Porträt Konrad Kujau (Archivversion)

Das Original

Sein Beruf: Fälscher. Er aber ist ein Original: Konrad Kujau, Autor der Hitler-Tagebücher, Galerist, Maler, Koch, Gastronom, Rock ´n Roll-Junkie, begeisterter Motorradfahrer.

Gestartet wird der uramerikanisch anmutende, aber in Korea gebaute Feuerstuhl bequem auf Knopfdruck. 105 Stundenkilometer Spitze sind fürs gemütliche Dahingleiten auf der Landstraße gerade gut genug.« Einen solchen Chopper aus Korea, einen 14 PS starken Hyosung Cruise II, besitzt seit ein paar Wochen auch Konrad Kujau, der Meister des Fälschens. »Ein echt starkes Motorrad«, sagt Kujau. Und natürlich eine Fälschung: »Das haben die Koreaner sich doch alles bei Harley abgeguckt.«Schon deshalb paßt dieser wahrlich exotische Chopper-Verschnitt zu Kujau. Konrad Kujau ist ein begnadeter Motorradfahrer – diese Aussage wäre eine Falschmeldung. Konrad Kujau ist ein begeisterter Motorradfahrer – diese Meldung ist korrekt. Vor allem aber ist Konrad Kujau eine schillernde Figur, nicht nur, wenn er sich zum Motorradfahren in eine grellrote Jacke zwängt. Obwohl er Zwang eigentlich überhaupt nicht ausstehen kann. Vielleicht träumt der Rebell, der 1955 aus der DDR kam, deshalb noch immer davon, einmal Politiker zu werden. Die Verkehrspolitik jedenfalls würde er gründlich liberalisieren. Sogar die Helmpflicht ist ihm ein Dorn im Auge. Den rotlackierten Hut, Halbschale versteht sich, setzt er zwar auf, aber nur unter Murren. »Das alles mag ja der Sicherheit dienen, aber früher, als wir ohne Helm fuhren, war das Erlebnis doch viel intensiver.« Früher, das war, als Kujau sein erstes Motorrad, seine »Geier-Wally«, eine Adler, erstand. Später ist er auf eine Zündapp umgestiegen, »so eine mit verchromten Tank«, sagt Kujau. Umgebaut hat er sie alle und sich prompt immer wieder Ärger mit der Obrigkeit eingehandelt. An diesem Konflikt hat sich bis heute nichts geändert. Schließlich hat Kujau die skurrilste Story der Pressegeschichte auf dem Gewissen - und dafür gebüßt. Fast auf den Tag genau sind es 15 Jahre her (25. April 1983), daß der Wahl-Stuttgarter der Illustrierten »Stern« seine gefälschten Hitler-Tagebüchern angedreht und die ganze Welt gefoppt hat. »Die Geschichtsbücher müssen umgeschrieben werden«, tönte damals der »Stern. Der Betrug sorgte sogar im Kino für Furore, in »Schtonk«, einer der intelligentesten deutschen Komödien mit Uwe Ochsenknecht als Fälscher und Götz George als »Stern«-Redakteur Gerd Heidemann. Makabererweise ist der Film um Kujau und den nazigeilen Heidemann wohl authentisch. »82 Prozent des Drehbuchs habe ich umgeschrieben.« Sagt Kujau. Vorher aber mußte Conny, wie ihn seine Freunde nennen, ab in den Knast. 1978 war Konrad Kujau Mitarbeiter des Geschichtsprofessors Pisckau, eines vermeintlichen Kenners des Dritten Reichs. Kujau legte ihn auf Kreuz, fälschte ein Aquarell, das Hitler gehört haben soll. Der Professor hat den Bluff geschluckt, Kujau hat ihn genossen. »Na fein! Entweder ich fälsche meisterhaft, oder der Professor hat keine Ahnung – oder beides.« Dem Schelm kommt die Idee, Tagebücher von Hitler zu fälschen. »Mir gefällt der Gedanke: Adolf sitzt abends an seinem Schreibtisch und läßt die Ärsche paradieren, die er tagsüber getreten hat. Das hat doch was.« Beim Deal mit dem »Stern«-Redakteur Gerd Heidemann - insgesamt hatte die Hamburger Illustrierte über zehn Millionen Mark bezahlt - schießt Kujau auch schon mal übers Ziel hinaus. Und keiner merkt´s. Er dreht dem Starreporter einen BH an, der Hitlers Lebensgefährtin Eva Braun gehört habe (erstanden auf dem Flohmarkt in Stuttgart für zehn Märker), verkauft ihm die Asche des Diktators (abgestaubt von einem Stuttgarter Friedhofsgärtner) und verleiht Heidemann sogar gefälschte Urkunden (Ernennung zum Ehrengauleiter). Sagt Kujau. Kujau handelt mit Tand aus der Nazizeit, ist Kenner dieser Szene. Betrüger, Fälscher, sogar Ganove läßt er sich beschimpfen. Aber ein Rechtsradikaler ist er nicht. »Wenn einer mich Nazi nennt, kriegt er eine geknallt. Wenn sich einer so intensiv wie ich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, kann er kein Nazi sein.« Fälscher ist für den beinahe 60jährigen ein ehrbarer Beruf: »Eine traditionsreiche Zunft.« Kriminalisten und Marktbeobachter stehen ihm zur Seite. Ihre Schätzung: 60 Prozent aller gehandelten Kunstwerke seien sowieso Fälschungen. Konrad Kujau sagt: »Fälschen ist eine Kunst. Mein Name gehört in das Lexikon der Kunstgeschichte.« Die Galerie in der Böblinger Straße in Stuttgart zeugt davon: vollgepflastert mit echt gefälschten Meisterwerken – von Vincent van Gogh bis Joan Miró, signiert von Konrad Kujau. Der Meisterfälscher läuft auf höchster Drehzahl. In Stuttgart betreibt er einen Militaria-Handel, sammelt Pickelhauben, verhökert Uniformen, Marschalls-Stäbe oder Orden (Stückpreis bis 40 000 Mark); nebenan seine Galerie mit seinen Gemälden (Preis von 1000 bis 14 000 Mark) und ein paar Meter weiter sein Restaurant »Alt Heslach« (»Falscher Hase« fehlt auf der Speisekarte). Verrückte Projekte faszinieren Konrad Kujau: so auch Motorräder und Autos. Für einen großen Ford-Händler hat er Motive des spanischen Malers Joan Miró auf einen Ford Ka gezaubert. Nach über 260 Bestellungen legt das Autohaus nun eine Sonderserie auf. Die Motorradleidenschaft des Konrad Kujau und seiner Ehefrau Edith hat tiefe Wurzeln, neu aufgeblüht ist sie, als Kujau wegen der gefälschten Hitler-Tagebücher im Gefängnis saß. Sein Zellengenosse im Hochsicherheitstrakt im Hamburger Gefängnis war »Blues«, eine Größe der Hells Angels. »Der hat mich dann beraten, als ich meine Harley gekauft habe.« 720 Kubikzentimeter habe der Chopper, sagt Kujau. Dann muß die Harley auch eine Fälschung sein. So ein Modell haben die Amerikaner nicht in ihrer Modellpalette. Zu besichtigen ist die Maschine nicht. Sein Sohn habe sie gerade aus der Garage entführt. Sagt Kujau. Dabei habe er dem Filius doch gerade erst eine BMW R 80 G/S geschenkt. Aber 125er Hyosung-Chopper ist für Kujau wahrscheinlich eh die bessere Wahl. Die Geschichten aus seinem Motorrad-Leben enden an Litfaßsäulen oder auf Rollsplit. Und die Fotofahrt für MOTORRAD bezahlt der Fälscher mit zwei angeknacksten Rippen. Keine Frage: Konrad Kujau ist ein Schelm, ein so begnadeter, daß er sich sogar in der Politik vorstellen könnte. Für den Bundestag hat er 1994 kandidiert, für die Autofahrerpartei. Gescheitert, weil »unbegabte Knalltüten sich in die Partei eingeschlichen haben«, sagt Kujau. Als Kandidat für den Posten des Oberbürgermeisters von Stuttgart stellte er sich 1997 auf. Sein Wahlkampfslogan: »Das Original.« 902 Bürger haben ihn gewählt.
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Kujau, Konrad: Porträt (Archivversion) - Ein Fälscherleben

