Porträt Heinz Ruhroth (Archivversion) allesaus dem Kopf

Heinz lebt fürs Motorrad und für die Karriere des Filius.

Kann man ein Titanpleuel, das vor Jahren beim Bol d’Orjäh seinen Dienst versagte, einfach wegwerfen? Mitnichten. Es eignet sich immer noch hervorragend als Türklinke. »Das Ding hat seinerzeit 600 Mark gekostet«, erklärt Heinz Ruhroth. »Deshalb muss es jetzt noch die Eingangstür zu meinem Büro schmücken.«Das Pleuel ist zwar nur ein kleines Detail, das jedoch viel überden 43-jährigen Rheinländer verrät. Denn Heinz lebt fürs Motorrad – und von ihm. In Kempenich, nur einen Steinwurf vom Nürburgring entfernt, betreibt er die Firma Heru Carbon Tec. Für über 400 Motorräder bietet Heinz Teile aus Glasfaser, Kevlar oder Kohlefaser an. Eine neue Verkleidung für eine Honda CBR 600? Kein Problem. Ein Lichtmaschinenschutz für die Kawasaki ZX-6R? Für Heinz eine leichte Übung. Dabei hat alles ganz klein angefangen. Mit 16, als er gerade eine Lehre zum Kraftfahrzeugelektriker machte, kaufteer gegen den Widerstand seinerEltern eine 50er-Hercules, um zur Arbeit zu fahren. Und bald auch zum Nürburgring. »Dort wollte ich natürlich Eindruck schinden. Deshalb hab’ ich so lange an meinem Moped herumgebastelt, bis es aussah wie ’ne Rennmaschine.«Unmittelbar nach seiner Zeit beim Bund musste es eine Sechszylinder-CBX-Honda sein. »Die wollte ich finanzieren, aber meine Eltern haben nicht für mich gebürgt«, sagt Heinz lächelnd. Wohl aber für ein Käfer Cabrio. »Das habe ich sofort wieder verkauft und mir die Honda zugelegt.« Vier Wochen lang redeten seine Eltern kein Wort mehr mit ihm. Mit 24 lockte Heinz die Rennerei. Eine 500er-Kawa wird angeschafft. »Für die Maschine habe ich mir einen speziellen Tank gebaut«, erzählt er. »Und eine neue Verkleidung samt passendem Sitz.« Vom Hobby zumBeruf war es dann nur noch ein kleiner Schritt.»Im Job als Kfz-Elektriker hatte ich immer Stress mit meinen Vorgesetzten.« Vor allem, wenn esum Überstunden am Wochenende ging. »Da war ich stur. Am Wochenende fuhr ich Rennen.« Heinz zog die Konsequenzen. Er kündigte und machte sich selbständig.Bis heute ist Heinz Bastler und Tüftler geblieben. Hightech sucht man in seiner Werkstatt vergebens. Wer sie betritt, macht eher einen Zeit-sprung: betagte Werkbänke und in einer Ecke eine altertümliche Drehbank. Der Blick fällt auf zahl-reiche Motorradverkleidungen, die im Rohzustand aussehen, als wären sie Teile einer mittelalterlichen Rüstung. Nur der intensive Chemikaliengeruchund die vielen Glas- und Kohlefaserschnipsel auf dem Boden erinnern daran, dass hier moderne Werkstoffe verarbeitet werden.Zeichnungen, Konstruktionspläne oder gar Computer? Fehlanzeige. »Ich baue alles aus dem Kopf, Zeichnen ist nicht meine Sache«, gibt Heinz unumwunden zu. »Und wenn’s nur ein Fressnapf aus Verbundstoff für meinen Hund Shadow ist.« Eine Angestellte geht ihm bei der Arbeit zur Hand. Als er vor 16 Jahren im nahe gelegenen Erftstadt anfing, werkelte er noch allein in einer Garage. Sein erster großer Kunde hieß Yamaha. Für Ein-sätze in der Superbike-Meisterschaft sollte er spezielle Teile anfertigen. »Damals kam der Rennleiter zu mir und konnte gar nicht glauben, dass seine Teile in einer Garagegebaut werden«, erinnert sich Heinz lachend. »Da hab’ ich ihn gefragt, was er haben will: schöneTeile oder eine schöne Werkstatt?«Auf der Straße fährt Heinz seit 15 Jahrennicht mehr. Für ihn sind Motorräder Sportgeräte. Er hatsich auf der Piste ausgetobt, in der Langstrecken-WM etwa, in derdeutschen Superbike-Meisterschaft und im Sound-of-Thunder-Europacup. Mit 120 Kilogramm Gewicht zählte er immer zu den schweren Jungs. Trotzdem war er mitunter richtig schnell. Highlight seinerKarriere: der Langstrecken-WM-Lauf in Oschersleben 1999. Fünfter bei den Superbikes.Mittlerweile hat Heinz die Rennerei an den Nagel gehängt und widmet sich ganz der Förderung seines Sohns Marc. Der ist jetzt neun, fuhr aber schon mit dreieinhalb die Yamaha PW 50 mit Automatik, mit der sein Vater sonst durchs Fahrerlager kurvte. »Marc ist mit 40 Sachen hier über den Hof gebrettert«, gibt Heinz zu. »Meine Frau ist fast gestorben.« Inzwischen siegt der Junior mit seinem Kawasaki Crosser KX 65bei ADAC-Läufen gegen ältereKonkurrenten. Und wenn mal was kaputtgeht? Kein Problem. Dann baut der Papa alles wieder zusammen. Natürlich aus dem Kopf.

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