Porträt: Hein Gericke (Archivversion) Ich-HG

Hein Gericke – die Marke kennt wohl jeder
Motorradfahrer. Doch gibt’s den Typen wirklich? Und ob. Bereits seit 66 Jahren. Zwei MOTOR-
RAD-Mitarbeiter besuchten den echten Hein
Gericke und erlebten die vielleicht kurzweiligsten fünf Stunden ihrer Berufskarriere.

Vorab waren per Telefon 60 Minuten für das Treffen vereinbart gewesen. Doch nach einer Stunde ist der Mann gerade mal von seiner Kindheit in der Pubertät angekommen. Erzählt, dass er damals in Berlin ein blonder Mädchenschwarm mit einem selbst gebastelten Moped war. Sein ganzes aufregendes Geschäftsleben haben wir noch vor uns. Das kann dauern. Denn Hein Gericke, 66, hat viel zu erzählen. Schon
allein aufgrund der Liste dessen, was der Berliner Chirurgensohn irgendwann in seinem Leben so alles gemacht hat: Lehrling in einer Werbeagentur, Erfinder von Kinderkleiderbügeln, Hersteller von Schreibtischunterlagen, Glückskalendern und »was die Hausfrau so braucht«.
1970 wurde er Motorrad-Importeur und war später zeitweilig der größte Motorradhändler der Welt, Motorradmode-Designer, sein eigenes Fotomodell, Mitbegründer des Motorrad-Versandhandels in Deutschland, Gründer und Erfinder einer eigenen Franchise-Kette, Firmenmakler, glückloser Herrenausstatter (»Gericke Classics«), Großaktionär und ungeliebter Berater der Eurobike AG, die aus seiner verkauften Firma Hein Gericke hervorgegangen war, bis hin zum Autor, Herausgeber und Verleger einer Bildbandserie, mit der Gericke im Oktober 2004 gestartet ist.
Der weiße Porsche Cayenne vor dem sonst nicht weiter auffälligen Düsseldorfer Reihenhaus mit exklusivem Rheinblick hat das Kennzeichen D–HG 1. Hinter der Klinkerfassade mit den großflächigen Sprossenfenstern arbeitet Gericke mit seiner Halbtagssekretärin in einer Art Wohnbüro. Layouts liegen rum, Korrekturfahnen, Titelentwürfe für Band eins von »Gericke’s 100 Jahre Sportwagen«. »Das ist learning by doing”, meint er mit einem Blick über den Schreibtisch mit dem Laptop. »Ich bleibe hier weiter meiner Maxime treu, dass ich immer nur allein arbeite.« An diese Maxima hat er sich stets gehalten. An sie und an seine weiteren Lebensmottos, die er anderen gern und freizügig mitteilt. Zum Beispiel: »Ich gebe nicht auf, bevor ich nicht das absolute Ende gesehen habe.«
Noch letztes Jahr hing dieses absolute Ende wie ein Damoklesschwert in Form der Zahlungsunfähigkeit und Insolvenz über der Firma mit seinem Namen, die ihm längst nicht mehr gehört. Zwar hat der
Zubehör-Multi die Krise überlebt, weil ein US-Unternehmen als milliardenschwerer Investor eingesprungen ist. Aber Hein Gericke selbst formuliert das etwas anders: »Natürlich kann ich mich ärgern, dass
diese...– schreiben Sie diesen Ausdruck jetzt nicht – die Firma gegen die Wand
gesetzt haben.« Dann beginnt er von den Anfängen zu erzählen.