Die Tagebuchaffäre hat ihn berühmt gemacht. Konrad Kujau, geboren am 27. Juni 1938 in Bautzen, 1955 in die Bundesrepublik übersiedelt, hat vor fast genau 15 Jahren, am 25. April 1983, ganz Deutschland gefoppt. Der Koch, Sammler und fanatische Bilderfälscher jubelte der Illustrierten »Stern« die »Hitler-Tagebücher« unter. Nachdem Experten die Echtheit der Aufzeichnungen bescheinigt hatten - »Die freuten sich, daß sie in den Kladden bestätigt fanden, was sie geschrieben hatten. Kein Wunder, hatte ich doch bei ihnen abgeschrieben« - flog der Betrug am 5. Mai 1983 doch noch auf: Die Tagebücher waren gefälscht. Konrad Kujau wurde zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, mußte davon drei Jahre in Hamburg absitzen. Jetzt ist Kujau Galerie- und Restaurantbesitzer in Stuttgart, fälscht weiterhin Bilder, bemalt Autos und fährt Motorrad. »Seit frühester Jugend«, sagt er. Kujaus Motto: »Es macht mir Spaß, die Leute zu erheitern, indem ich pseudogebildete Pompanze an der Nase herumführe.« Kujau – so ‘ne Art Eulenspiegel unserer Zeit.

Kujau, Konrad: Porträt (Archivversion) - Fragebogen

Konrad Kujau malt, singt, fälscht und fährt Motorrad. Seine Lieblingsmaschinen: eine Harley und eine Chopper-Fälschung aus Korea.Welche Eigenschaft zeichnet die ideale Sozia aus?Ein gewisses Anlehnungsbedürfnis.Wer ist Ihre liebste Sozia?Edith, meine Frau.Was darf auf Ihren Motorradtouren nie fehlen?Benzin.Wen würden Sie niemals als Hinterbänkler mitnehmen?Den Staatsanwalt, der gegen mich ermittelt hat.Was ist ihr Lieblingsmodell?Nora - die präsentiere ich sogar meinen Malschülern.Und natürlich der Hyosung-Chopper. Ihre größte Blamage als Motorradfahrer?Als ich einmal meine Frau abholen wollten - und statt ihrer die Litfaßsäule umarmte.Wer sollte auf jeden Fall Motorrad fahren?Ich.

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