Porträt John Berger (Archivversion)

Dichter und Lenker

Er wollte Maler werden. Im kalten Krieg vertauschte der Engländer den Pinsel mit der Feder und wurde als Schriftsteller berühmt. Motorrad fährt John Berger seit 50 Jahren - und er hat einiges dazu zu sagen und zu schreiben.

Man könnte ihn für einen der wenigen Bauern halten, die im französischen Bergnest Quincy noch Kühe halten und ihre Wiesen mähen. Wenn John Berger die Heugabel schultert und loszieht, um seinem Nachbarn Louis Sange beim Heumachen zu helfen, unterscheidet ihn nichts von den Figuren seiner Romantrilogie »Sau-Erde«, »Sing mir ein Lied« und »Flieder und Flagge«, in der er die Mühsal und die Vergnügungen, die privaten Hoffnungen und persönlichen Katastrophen im Leben der Menschen beschrieben hat, die die Dörfer der Haute Savoie bewohnen. »Eine Welt und eine Lebensform, die bald verschwunden sein werden«, sagt Berger und schwingt die Heugabel. »Männer wie Louis sind die letzte Generation von Bauern hier. Die jungen Leute gehen weg, um Jobs zu finden.« Auch Louis lebt allein. Nach ihm wird keiner mehr den Hof weiterführen, in dessen geräumiger Küche wir nach ein, zwei Stunden Arbeit bei Zichorienkaffee, Brot, Käse und einem Schluck Rotwein die verdiente Pause genießen.MOTORRAD-Leser kennen John Berger, der seit 1970 in einem alten Bauernhaus in den Bergen südlich des Genfer Sees lebt, aus einer ganz anderen Perspektive. 1993 hatte er in einem Essay (Heft 3), dem später eine Geschichte über den Bol d’Or folgte (Heft 26), die Empfindungen beim Motorradfahren beschrieben. »Wenn du richtig in eine Kurve hineingehst, hält sie dich in ihren Armen, ebenso wie ein Hügel dich in den Himmel trägt und ein Gefälle dich empfängt ... Nach wenigen Stunden Fahrt durchs Land hast du das Gefühl, daß du mehr hinter dir gelassen hast als Städte und Dörfer, durch die du gekommen bist. Hinter dir liegen bestimmte vertraute Zwänge. Du fühlst dich weniger erdenschwer als bei Fahrtbeginn.«Kein Zweifel - der Dichter weiß, wovon er spricht. Auf zwei Rädern ist John Berger seit mittlerweile 50 Jahren unterwegs. 1947 kaufte er sein erstes Motorrad, eine 125er Excelsior. Er hatte eine Kunstschule absolviert, arbeitete als Zeichenlehrer und wollte Maler werden. Doch wenig später, zur Hoch-Zeit des kalten Krieges, begann er sich als Journalist mit Politik und Kunst zu beschäftigen. Eines der Blätter, für die Berger damals schrieb, war die »Tribune«, George Orwell ihr Herausgeber.Wer Bergers Texte liest, erkennt noch immer den Maler im Schriftsteller. Nicht nur, daß viele seiner Werke sich mit darstellender Kunst beschäftigen - wie sein erstes in deutscher Sprache publiziertes Buch überhaupt, das 1957 in Dresden erschienene »Erfolg und Scheitern Picassos«. Oder »Begegnungen und Abschiede - Über Bilder und Menschen«, 1993 bei Hanser. Auch Bergers erster, 1958 veröffentlichter Roman »A Painter of Our Time« (deutsch: »Die Spiele«, Reclam Leipzig 1991) handelt von einem Maler - einem Ungarn im Londoner Exil.Sehen und Wahrnehmen prägen das Werk des heute 70jährigen. »Schriftsteller sind nicht kreativ, sie erfinden nicht - das ist nur ein Image, das sie sich aufbauen und auf das sie stolz sind«, erklärt der Dichter. »In Wirklichkeit sind sie vor allem sehr aufnahmebereit. Aber darauf kann man nicht so stolz sein.« Sehen und Wahrnehmen sind auch der gemeinsame Nenner für Bergers Motorradleidenschaft. Die entdeckte er, als er Anfang der 50er Jahre mit seiner 250er Jawa zweimal pro Woche 150 Meilen von Wales nach London fuhr. »Was mir Freude machte«, sagt er, »war die Verbindung von visuellem Erleben und Unterwegssein.« Daran hat sich bis heute nichts geändert. Eine Italienreise mit seiner Honda CBR 1000 F fand ihren Niederschlag im gerade erschienenen Roman »Auf dem Weg zur Hochzeit«, zwischendurch tourte der Dichter nach Galizien oder - mit Gattin Beverly als Sozia - durch den Schwarzwald.Ein anderes Motiv fürs Motorradfahren, das für den politischen Schriftsteller Berger in den 50er Jahren wichtig war, spielt heute eine geringere Rolle. »Das Motorrad war in England ein Arbeiterfahrzeug und gehörte zu den wenigen Dingen, die Arbeiter herstellten und auch genießen konnten. Heute dagegen sind Bikes relativ teuer. Aber der Zusammenhalt unter den Motorradfahrern funktioniert trotzdem noch. Dahinter steht das Bewußtsein, daß man so verletzlich ist, daß es eine Leidenschaft und manchmal unbequem ist, so offen und frei zu sein.«Mit einer Greaves 350 trat Bergers Motorradleidenschaft Anfang der 50er Jahre in ein neues Stadium. »Ich war mit Dennis Greaves, dem Konstrukteur des sportlichen und schon mit einer Art Upside-down-Gabel ausgestatteten Zweizylinder-Zweitakters, befreundet«, erinnert sich John. Dennis weckte in ihm das Interesse am Geländesport. »Ich sah mir Scrambles, wie die Moto Cross-Rennen damals genannt wurden, an und schrieb über die Fahrer.« Britische Skurrilität am Rande: »Einer von ihnen, er hieß Joe, trug einen zahmen Raben auf der Schulter.«Doch nicht Motorsport wurde Bergers Passion, sondern das Reisen. Der 350er Greaves folgte bald eine BSA 500 Rocket, in deren Sattel er zusammen mit einem befreundeten Maler und BMW R 50-Fahrer aus Amsterdam jahrelang kreuz und quer durch Europa tourte: »Frankreich, Italien - es war eine glückliche Zeit. Wir fuhren Motorrad, und wir sahen uns Bilder an.« Sogar nach Leipzig und Warschau fuhr Berger auf seiner BSA - ein Verleger, bei dem er ein Buch über den italienischen Realisten Renato Guttuso veröffentlicht hatte, verschaffte ihm das Visum.Seither hat sich auf den Straßen manches verändert. »Natürlich ist man heute durch die Bekleidung besser vor dem Regen geschützt, und moderne Straßen sind weniger fordernd«, resümiert Berger. »Auf einer alten Straße hundert Kilometer zu fahren läßt einen ihre Persönlichkeit spüren, man beginnt, mit ihr zu tanzen. Aber die physische und existenzielle Erfahrung, auf der Maschine zu sitzen - das ist geblieben.« Neuerdings liebäugelt der Dichter mit einer Ducati: »Das ist wie Violine zu spielen.« Dann besinnt er sich: »Für mich ist es wohl trotzdem nichts, denn ich mache lange Reisen, bin schon ein bißchen älter und brauche ein Motorrad einfach zum Fahren.“
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Berger, John: Porträt des Schriftstellers (Archivversion)

Jean fährt Motorrad. Eine rote CBR 1000 mit 85000 Kilometern auf der Uhr. Sie bringt ihn zur Hochzeit seiner Tochter Ninon. Über die Alpen hinein nach Italien. Dahin, wo der Po in die Adria mündet. »Es ist unser Motorrad, das die Welt in Schräglage bringt«, erinnert sich Ninon an gemeinsame Ausfahrten mit ihrem Vater. Und daran, daß das Hineinlegen in die Kurve »der Zentrifugalkraft und dem Trägheitsgesetz entgegenwirkt«. Ihrer Krankheit kann sie nichts entgegensetzen. Ninon weiß, sie muß sterben. Unter fürchterlichen Schmerzen. Sie ist HIV-positiv - Resultat ihrer flüchtigen Liaison mit einem rauschgiftsüchtigen Koch. Dennoch heiraten sie und Gino, der Unversehrte, und sie feiern ein grandioses Fest. Schräglage eben - das tun, was notwendig ist, um nicht aus der Bahn zu geraten - und dann noch dieses kleine bißchen mehr, um dabei sein Vergnügen zu haben. Und sei der Weg, der vor einem liegt, noch so schmerzlich. Wie der Jeans zur Hochzeit seiner todgeweihten Tochter: Er »bleibt einen Sekundenbruchteil länger in Schräglage, als es die Sicherheit erfordern würde«. Klingt alles fürchterlich kitschig - ist es aber nicht. Weil John Berger nicht zur peinlichen Fraktion der ewig Betroffenen gehört. Statt mitleidigem Geschwätz gibt’s Lapidares, Sätze, wie in Stein gehauen, die mitunter ins Schwerpoetische abdriften. »Du wirst eine Frau heiraten, kein Virus. Schrott ist kein Müll, Gino. Heirate sie.« Der so spricht ist Ginos Vater - und natürlich Schrotthändler von Beruf. Dessen Stimme und auch die aller anderen Personen des Romans vernimmt ein blinder Amulettverkäufer in Athen. Ihn, den Seher, läßt Berger die Geschichte erzählen - als moderne Tragödie, ebenso aussichtslos wie ihre antiken Vorläufer. Schicksalsgöttin HIV. Ihr Held ist Gino, sein Problem die Zeit. Die läuft ihm und der aidskranken Ninon davon. Ginos Lösung: symbolische Handlungen mit der Aura des Ewig-Gültigen. Die Hochzeit, natürlich. Aber auch seine Kahnfahrt mit Ninon auf dem Po, der als Sinnbild des Stroms der Zeit fungiert - Gino steuert zuerst dagegen, läßt sich dann ans Ziel treiben. Bergers in einer wunderschön einfachen Sprache geschriebener Roman hat in allen seinen Episoden, auch wenn’s ums Motorradfahren geht, den unstillbaren Drang zur Bedeutsamkeit. Aber der stört nicht. Im Gegenteil. Daß Ninons Mutter Tschechin ist, die Prag anno 1968 verlassen mußte, als aus dem Frühling ein Herbst geworden war, und Ninon also Tochter einer gescheiterten Revolution, das mag Klischee sein - aber es paßt. All die Menschen, die Berger um sein Liebespaar Ninon und Gino gruppiert, sind einfach zu gut und zu schön, um nicht wahr zu sein. Weil sie die allgegenwärtige Trägheit auf ihre Weise überwinden In Schräglage. Offen, frei, verletzlich. sonoJohn Berger: Auf dem Weg zur Hochzeit. Roman. Aus dem Englischen von Jörg Trobitius; Hanser Verlag, München 1996, 216 Seiten, 36 Mark.

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