Porträt Lino Dainese (Archivversion) Rüstungs-Betrieb

Vom coolen Outfit bis zum Airbag: Seit Jahrzehnten rüstet der renommierte italienische Hersteller Dainese Motorradfahrer aus und auf. Und setzt dabei auf immer anspruchsvollere Technologien.

Und das«, sagt Lino Dainese und deutet auf die Halspartie der Rüstung in seinem Büro, »das konnten sie im Mittelalter besser.« Die Rüstungsbauer zählen zu den erklärten Vorbildern des Kombiherstellers. »Von denen können wir lernen.« Das Halsproblem will der Firmengründer allerdings verschärft neuzeitlich lösen - mit einem Airbag. Und damit wieder einmal die Motorradwelt revolutionieren. Denn kreative Lösungen sind ein Markenzeichen des zurückhaltenden 53-Jährigen aus dem Veneto. Am Anfang seiner Karriere gelang ihm der große Wurf schlicht mit Farbe. Als er in den 70er Jahren damit begann, Motorradfahrer anzuziehen, war deren Outfit reichlich monoton. »Die Szene gab sich jung, vital, voller Leben«, erzählt Dainese. »Und dann saßen die alle in düsterem Schwarz auf ihren Maschinen.« Erst mit seinen Kombis schaltete die Motorradwelt um auf Technicolor.Auf die Idee, Motorradbekleidung zu seinem Lebensinhalt zu machen, war Dainese eher zufällig gekommen. »Ich hatte eine 250er-Bultaco Matador und fand einfach keine passende Crosshose.« Weil er damals in der Lederbranche arbeitete, schneiderte er sie sich selbst, und bald wollten andere Crosser auch eine haben. Doch die Offroad-Nische war dem Jungunternehmer nicht genug, ihn zog es zu den Straßenmotorrädern, und er begann, seine bunten und technisch innovativen Kombis zu bauen: Von Protektoren über Knieschleifer bis zu neuen Materialien gingen wesentliche Neuerungen der letzten Jahrzehnte von Dainese aus.Die wichtigsten Tipps stammen von den Rennfahrern, mit denen die Firma eng zusammenarbeitet. Mit Barry Sheene und Dieter Braun entwickelte Dainese Ende der 70er Protektoren für die Knie, die später auch Schultern und Ellbogen schützten. Kurz darauf folgte der erste Rückenprotektor. Als mit den wilden US-Fahrern der 80er Jahre das Hanging-off kam, klebten sich viele Piloten Visierteile auf ihrer Kombi, um ihre Knie zu schützen. Eine solche Verschandelung seiner Produkte konnte Dainese nicht mit ansehen: Er entwickelte den Knieschleifer »Stachelschwein« mit Gummiborsten, verfeinerte ihn dann mit dicken Lederaufnähern und gelangte schließlich zu den aktuellen Slidern aus Teflon und Titan. Bei allen Entwicklungen steht die Schutzfunktion an erster Stelle. Aber eine Kombi muss auch Komfort bieten. »Wer unbequem auf dem Motorrad sitzt, verliert leichter die Konzentration, das Sturzrisiko wird größer«, weiß Dainese. Deswegen die Gummizüge in den Kombis. Und dann ist da natürlich noch die Optik, dieser unnachahmliche italienische Touch. Heute beschäftigt der Hersteller am Stammsitz in Molvena bei Vicenza, mitten im arbeitsamen Nordosten Italiens, rund 350 Mitarbeiter, in externen Labors werkeln weitere 200 Menschen. Wobei sich Dainese längst nicht mehr auf Kombis beschränkt, sondern auch Stiefel, Handschuhe und Helme anbietet. »Wir wollen den Fahrer von Kopf bis Fuß anziehen«, sagt der Firmenchef. »Nur so lassen sich die einzelnen Komponenten perfekt aufeinander abstimmen.« Eine Million Teile fertigt die Firma insgesamt im Jahr, davon 40 000 Kombis, nach wie vor meist aus Leder. »Wir kombinieren es mit anderen Materialien, wie zum Beispiel Kevlar«, erklärt Dainese. »Aber Leder bleibt wichtig.« In den hauseigenen Forschungslabors müssen die Materialen ihre Stärken beweisen. Leder wird auf Abrieb, Lichteinfluss, Reiß-, Biege- und Farbfestigkeit geprüft, Reißverschlüsse müssen Stabilität und Leichtgängigkeit beweisen. »Unsere Kombis kosten mehr als der Durchschnitt«, gibt der distinguierte Norditaliener zu. »Aber so viel wie wir investiert sonst niemand in die Forschung.«Als größte Herausforderung der kommenden Jahre betrachtet Lino Dainese den Airbag für Motorradfahrer. Der soll endlich die Lücke schließen, die da zwischen Helm und Kombi klafft. Seit rund sieben Jahren arbeitet seine Firma daran. Das Modell, das im Frühjahr auf den Markt kommt, besteht aus einer Weste mit drei Kammern, die sich im Sekundenbruchteil mit je 30 Litern Luft füllen und den Motorradfahrer auch beim gefürchteten Aufprall gegen die Kante eines Autodachs schützen sollen. Aktiviert wird der Airbag durch einen Sensor an der Motorradgabel. Ein anspruchsvolles Hightech-Projekt, aber bis es sich durchsetzt, wird es wohl eine ganze Weile dauern. Zumal die Weste rund drei Kilogramm wiegt und um die 1500 Euro kostet. »Das wird so ähnlich laufen wie mit den Handys«, ist sich Dainese sicher. »Die waren vor zehn Jahren auch sehr schwer und teuer. Und heute hat jeder eins. Oder sogar zwei.«

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote