Porträt Ludwig Wörner (Archivversion) Working Class Hero

Er ist der letzte Arbeiter im Bayerischen Landtag, fährt 40 000 Kilometer im Jahr und stellt Anträge gegen Bitumen.

Hinter Nizza klimmt der Ludwig couragiert die Seealpen rauf. Auf heimtückischem Schotter mit den 130 PS seiner BMW K 1200 RS. »Kein Problem, auf solchem Untergrund hab’ ich das Fahren gelernt.« In und um Zwiesel herum. Wo der Bayerische Wald so heftig romantisierte und - Kehrseite der Idylle - auch verarmte, dass es »Anfang der 60er Jahre keine anderen Straßen gab«, erinnert sich Ludwig Wörner. Zehn Kilometer Schotter bis in den Eisenwarenladen, wo er Einzelhandelskaufmann lernte. Zehn Kilometer Schotter zurück. Ein alltägliches Vergnügen dank Zündapp, Victoria, NSU Quickly und Co. Dann ab noch München. »In Zwiesel gab’s keine Arbeit.« In der weißblauen Metropole fuhr der Ludwig Straßenbahn und Bus. Jahrelang. Das war sein Job. Immer im November, Dezember haute er ab. Mit dem Rucksack nach Asien. Nepal, Indien, Bangladesch, die Philippinen. »Nein, ich war kein Hippie mit wallendem Haar.« Mit dem Motorrad umkurvte er das Mittelmeer. Auf diesen Touren hat er begriffen, »dass auch ganz anders leben interessant sein kann. Nicht immer dieses ewige Habenmüssen«.Anfang 30 war er, da haben ihn die Kollegen gefragt, ob er sich nicht in den Personalrat wählen lassen wolle. Er wollte, stieg zum Vorsitzenden auf, trat in die SPD ein, wurde obendrein Bezirksbürgermeister im Münchner Stadtteil Schwanthaler Höhe. »Da leben 40 Prozent Ausländer. Da kannst du viel lernen, aber auch genießen, erfahren, was einen Menschen wirklich berührt.«Der Ludwig formuliert’s bedächtig. Bayerisch eben. Er kann nicht anders. Und er konnte auch nicht nein sagen, als ihm Münchens Ex-Bürgermeister Georg »Schorsch« Kronawitter seinen Landtags-Wahlkreis anbot. Dort sitz er jetzt, der Ex-Straßenbahnler, zwischen Anwälten und Volkswirten, zwischen Lehrern und Juristen. »Ich bin hier der einzige Arbeiter im Parlament, offensichtlich wollen’s die Wähler so.«Seine zahlreichen Termine klappert er auf der BMW ab. »Wenn ich vorher eine Stunde Motorrad fahren kann, dann ist das für mich Entspannung. Ich kann dann völlig abschalten, weil ich meinen Kopf zum Fahren brauche.« Am Sonntag knallt er schon mal 1000 Kilometer durch die Alpen. Pass auf Pass. Und manchmal steht er um Sechs in der Frühe auf, um die 250 km/h seiner 1200 RS auf der Garmischer Autobahn auskosten zu können. In einer schwachen Stunde hat er sogar mit einer Hayabusa geliebäugelt. Aber ein aufrechter Bayer weiß solche Anfechtungen von sich zu weisen. Der Ludwig ist eben ungemein BMW-treu und prinzipiell motorradverrückt. »Wenn ich von einer meiner regelmäßigen Vier-Tages-Touren von Genua nach Marseille zurückkomme, stelle ich mich unter die Dusche und fahr’ dann zum Essen. Auf der BMW.« In Fuhrpark des Herrn Angeordneten steht neben der fulminanten K dann auch nur Klitzekleines aus Wolfsburg. Für den schlimmsten aller Fälle.Am 26. Oktober 1999 hat Ludwig Wörner einen Antrag an den Bayerischen Landtag gestellt: »Die Bayerische Staatsregierung wird aufgefordert, das Verfugen von Rissen in Straßendecken nicht mehr mit dem derzeit verwendeten Material zu erlauben. Anstatt dessen soll ein rutschfestes, vom übrigen Straßenbelag nicht abweichendes Material zur Anwendung kommen.«Der Freistaat reagierte, stimmte einer Versuchsstrecke in der Fränkischen Schweiz zu. »Ich hab’ Glück gehabt bei meinem Antrag, der Hermann Regensburger, der zuständige Staatssekretär, war mal auf einem Roller unterwegs und wär’ beinahe auf die Schnauze gefallen.« Auf Bitumen.An Kurt Bodewig, den Bundesverkehrsminister, hat er geschrieben. Um das Problem republikweit angehen zu können. Verändern - im Stadtteil, wo er Bürgermeister ist, klappt’s, im Landtag, in der Opposition, fällt’s viel schwerer. »Da steckst du wöchentlich Niederlagen ein, das musst du erst mal aushalten, ohne dabei zum Schwein zu werden. Ich war vorher fast 16 Jahre Betriebsrat, auch da in der schwächeren Position. Ohne diese Lehre hätte ich die Enttäuschungen im Landtag nicht verkraftet.«Im Fall Bitumen hofft er auf die Einsicht der Landes- und Bundesregierung. »Bei Nässe ist Bitumen ungemein gefährlich und nicht zu erkennen, und ich kann, um jedes Risiko auszuschließen, das Motorrad ja nicht über die Autobahn schieben.«Der Ludwig fährt lieber.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote