Porträt Herbert Schaumburg (Archivversion) Motorenmann

Er war ein Großer. Und er ist es immer noch. Nur etwas anders.

Showdown in Velbert. »Ich leg’ dich um«, kreischt Mike und fuchtelt wild mit seiner Pumpgun herum. Wasser schießt aus dem Lauf, netzt blaue Mechanikerschürze. »Soll ich deine Mutter anrufen oder dich an den Baum hängen?« lacht Herbert Schaumburg. Und schaut um sich.
Auf eine schrecklich exemplarische Kirche aus wirtschaftswunderlichen Zeiten. Auf das im gleichen Stil verschandelte Einkaufszentrum – eine Symphonie des Grauens in Beton. Auf die um dieses hirnrissige Möchte-gern-Zentrum gemeinschaftlichen Lebens hingeklotzten Wohnblocks.
»Klar, dass die Kids hier aggressiv sind«, räsoniert der sensible Fünfzigjährige. Der sich hier im Ex-Supermarkt kommod eingerichtet hat. Großzügige Werkstatt, bescheidener Laden.
Mike und die anderen Jungs aus der Siedlung strolchen regelmäßig vorbei. »Man muss ihnen ihre Grenzen aufzeigen, aber es hat lange gedauert, bis sie begriffen haben, dass hier nichts berührt wird«, sagt Schaumburg. »Irgendwann ist Schluss.« Ein Schaumburgscher Kernsatz.
Schluss mit dem Dasein als ordentlich bestallter Suzuki-Vertragshändler, der nach Feierabend und am Wochenende Motoren tunte. »Entweder machst du den Laden richtig oder den Sport?« Rhetorische Frage. Erste Antwort: Suzuki. »Ein Schreibtischjob, aber ich bin Motorenmann, wollte schnell weg.« Danach - unter anderen - Yamaha. Pro Superbike-Titel mit Christer Lindholm.
Schluss mit der Rennstrecke. »Zuviel Kompromisse, die ich nicht mittragen konnte.« Und dann dieser Schlendrian. Fürchterlich für einen Mann, der’s penibel liebt, selten ohne Barometer zum Rennen fuhr - »Wenn’s in einer Stunde um zwanzig Bar nach unten geht, regnet’s« – und dann feststellen musste: keine Regenreifen da.
»Mir reicht’s nicht zu sagen: Du hast deine Arbeit getan.« Schaumburg vergleicht sich mit dem Jongleur, der Teller rotieren sieht, hin- und herhetzt, aufpasst, dass keiner zu Boden fällt. Mit einem kleinen Unterschied: Er hat die Teller nicht gesetzt. Ein Profi will’s nun mal mit Seinesgleichen zu tun haben. Klappte nicht mehr, zu viel Porzellan zerbrochen. »Im nachhinein war’s ein Fehler, mich ganz auf den Sport konzentriert zu haben, aber ich bereue nichts.«
Schaumburg, der Einzelkämpfer. Nicht aus Überzeugung. Aber seine Ansprüche sind hoch. Die setzt er durch. Oder auch nicht. Dann zieht er Konsequenzen. Jetzt arbeitet er allein. »Seit zwei Jahren mit geregelten Geschäftszeiten.« Er tunt wie eh und je. BMW-Motoren für Autorennen, Go-Karts, Gespannmotoren. Und, natürlich, Motorräder. Für die ursprünglich geplante und dann kassierte offene deutsche Meisterschaft speckte er Yamahas R1 auf 156 Kilogramm ab. »Gemäß dem jetzt geltenden Reglement müsste ich 30 Kilo draufpacken.« Mal wieder vergebene Liebesmüh.
Er hakt’s ab - ohne Blick zurück im Zorn. Eher mit milder Melancholie. Sagt: »Ich bin zufrieden.« Und macht genau den Eindruck. Die Illusionen sind perdü. Eigentlich interessieren ihn, betont Schauburg, die »normalen« Motorräder sowieso viel mehr. Etwa Auspuffanlagen, die Suzukis GS 500 flotter machen. Oder Yamahas Drag Star. Denn: »Leute, die vorher Virago fuhren, sind geschockt, wie lahm die ist.« Die XJ 600, für die er gerade einen Kit konstruiert: »Das Fahrwerk ist eine Unverschämtheit und der Motor eine Krücke.«
Vor Schaumburgs Laden stehen seine zwei privaten Motorräder. Eine Suzuki RF 900 mit 180 PS, eins seiner Meisterwerke. »Melde ich dieses Jahr gar nicht erst an.« Und eine Suzuki GS 400, Jahrgang 1978, mit genügend PS. »Viele Kunden lachen, wenn sie den Oldie sehen.« Aber das vergeht ihnen, wenn er sie außen überholt.
»Es ist paradox«, bekennt er, »Motorräder, die eh Power en Masse haben, noch schneller zu machen.« Aber er tut’s. »Damit verdiene ich mein Geld.« Freilich nur in dem Rahmen, den er sich selber steckt. Und das Gesetz. »Ich mach’ nichts Illegales. Kunden, die ich wegeschicke, denken, was ist denn das für’n Arsch - sagen das dann auch.« Ficht Schaumburg nicht an. Da steht er drüber. Kümmert sich um so intensiver um die Klientel, die seine Philosophie des Motorrads teilt. »Das ist im normalen Leben wie in der Rennerei. Wie spricht es an? Läuft alles sauber? Spürst du, ob es vorwärts geht? Das ist das A und O.« Gilt für Tourer, Sportler, Enduros. Für alles. Also auch für das Leben des Herbert Schaumburg.

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