Es war Januar 1970, als ein Freund den damals 33-Jährigen in einer Alfa Giulia von Düsseldorf mit zum Elefantentreffen auf den Nürburgring nahm. »Ich fand’s beeindruckend dort und war sofort angefressen vom Thema Motorrad. Ich besaß ja
selbst eines, eine Honda CB 450 von 1965,
gebraucht. Zwei Jahre vorher hatte ich
mich selbständig gemacht und schon
alles Mögliche verkauft. Also beschloss
ich dort: Ich verkaufe jetzt Motorräder.«
Wieder zurück, setzte sich Gericke kurzentschlossen in den nächsten Flieger nach England und stand bei den Chefs von BSA auf der Matte. »Ich wollte eigentlich nur ein paar wenige Motorräder kaufen, ich hatte ja kein Geld für mehr.« Doch davon wollten die BSA-Oberen nix wissen. »Two containers, or nothing«, bekam der blonde Deutsche zur Antwort, höchst riskant über Wechsel finanziert. Der Selfmademan hatte zwar Bammel, weil er die Gefahren dieser Zahlungsverpflichtungen kannte – »ich
hatte bloß ein Kleiderbügel-Büro« –, ließ sich aber drauf ein: alles oder nichts.
Als die Container in Düsseldorf ankamen, packte er drei BSA auf einen Anhänger und zog sie mit einem knallroten Opel-Rekord-Coupé kreuz und quer durch die wirtschaftlich immer weiter aufstrebende Bundesrepublik. »BSA-Shop Düsseldorf« stand in Helldriver-Leuchtschrift auf dem Auto. Die meisten Händler winkten erst mal ab, wenn er auf den Hof kam. Neben den brandneuen Honda CB 450 und 750 galten die BSA als alte Ölsardinen. »Ich hab’ mir den Mund fusselig geredet«, erzählt Gericke, der es bis heute perfekt versteht, seinem Zuhörer Visionen zu verkaufen. Und so gelang es ihm, innerhalb von drei Wochen die zwei Container zu verkaufen.
Nun hatte der Jungunternehmer plötzlich Kapital. Das steckte er in seinen
ersten Showroom. »Klein, aber verspiegelt,
mit Bürokabuff und Garagenwerkstatt, für
250 Mark im Monat.« Der BSA-Shop in
der Neußer Straße eröffnete lediglich
drei Monate nach dem Elefantentreffen, in
MOTORRAD 10/1970 erschien im Kleinanzeigenteil die erste Annonce: »Erfüllen auch Sie sich Ihren Jugendtraum – mit einer BSA.« Gericke war erfolgreich. Zu BSA kamen Triumph und bald der zweite Shop hinzu, diesmal in der Hammerstra-
ße in Düsseldorf. 1971 hatte Gericke nach
eigener Einschätzung »einen der ersten Rollenprüfstände und eines der größten Ersatzteillager in Deutschland«. Aber doch wieder keinen Pfennig auf der Naht. Denn jede Mark investierte er in das Wachstum
seiner Läden.
1972 legten Streiks die englische Wirtschaft monatelang lahm, BSA und Triumph konnten nicht mehr liefern, Gericke hatte bald keine Motorräder mehr und ein Problem: »An die Japaner kam ich nicht ran, die hatten schon Importeure.« Blieb der Einzelhandel als Alternative. »Aber wenn, dann wollte ich alle verkaufen«, erläutert Gericke. Und er begann zu wirbeln: »Ich bin wie ein Irrer Tag und Nacht durch Deutschland gerast und hatte plötzlich 13 Händlerverträge von den einzelnen Importeuren in der Tasche, die alle gegenseitig nichts von sich wussten. Honda, Yamaha, BMW, das waren die dicken Brocken.« Im Laden in der Hammerstraße schaffte er Platz dafür, 400 Quadratmeter, und begann nach einer weiteren Maxime zu handeln: »Wenn ich in jeder Disziplin besser bin als die anderen, dann muss ich gewinnen.«
Gericke versuchte, seine 13 Marken so günstig wie möglich anzubieten. Gleichzeitig machte er massiv für sich als billigen Jakob Werbung und entwickelte sogar erste Finanzierungsangebote. Die Masche zog: 5000 Motorräder verkaufte Gericke im ersten Jahr und wurde im Handumdrehen zum größten Motorradhändler der Welt. Bis 1974 stand er selbst an der Ladentheke. »13 an einem einzigen Tag persönlich verkaufte Motorräder, alle über Finanzierung, sind mein Rekord. Neun davon habe ich am gleichen Tag auch noch persönlich ausgeliefert.« Gericke malochte sich bis an die Infarkt-Grenze ran, die erste seiner drei Ehen ging dabei den Bach runter.
