Porträt Jörg Steinhausen und Frank Schmidt (Archivversion) Locker vom Hocker

Im Herbst 1996 fuhren sie zum ersten Mal im Gespann, ein Jahr später waren sie schon deutsche Meister - die Blitzkarriere von Jörg Steinhausen und Frank Schmidt.

Ganz der Papa - dieser Gedanke drängt sich spontan auf, wenn man auf Platz eins der Gespann-DM-Tabelle 1997 den Namen Jörg Steinhausen liest. Sprößling von Rolf Steinhausen, dem Weltmeister von 1975 und 1976, mehrfachen deutschen Meister und Isle-of-Man-Sieger. Ein echter Haudegen von altem Schrot und Korn, der beherzt am Gasgriff drehte und damals wie heute kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Interessen des Seitenwagensports geht. Jetzt setzt der Nachwuchs die Familientradition auf drei Rädern fort. Ganz wie der Papa? Nur bedingt, denn der Junior tritt auf und neben der Piste noch deutlich ruhiger auf. Ein Gespann mit Schmackes quer durch die Kurven zu drücken, wie das sein berühmter Vater so eindrucksvoll demonstriert hat, das ist zum Beispiel noch nicht ganz das Ding des Jörg Steinhausen. Am kontrollierten Drift übt der junge Held noch. In einem Punkt hat er den Papa jedoch schon überflügelt. »Ich hab´ mir damals beim Einstieg viel schwerer getan«, vergleicht Rolf Steinhausen und lobt die enorme Lernfähigkeit des Sohnemanns, der das seltene Kunststück fertigbrachte, gleich in seiner ersten Rennsaison den DM-Titel zu holen - mit zwei Siegen und fünf zweiten Plätzen. Dazu kamen Achtungserfolge im Cup der Teamvereinigung ISRA, vergleichbar mit der Europameisterschaft, im Gespann-Weltcup sowie ein Triumph bei einem internationalen Rennen in Assen. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Trotz der Vorbelastung durch das Elternhaus bewegte Jörg Steinhausen im Herbst 1996, damals war er immerhin schon 26, zum ersten Mal ein Renngespann. Zuvor war er fünf Jahre lang in den Soloklassen Moto Cross gefahren, vom Straßen-Dreirad wollte ihn der Vater möglichst fernhalten. Doch dann setzte Jörg Steinhausen seinen sehnlichsten Wunsch eines Tages doch noch durch und startete mit Passagier Frank Schmidt, einem ehemaligen Kameraden von der Realschule, zur ersten Probefahrt auf einem Flugplatz. Es folgten ausgiebige Testfahrten im belgischen Zolder, bei denen Teamchef Rolf Steinhausen zunächst Kritik am Co-Piloten übte. »Du hast zwar Kraft, aber an der falschen Stelle«, sagte der Boß zu Frank Schmidt, dem es in den ersten Runden im Boot richtig schlecht geworden war. Diese Worte ließ der ehemalige Radsportler und Triathlet allerdings nicht auf sich sitzen. Flugs trainierte er seine Unterarme, um den enormen Fliehkräften im Gespann mit festem Griff zu trotzen, verbesserte seine Reaktionsschnelligkeit und hatte rasch Spaß am außerordentlichen Fahrgefühl gefunden, das die flachen Dreirad-Flundern bei Geschwindigkeiten bis zu 270 km/h bieten: »Das ist das Geilste, was ich im Sport je erlebt habe.« In ihrem LCR-Renner zauberten Jörg Steinhausen und Frank Schmidt 1997 einen wahren Blitzstart aufs DM-Parkett. Das siebte Saisonrennen in Augsburg wäre aber fast schon das letzte gewesen - Ebbe in der Teamkasse. Wie durch ein Wunder kam jedoch wieder »Cash in die Tesch«, wie Steinhausens Heimatzeitung in Anspielung auf das Inkassounternehmen Tesch titelte, das wie einige andere Gönner aus dem Gummersbacher Raum plötzlich auf die erfolgreichen Gespannfahrer aufmerksam geworden war. Schon nach dem vorletzten DM-Lauf in Hockenheim konnte der Titel gefeiert werden. Trotz ihres Überraschungscoups bleiben die Champions auf dem Boden, denn sie wissen, daß sie noch Erfahrung sammeln, konstantere Leistungen bringen und die Rundenzeiten steigern müssen, um auch international vorn mitmischen zu können. Deshalb kommt eine komplette Weltcup-Saison für die beiden 1998 noch zu früh. »International konzentrieren wir uns auf den ISRA-Cup und hoffen, daß wir mit einer Wild Card ein paar Weltcup-Läufe bestreiten können«, plant Jörg Steinhausen. Bei allem Talent kann sich der 27jährige Student eines aber abschminken: Weltmeister zu werden wie der Papa. Denn die WM wurde von der FIM inzwischen zum Weltcup degradiert, und selbst dieser Serie hat der Weltverband für dieses Jahr jegliche finanzielle Unterstützung entzogen (siehe auch Kommentar). Die ISRA muß die Meisterschaft mit acht geplanten Rennen nun allein stemmen - unter anderem sollen Gespann-Weltcup-Läufe im Rahmen der Solo-Grand Prix von Deutschland, Holland, England und Tschechien stattfinden. Trotz der schwierigen Lage ihres Sports blicken die Steinhausens durchaus optimistisch in die neue Saison. Für 1998 haben sie ein neues LCR-Chassis bestellt. Es soll wahlweise mit dem bisher verwendeten, 190 PS starken 500er ADM-Honda-Zweitakter oder mit einem vom Reglement ebenfalls erlaubten 1200er Suzuki-Viertaktmotor bestückt werden. Die Karriere des Sprößlings ist aber nicht die alleinige Mission von Teamchef Rolf Steinhausen: »Mein Ziel ist es, den Gespannsport wieder gesellschaftsfähig zu machen.« Wenn es um Argumente für die ins Abseits gedrängte Rennerei auf drei Rädern geht, sprudelt es auch aus Jörg Steinhausen nur so heraus. Da preist er zum Beispiel die familiäre Atmosphäre unter den Teams, verweist auf die spannende, faszinierende Action auf der Piste und preist die große Werbefläche der Fahrzeuge. In diesem Punkt trifft die eingangs erwähnte Einschätzung absolut zu: ganz der Papa.

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