Porträt Joel Smets (Archivversion) Schlag auf Schlag

Nein, das kann es doch nicht sein. Aber die Adresse stimmt. Meistraat 75 in Dessel. Ein Straßenzug, wie er typischer für Belgiens flämischen Norden nicht sein könnte. Die Meistraat - säuberlich aneinandergefügte Betonplatten wie überall in Belgien. Das Haus mit der geschwungenen, messingfarbenen 75 - ein schmuckloser Backsteinbau mit ein paar Quadratmeter kurzgeschorenem Rasen drumrum und einer Einfahrt aus groben, grauen Schottersteinen, wie überall in der Provinz Limburg. Warum auch nicht. Oder müssen Weltmeister in Schlössern wohnen? Überhaupt, protzen scheint Joel Smets nicht zu liegen. Ein winziger blau-gelber Husaberg-Aufkleber auf der Heckscheibe seines Mercedes Diesel ist alles, was an den Job des Hausherrn erinnert - Joel Smets gehört zu den allerbesten seines Metiers: amtierender Moto Cross-Weltmeister in der Halbliter-Klasse. Auch im Haus selbst nicht die geringste Spur von weltmeisterlicher Noblesse. Im Gegenteil. Handarbeit ist angesagt. »Wir bauen das ehemalige Bauernanwesen seit zwei Jahren zu einem Wohnhaus um. Und ich glaube, wir werkeln auch noch die nächsten fünf Jahre daran. Es fehlt einfach die Zeit«, grinst der rotblonde Joel. Und man merkt ihm an: das mittelgroße Chaos, in dem er selbst, Gattin Nancy und voraussichtlich ab nächsten Februar auch noch der sich angekündigende Nachwuchs hausen, stört ihn nicht im geringsten. Warum auch? Für Joel gibt es wichtigere Dinge: Moto Cross. Jedes Wort, jeder Satz, den der 26jährige über dieses Thema äußert, steckt voller Inbrunst und Leidenschaft. Berufs-Crosser? Nein, Moto Crosser aus Berufung. Ein Mensch, der seinen Traum verwirklicht hat - und einfach weiterträumt. So idealistisch und schwärmerisch, wie dies eigentlich nur Kinder können. Mag sein, weil Jung-Joel zu lange von der eigenen Karriere träumen mußte, bis er sich selbst zum ersten Mal in den Sattel einer Moto Cross-Maschine schwingen konnte. »Meine Eltern waren glühende Moto Cross-Fans, ich schwärmte vor allem für den fünffachen Weltmeister Roger de Coster. Doch wir waren drei Geschwister. Jedem von uns ein Motorrad zu kaufen, konnte sich mein Vater als Schreiner nicht leisten. Also bekam keiner eine Maschine«, erinnert sich Joel an seine Kindheit und wie er liebend gern schon damals seinen Traum von der Crosser-Karriere verwirklicht hätte. Statt dessen mußte der Youngster quasi mit der Sparversion des Jugend-Cross, dem BMX auf dem Fahrrad, vorlieb nehmen. Schon damals hochmotiviert. Bereits mit zehn Jahren holte er sich die belgische Meisterschaft - übrigens knapp vor dem heutigen Husqvarna-Werkspiloten Johann Boonen. Erst mit 17 Lenzen, in einem Alter, in dem viele seiner heutigen Kollegen schon die ersten GP-Erfahrungen sammelten, schwang sich der damalige Schüler in den Sattel eines Crossers, der betagten 500er Maico seines Onkels. Und weil der Neffe sich auf Anhieb geschickt anstellte und der gute Onkel urplötzlich an etwas Modernerem Gefallen fand, stand plötzlich eine Halbliter-Yamaha in Joels Werkstatt. Natürlich nur zur Pflege. Doch aus dem Pflegefall für Onkelchen wurde der Ernstfall für Joel: Er konnte endlich Rennen fahren. »Ich war überglücklich und habe jede Sekunde meiner Freizeit in meinen Sport investiert«, weiß Smets noch heute von der enormen Belastung, die er sich neben seiner Ausbildung zum Elektromechaniker von Beginn an durch sein Hobby auferlegte. Was ihn zunächst wenig störte. Denn das Engagement trug frühe Früchte. Trotz Lehre und Militärdienst kletterte der Halbliter-Spezialist die Erfolgsleiter im Eiltempo nach oben. Erst 1990, am Ende seiner ersten GP-Saison, mußte eine Entscheidung fallen. Job oder Moto Cross? Die Antwort war klar. »Ich wußte, daß ich als Amateuer nicht mehr weiterkommen würde. Also nahm ich ein Jahr unbezahlten Urlaub