Wieder ist es ein Freund, der ihm eine neue, diesmal die wohl wichtigste Idee brachte: »Warum tust du dir das mit
den Motorrädern an? Die sind teuer, die Gewinnspannen klein, die Garantierisiken hoch. Mach doch einfach in Klamotten.« Wieder war Gericke von einer Idee angefressen, wieder wollte er mit dem Kopf durch die Wand. Seinen Motorradhandel überließ er mehr und mehr seinen Mitarbeitern, zog sich zurück, begann Lederjacken und -hosen zu entwerfen. »Und zwar zum Verbinden, im gleichen Farbdesign. Das war damals absolut neu. Und als einer, der selbst Motorrad fährt, wusste ich doch ganz genau, was die Jungs
wollen und wo Fahrtwind und Regen unangenehm eindringen können.« Produzieren ließ er in einer Lederfabrik in der Eifel. Der
Bekleidungshandel lief eher schleppend an. »Bis ich kapierte, es geht über den Preis.« Gericke begann Kontakte nach
Korea zu knüpfen und fand prompt Geschäftspartner, die ihm Leder nicht nur lieferten, sondern gleich auch zur Kollektion verarbeiteten, und zwar für einen Bruchteil des bisherigen Preises. 1979 kam der Durchbruch: Die ersten 500 der »Hein Gericke Highwayjacken« waren innerhalb von 14 Tagen ausverkauft. »In guter Lederqualität, fast wie süddeutsches Rindnappa, mit hochwertigen Reißverschlüssen ausgestattet, hat mich die Jacke 120 Mark im Einkauf gekostet, für 198 Mark hab’ ich sie angeboten. Das war konkurrenzlos.«
1979 hatte Gericke drei Zubehör-Läden in Düsseldorf. Und stieß erneut an seine Grenzen. Denn er hätte mehr verkaufen können. Deutschlandweit. Aber ihm fehlte der Vertrieb, und Versand funktionierte nicht, »weil die Kundschaft die Ware vor-
her anfassen will«. Eigene Läden in ganz Deutschland mussten her. Eigene? »Vergiss es, da ist der Herzinfarkt programmiert«, sagt er. Deshalb kuckte er sich
das McDonalds-System an, entwickelte ein eigenes Franchise-System: Die Shop-
Partner bekamen die Ware von Gericke,
mussten die Läden jedoch mit allen Kosten vor Ort, wie Miete, Personal et cetera selbst finanzieren – nach genauen Vorgaben von Gericke. Es war kein Zuckerschlecken: »Ich habe mir den Gürtel stets ganz eng geschnallt«, und das Gleiche
hat er von seinen Shop-Partnern erwartet.
14 Läden eröffneten 1980, im ersten Jahr, 1981 waren es schon deren 20, darunter Shops in Wien, Zürich und Luzern. Mitte der Achtziger gab es über 30 Läden in ganz Europa, sogar in Athen und der
isländischen Hauptstadt Reykjavik.
1987 unterlief dem Düsseldorfer das, was er später den »größten kaufmännischen Fehler meines Lebens« nennen wird: Er verkaufte sein Imperium, das
zur Eurobike AG wurde, in die er wieder kräftig investierte. »Nach dem Verkauf
hatte ich zwar zig Millionen. Nicht viele zig,
aber ein paar zig. Dann haben diese...– schreiben Sie diesen Ausdruck jetzt nicht – den Laden an die Wand gesetzt.« Das hat weh getan. Auch finanziell. Rund elf Millionen Mark hat Hein Gericke als Inhaber von 14 Prozent der Eurobike-Aktien mit dem Crash der AG verloren. »Hatte auch einen Vorteil«, sinniert er: »Mit vielen meiner Freunde hat mich das erst wieder auf Augenhöhe gebracht.“

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