Porträt Klaus Nennewitz (Archivversion) Ein Hesse in Venetien

Klaus Nennewitz entwickelte die Falco für Aprilia und möchte kein »Cruccho« sein.

Klaus Nennewitz kann kochen. Und waschen. Und seine selbst renovierte alte Villa in Ordnung halten. Nebenbei macht der Nordhesse Karriere bei Aprilia. Für italienische Verhältnisse ein wahres Wunderwerk von Mann. Denn in Venetien, im konservativen Nordosten Italiens, ist die Männerwelt noch in althergebrachter Ordnung. Einmal den Müll raustragen gilt dem Veneter schon als emanzipatorische Heldentat. Da müssten die Italienerinnen bei einem wie Klaus doch einfach Schlange stehen. Falsch. »Die beäugen mich derart misstrauisch«, hadert der 33-Jährige mit seinem Single-Dasein, »als würde ich im Garten Frauenleichen vergraben.«Seit 1994 lebt er in Venetien. Damals stellte Aprilia den Fahrzeugbau-Ingenieur als technischen Zeichner ein. Doch das blieb er nicht lange. Erst entwickelte er die Pegaso Cube, dann die Falco. Die kam gut an - und Aprilia kürte Nennewitz zum Bereichsleiter Motorrad. »Die erste Zeichnung für die Falco entstand im Sommer 1997, und im Februar 1999 war der definitive Prototyp fertig«, erzählt Nennewitz. Und das mit nur fünf Technikern und einem Mechaniker. Was wieder einmal die gern verbreitete These vom dolce vita in Italien widerlegt.»Im Norden Italiens wird in aller Regel mehr gearbeitet als in Deutschland«, bestätigt der Hesse. Sein Arbeitstag beginnt zwischen acht und neun. Und dauert. Meist bis 19 oder 20 Uhr. Manchmal auch länger, wenn wie dieser Tage ein Scheinwerfertest auf dem Programm steht. So was macht man logischerweise nachts.Nach Italien verschlug es Nennewitz 1992 wegen seiner Diplomarbeit. »In Deutschland ging im Motorradbereich damals nichts voran.« Arbeit im Ausland war nichts Neues für Nennewitz. Schon während des Studiums hatte er ein Praxisjahr in Kalifornien beim Geländemotorrad-Hersteller ATK absolviert. Angenehmer Nebeneffekt: Start auf ATK bei der Baja California 500 und ein zehnter Rang im Gesamtklassement.Danach startete Nennewitz seinen Giro d’Italia der Bewerbungen. Und blitzte ab. Bei Cagiva kam er nicht mal über die Schwelle, bei Ducati brachte er es immerhin zum Bewerbungsgespräch, bekam dann aber eine Absage. Auch Aprilia winkte ab: Ohne perfekte Italienisch-Kenntnisse läuft nichts. Erst durch Vermittlung eines Freundes landete er schließlich bei einem Ingenieurstudio in Bologna, wo er an der Entwicklung eines Rollers für Malaguti mitwirkte. Von Bologna sah er so gut wie nichts. »Tagsüber war ich im Studio, arbeitete als Zeichner, Modellbauer, Mechaniker. Nachts schrieb ich an meiner Diplomarbeit und lernte Italienisch.« Ausgelaugt kehrte er nach Deutschland zurück. »Ich war einfach platt.« Im November 1993 bekam er endlich einen Termin bei Aprilia. Ein deutscher Ingenieur, der fließend Italienisch sprach, interessierte die Aprilianer sehr. Doch dann passierte wieder mal nichts. Erst kurz vor Weihnachten, als Nennewitz sich schon mit Abwanderungsgedanken in die USA trug, kam endlich das Angebot aus Noale.»Eigentlich zieht es mich nach Süden, die Lebensart weiter unten am Stiefel gefällt mir besser«, gesteht Nennewitz. Doch er wird im Veneto bleiben, weil er Aprilia für den italienischen Hersteller mit dem größten Potenzial hält. »Wir stehen im Motorradbereich erst am Anfang, und wir haben jede Menge Projekte und Ideen.« So wird er seine Freunde in der Gegend um Rom weiterhin nur am Wochenende sehen ­ mal kurz mit einem Prototyp hingedüst, denn Nennewitz macht auch die Enderprobung seiner Motorräder zum Teil selbst. Mit der Falco pirschte er letzten Sommer durch Rumänien. Wohin er dieses Jahr fährt, bleibt sein Geheimnis ­ sicher ist nur: Er wird erneut einen Prototyp dabei haben, entweder die Enduro oder den Tourer, die Aprilia auf der Intermot in München im Herbst vorstellt.Obwohl die Veneter dem restlichen Italien als verschlossen und skeptisch gegenüber Fremden gelten, hat sich Nennewitz einen großen Freundeskreis aufgebaut. Mit der einfachsten und zugleich schwierigsten Methode der Welt - sich auf die Leute einzulassen. Klaus spricht inzwischen nicht nur perfekt Italienisch, sondern auch den örtlichen Dialekt. »Das ist einfach ein Muss, auch bei der Arbeit. Wenn es hektisch wird, verfallen meine Kollegen nämlich plötzlich in ihren Dialekt.« Und er vermeidet möglichst jedes »Crucchi«-Verhalten. Crucchi nennen die Italiener die Deutschen dann, wenn sie’s mal wieder übertreiben. Etwa zu viel Bier trinken, im April in der Adria baden. Oder zu kurzen Hosen dunkle Socken tragen. Klaus Nennewitz füllt seinen Wein selber ab, isst und trinkt wie die Einheimischen. Wobei letzteres gar nicht so einfach ist, denn die Veneter sind als ausgesprochen trinkfreudig bekannt. »Da mitzuhalten ist nicht immer leicht.« Vor allem, wenn es sich um Grappa handelt. Lebenslange Übung macht da schlicht den Meister. »Und das kann unsereiner nicht mehr aufholen.“

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