und trainierte eben noch mehr«, zeigte der mittlerweile auf Honda umgestiegene Nachwuchsstar Courage und Selbstvertrauen. Wobei Neu-Profi Smets von einer in der Sportwelt einzigartigen Eigentümlichkeit Flanderns profitieren konnte. Dank vielfältiger Trainingsmöglichkeiten und der enormen Popularität dieses Sports in Belgien lebt gut die Hälfte der Top-ten-Piloten aller WM-Soloklassen im Moto Cross in einem Umkreis von weniger als 50 Kilometer um das 8000-Seelen-Städtchen Dessel. »Wenn man gemeinsam mit den Weltmeistern trainiert, gibt man entweder frustriert auf, oder man gelangt ganz nach oben«, erzählt Smets von der harten belgischen Schule. Und Joel, der sich bis heute in einer Trainingsgemeinschaft mit den Suzuki-Werkspiloten Marnicq Bervoets und Werner Dewit durch vier Stunden Konditionstraining täglich plagt, sollte es schaffen. Auf Anhieb klassierte sich der lupenreine Privatfahrer auf dem vierten Rang der 500er WM 1992. Doch erst ein Zufall sollte die Karriere des Sprachtalents - Smets spricht Flämisch, Deutsch, Englisch, Französisch und ansatzweise Italienisch - zur glücklichen Wende bringen. Eine Probefahrt auf dem Husaberg-Viertakter eines Freundes verwandelte den bisherigen Zweitakt-Crosser stante pede in einen Viertakt-Fan. Das Wort machte die Runde und letztlich landete der Belgier beim italienischen Husaberg-Importeur, den Vertemati-Brüdern. Am Ende der Saison lag er auf WM-Rang drei - und hatte damit ein Stück Motorsportgeschichte geschrieben. Gemeinsam mit dem Weltmeister von 1993, Landsmann Jacky Martens auf der Husqvarna, hatten es die beiden geschafft, die Viertakt-Crosser nach fast 30 Jahren Abstinenz im Moto Cross wieder ins Rampenlicht zu rücken. Heute treten, nicht zuletzt dank dieses Coups, rund ein Viertel der Halbliter-WM-Piloten auf den hubraumstarken Donnervögeln an. Doch so gut wie der Einstand im Viertaktlager in technischer und sportlicher Hinsicht begonnen hatte, so schlecht endete die Sache im kommenden Jahr im menschlichen Bereich. Die technisch versierten, charakterlich aber unverträglichen und eigenwilligen Vertemati-Brüder stellten Smets 1994 ein Eigenbau-Motorrad hin, mit dem der Belgier erneut den dritten WM-Rang schaffte, schon Mitte der Saison war aber klar: nach dem WM-Finale würden sich die Wege trennen. Ein Glück, daß sich der beliebte Smets bereits vorab der Gunst des kleinen Husaberg-Werks sicher sein konnte. Doch mehr als Maschinen und Ersatzteile konnte der schwedische Kleinhersteller bei einer Gesamtproduktion von weniger als 1000 Maschinen pro Jahr selbst für den Off Road-Hochkaräter nicht aufbringen. Nur ein gemeinsamer Fonds, den die Landesimporteure mit einer Abgabe auf jede verkaufte Husaberg und einige private Sponsoren speisen, ermöglichte letztlich die Geburt des sogenannten Husaberg-Four Stroke-Force-Teams 1995. Das Ergebnis ist hinlänglich bekannt: Die Mini-Abordnung aus Joel, Mechaniker und dem belgischen Husaberg-Importeur als Teamchef holte nicht nur den 500er WM-Titel, sondern Smets war bester Einzelfahrer beim Moto Cross der Nationen im slowakischen Sverepec. Ein Triumph, der dem Hobby-Tennisspieler zumindest finanziell bislang wenig eingebracht hat. »Ich bestreite meinen Lebensunterhalt durch die Preis- und Startgelder. Zu viel mehr reicht´s aber nicht«, weicht die immer fröhliche und enthusiastische Ausstrahlung von Smets ausnahmsweise düsteren Gedanken. Denn in den Blütezeiten des Moto Cross vor knapp einem Jahrzehnt hätte sein jetziger WM-Titel den flotten Joel locker zum Millionär gemacht. Sein schwacher, offensichtlich aber wirksamer Trost: »Ich kann die Situation nicht ändern. Deshalb versuche ich einfach, nicht daran zu denken. Basta.« Und wenn man´s jemandem glaubt, daß Geld allein nicht glücklich macht, dann Joel.

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