicht mit Innovationen für Hochleistungssportler - davon gibt’s zu wenige, um 40 Angestellten Lohn und Brot zu garantieren. Semsch gilt als Spezialist für Orthesen, für Knieschienen. Jene Konstruktionen, die maltraitierte Beine, insbesondere Kreuzbandriss geplagte, mechanisch stabilisieren (siehe Kasten). Von Eishockey-Cracks werden sie gern genommen, ebenso von Jürgen Mayer, Joel Smets, Pit Beirer, Peter Johannson, ums kurz zu machen: der gesamten Cross- und Enduro-Elite. Und obendrein von jedermann. Erfunden hat Semsch diese Technik nicht, aber er hat sie perfektioniert. Weil kein Knie, kein Bein wie das andere ist, besteht er auf individuelle Fertigung der verschärft filigranen Art. »Muss perfekt sitzen, darf unter einer Cross-Hose oder Lederkombi nicht auffallen.« KTM-Pilot Jürgen Mayer stieg zwischen Paris und Dakar des Öfteren unfreiwillig ab. Selbst als nach kessem Dünensprung die Fußraste brach und sein kürzlich operiertes Knie den Wüstensand touchierte, stand er ruckzuck auf, fuhr eisern weiter. Bis Dakar. »Das hab’ ich dem Hartmut Semsch zu verdanken«, grinst der notorisch gut gelaunte Schwabe. Mit KTM ist Semsch gerade am Verhandeln: Wie wär’s mit maßgefertigten Protektoren und Knieorthesen im orangefarbenen Zubehörprogramm? »Es gibt genügend Leute«, meint Semsch, »die können es sich aufgrund ihrer beruflichen Position nicht leisten, sich beim Ankicken des Einzylinders einen Gips einzuhandeln.« Die ordern Orthesen präventiv, selbst wenn die Krankenkasse nicht zahlt. Gleich drei KTM hat Semsch in seinem Fuhrpark stehen. LC 4, EXC 400 und Duke. »Machen sich ominös«, sagt er, zwischen all seinen Alten: vier Königswellen-Ducati, zwei Einzylinder-Duc, Guzzi Le Mans 1, drei Guzzi V7 als Gespann, Laverda SF 650, zwei BMW R 50, diverse Vorkriegs-NSU vom Schlage der OSL 500 und 250 und andere Schätzchen mehr. Im Urlaub brettert Semschs Frau auf Gilera Saturno voraus, er in einem seiner Gespanne samt Gepäck hinterher. Meist nach Italien.»Wir zelten - in Erinnerung an alte Zeiten.« An Zeiten, als die orthopädische Werkstatt noch im Untergeschoss des Krankenhauses Markgröningen residierte. Semsch, einst einer von 14 Angestellten, hat daraus die Firma Ortema gemacht, die Belegschaft verdreifacht und sein Hobby, das Restaurieren alter Motorräder, minimiert. »Früher bin ich regelmäßig nach Italien gereist, in die Gegend von Breganze, wo Laverda saß, ich war Laverda-Fan.« Einmal hatte er die Reparaturanleitung für die SFC aus dem Motorbuch-Verlag dabei. Darin schmökernd, sprach ihn ein distinguierter Herr von der Seite an. Den interessierte das Buch ungemein. Als er sich vorstellte, war subito klar, warum. Massimo Laverda, so hieß der Signore nämlich, tauschte Ersatzteile en masse gegen dieses Exemplar von »Jetzt helfe ich mir selbst«. Laverda half’s wenig, Semsch viel. Seine Ausbildung finanzierte er durchs Restaurieren. Wenn er nunmehr gen Italien tourt, sucht Semsch nichts, es sei denn Erholung. Aber meistens findet er mehr. Und dieses Mehr hat zwei Räder. Er ist nun mal ein äußerst findiger Mensch.
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Semsch, Hartmut: Porträt (Archivversion) - Der Orthesen-Mann

Oberarzt Dr. Jochen Richter von der Orthopädischen Klinik Markgröningen schaut gern bei Hartmut Semsch vorbei. Denn Richter ist Spezialist für Kreuzbandoperationen und wie Semsch überzeugter Endurist. »Ich kann einem Motorradfahrer nach der Operation nicht empfehlen: Fangen Sie mit dem Synchronschwimmen an.« Richter rät da lieber zur Orthese, die’s malträtierte Knie beim Motorradeln stabilisiert. Aber es sollte, meint Richter, zumal wenn die Kasse zahlt, schon ein Hightech-Gerät von Semsch sein: mit Titan-Gelenken verbundene Ober- und Unterschenkelschalen aus Kohlefaser, die so exakt an jedes Bein angepasst werden, dass der individuelle Kniedrehpunkt mit dem mechanischen exakt übereinstimmt. Preis: 1500 Euro. Seit es möglich ist, Orthesen so exakt zu konstruieren – und da hat Semsch eine Pionierrolle gespielt –, empfehlen sich diese Schienen auch zur Prävention. Anders als bei den Geräten von der Stange behindern sie den Muskelaufbau nicht. Solch prophylaktische Konstruktionen bietet Semsch auch in einer preisgünstigen Kunststoffausführung für 800 Euro an. Ihr Clou: Das Material verformt sich bei Wärme, wird danach aber richtig fest. Sollte sich das Knie verändern, wächst die Orthese unterm Heizstrahler mit. Infos unter www.ortema.de

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