Porträt Kenny Roberts junior (Archivversion)

Clan und Gloria

Familienglück im kalifornischen Modesto statt Jet-set in Monaco: Kenny Roberts junior genießt seinen frischen Ruhm am liebsten zu Hause. MOTORRAD-Mitarbeiter Paul Carruthers hat den 500er-Weltmeister besucht.

Kenny Roberts junior drehte ein paar heiße Runden mit seiner Suzuki RM 250, und ich stand seelenruhig auf dem höchsten Punkt eines Sprunghügels der Kenny-Roberts-Ranch. Dorthin hätte ich mich kaum getraut, wenn Roberts senior oder Kennys jüngerer Bruder Kurtis ihren Schabernack getrieben hätten. Lieber würde ich mich von einem Blinden am Herzen operieren lassen, als mich solch unabwägbaren Gefahren auszusetzen. Doch beim ältesten Roberts-Sohn wog ich mich in Sicherheit. Dann passierte es. Junior korrigierte vor dem Sprung minimal den Kurs und hob ab, wobei sein Hinterrad um Zentimeter an meinem Kopf vorbeirasierte – verdammt! Kenny junior ist eben doch ein Roberts, durch und durch. Bislang hatte ich immer den Eindruck gehabt, dass es falsch wäre, little Kenny den Roberts-Stempel aufzudrücken. Kurtis war der eigentliche Junior, eine jüngere, größere, schlankere Kopie seines Vaters. Sperr die beiden in ein Zimmer und schließe die Augen - du würdest sie im Tonfall nicht voneinander unterscheiden. Doch Kenny junior? Der 27-Jährige wirkt weniger ungehobelt, feiner als die beiden derben Cowboys. Er drückt sich gewählter aus, nimmt sich stets die Zeit, nach dem treffenden Wort zu suchen, das dem, was er sagen will, den meisten Nachdruck verleiht. Er spricht nur über sich selbst, wenn er dazu gedrängt wird, und trägt dabei nie dick auf – sondern sagt einfach ehrlich, was Sache ist. Wenn einer von der Roberts-Familie sich mit einem Sturmgewehr hinter einem Truck verstecken würde, um dir einen Schreck einzujagen, wäre es sicher nicht Junior. Denn der ist ein Typ, der erst einmal nachschaut, ob du auch Ohrstöpsel trägst, bevor er seine 44er-Magnum in die Hügel neben der Ranch abfeuert. Dass er mit seinem Motocross-Sprung an meinem linken Ohr vorbei für einen Moment in die typischen Roberts-Attitüden zurückfiel, war eine der seltenen Ausnahmen von der Regel. Wenn du bei Kennys Haus vorfährst, fällt sofort auf, dass der Rasen frisch gemäht ist und dass auch sonst perfekte Ordnung rund ums Anwesen herrscht. Einen Gärtner oder sonstige Helfer benötigt der Halbliter-Weltmeister nicht. »Solche Dinge erledige ich selbst”, erklärt er. Das Haus ist ein gewöhnliches zweigeschossiges Eigenheim im rasch wachsenden Städtchen Modesto im Farmland des kalifornischen Nordens. Bescheiden, ohne den Prunk, den er sich mühelos leisten könnte. Weder in Form, Farbe oder Ausstattung ist das Heim ein Spiegelbild eigener Größe. Es hängen mehr private Bilder an der Wand als Rennfotos. Abseits der GP-Strecken führt der seit kurzem mit Rochelle verheiratete Champion ein ganz normales Leben. Am liebsten ist er zu Hause und verbringt seine Freizeit mit der Familie und Freunden. Alles in allem steht Junior mit beiden Füßen fest am Boden. »Rochelle und ich haben gemeinsam ungefähr 45 Familienmitglieder im Umkreis von 15 Minuten, und zwei-, dreimal pro Woche treffen wir uns«, erklärt Junior. Sein Leben in Modesto ist weit weg vom Glamour der Königsklasse. Es gibt keine springenden Pferde auf edlen roten Sportwagen in der Garage. Kenny junior ist ein Kerl für deftige Hausmannskost, einer, der mit dem Pick-up-Truck durch die Gegend poltert. »Es ist nicht einfach, im Baumarkt Bohnenstangen einzukaufen und sie in einem Mercedes nach Hause zu bringen. Ich werde wohl nie ein normales Auto besitzen”, lacht Roberts. Modesto ist weit weg von Monaco, aber nur 20 Minuten entfernt von jenem Fleckchen Erde, auf dem Roberts seine Fähigkeiten als Motorradrennfahrer entwickelte und aufpoliert. Die Roberts-Ranch am Rande des Dörfchens Hickman ist ein 65 Hektar großer Abenteuerspielplatz mit Motocross-Strecken, Flat-Track-Pisten, einer Kart-Bahn und einem Ranch-Haus aus massiven Baumstämmen. Hier lebt Kenny senior, wenn er sich nicht auf seiner anderen Ranch in Montana herumtreibt, und Kurtis, wenn er nicht Supersport- und Formula-Xtreme-Titeln hinterherjagt. Vor allem aber ist diese Ranch die Heimat der Champions. Kenny junior ging auf eine Privatschule, spielte Baseball, Basketball und Golf und wuchs ganz beiläufig und selbstverständlich, nach den Hausaufgaben am Nachmittag, in den Motorradrennsport hinein. Ein Kinderstar war Kenny junior ebenso wenig wie sein Dad und trat nie bei lokalen Motocross- oder Dirt-Track-Rennen in Erscheinung - denn dort hätte er weniger gelernt als zu Hause, wo er Leute wie Wayne Rainey, Eddie Lawson, John Kocinski und seinen Vater beobachten, belauschen und imitieren konnte. Als er endlich die ersten Wettbewerbe bestritt, blieb er nur für eine 250er-Saison in Amerika. Dann steckte ihn sein Vater in die Ducados-Open-Meisterschaft in Spanien. Ein unspektakulärer Grand-Prix-Einstieg mit drei Jahren in der 250er-Klasse folgte, bevor ihn sein Vater im eigenen Halbliter-Team unterbrachte. Der Weg nach oben blieb trotzdem steinig. Nach einem Jahr auf einer Yamaha 500 entschied sich Kenny senior für den Bau seiner Dreizylindermaschine. Trotzdem würde Kenny junior die Erfahrung dieser beiden Jahre für nichts in der Welt eintauschen. »Wie viele Söhne haben Gelegenheit, die 500er ihres Vaters zu fahren? Das ist etwas, was wir gemeinsam durchmachten, die trübste Zeit unserer Karrieren. Aber wir ließen uns nicht unterkriegen.” Ende 1998 trat Kenny junior dann endlich aus dem langen Schatten seines Vaters, des 500er-Weltmeisters der Jahre 1978 bis 1980. Er unterschrieb bei Suzuki und trainierte noch härter für den Kampf um die Krone der Königsklasse. Der Schweiß zahlte sich auf Anhieb mit Siegen aus, und in der vergangenen Saison wurde der große Traum vom Titel war. »Ihn zu verpassen hätte mich weit zurückgeworfen. So aber sind die Opfer meines Vaters, mir das Grand-Prix-Fahren zu ermöglichen, gerechtfertigt”, sagt Roberts junior. Nach der Saison gönnt er sich endlich ein bisschen Freizeit. Er hat ein Bier in der Hand und ein breites Grinsen auf dem Gesicht, als er seine Suzuki zwei Kurven vor dem Ziel innen an Max Biaggi vorbeischiebt. Bei einem Vier-Sekunden-Rückstand in der vorletzten Runde schien das ein Ding der Unmöglichkeit. Doch die echten Helden gewinnen am Ende immer - mit der Sony Playstation ebenso wie im richtigen Leben.
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Kenny Roberts junior (Archivversion)

Geboren am 25.Juli 1973 in Modesto/USA; verheiratet mit Rochelle; Hobbies: Fischen, Jagen; Autogrammadresse: Team Telefónica-Movistar-Suzuki, Enterprise Way, Edenbridge, Kent, TN8 6EW EnglandErstes Rennen: 1988 (Motocross)Erstes Straßenrennen: 1990 in Willow Springs/USAErster Grand Prix: 1993 in Laguna Seca/USA auf Yamaha 250, Platz 101994: 18.Platz in der 250er-WM auf Yamaha1995: 8.Platz in der 250er-WM auf Yamaha1996: 13.Platz in der 500er-WM auf Yamaha1997: 16.Platz in der 500er-WM auf Modenas1998: 13.Platz in der 500er-WM auf Modenas1999: 500er-Vize-Weltmeister auf Suzuki, 4 Siege2000: 500er-Weltmeister auf Suzuki, 4 Siege

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