Porträt Marc Colomer (Archivversion) Prinzenroller

Bislang galt er als der Prinz hinter König Jordi Tarrès. Doch mit seinem WM-Titel vollendete der Spanier die Palastrevolution im Trialsport.

Marc Colomer kauert schüchtern im Campingstuhl. »Ich bin nicht geschaffen, um mit einem Motorrad schnell zu fahren«, übt sich der schlacksige Spanier in Selbsterkenntnis. Und niemand auf dieser Welt würde in diesem Moment daran zweifeln. Die fast immer geröteten Augenlider, die dunklen Schatten um seine Augen und der immer leicht gesenkte Kopf geben dem 22jährigen unwillkürlich den harmlos-melancholischen Blick eines Bernhardiners.Doch der junge Katalane ist seit vergangenem August Weltmeister der Balance-Künstler. Was für den Laien noch immer kein Widerspruch wäre. Das moderne Trial mit zwei Meter hohen, senkrechten Steinstufen im Freien oder Balanceakten in vier Metern Höhe in den Hallen ist jedoch längst nichts mehr für die zartbesaitete Zweirad-Intelligenzia von einst. Wenngleich der Youngster aus Olot, kaum 50 Kilometer vom nordspanischen Touristen-Grill Rosas an der Costa Brava entfernt, zu seiner Selbsteinschätzung nicht durch das aktuelle Trial, sondern durch einen Moto Cross-Trainingsunfall vor vier Jahren gelangte.Wie dem auch sei, in Sachen Trialsport wuchs der heutige Montesa-Werksfahrer in eine sich immer artistischer entwickelnde Welt hinein. Schon als Klein-Marc wie so viele seiner Spiel- und Schulkameraden bereits mit sechs Lenzen auf seinem Trialfahrrad zum ersten Mal über die Gartenmauern und Parkbänke seines Heimatdorfes hoppelte, zählten die Pedalritter der Region zu den besten der Welt. Bald auch der ruhige Hauptschüler. Zum zweifachen Velo-Trial-Weltmeister und sechsfachen spanischen Champion ließ er sich noch vor seinem dreizehnten Geburtstag krönen. Und wie so viele seiner Region tauschte Marc danach das Pedal mit dem Fußraster. Auf Anhieb mit Erfolg (Resultate siehe Kasten). Von Beginn an wußte sich der Schüler allerdings auch die richtigen Zutaten für seinen späteren Erfolg zusammenzustellen. Lange zu suchen brauchte er dafür nicht. Pedro Olle, der in der internationalen Trialszene wohl bekannteste Mentor und Trainer, hatte Mitte der achtziger Jahre bereits den heute mit sieben WM-Titeln gekrönten Superstar Jordi Tarrès entdeckt. Und so ließ sich auch Marc Colomer von Senor Olle den Schlüsselbund zu der Schatztruhe des Erfolgs übergeben. Als da wären: vier Stunden Training auf dem Motorrad, parallel dazu akribische Analysen der Fahr- und Motorradtechnik, anschließend Konditionstraining. Und dies tagtäglich.Gerade der Abstimmung der Maschine, in Trialkreisen in der Regel ein untergeordnetes Thema, widmeten Olle und Colomer viel Aufmerksamkeit. So viel, daß Colomer bis heute neben dem obligatorischen Wasserträger einen ausschließlich für die Optimierung von Fahrwerk und Motor zuständigen Techniker engagiert. Und nicht nur das: Via Data-Recording gehen Colomer und die Ingenieure von Montesa erstmals im Trialsport neue Wege in der Weiterentwicklung von Trialmaschinen. Vielleicht gründet auch in dieser beinahe wissenschaftlichen Konsequenz die frühe Dominanz des Katalanen in den künstlichen Sektionen der Indoor-Trials. Denn noch vor seinem diesjährigen WM-Coup gelang es Jung-Marc dort schon in den letzten beiden Wintern, dem Übertrialer Tarrès Paroli zu bieten. Doch trotz aller modernen Zeiten, irgendwie unterscheiden sich Trial-Weltmeister auch heute noch von ihren Standeskollegen aus der übrigen Zweiradwelt. Denn statt zur TV-Fernbedienung greift der neue Meister abends immer noch des öfteren zu einem Buch. Und auch seine WM-Prämie legte er nicht wie üblich in teuren motorgetriebenen Spielzeugen, sondern ganz bodenständig an: Seit Ende der Saison ist der neue Weltmeister stolzer Besitzer einer typisch spanischen Bar.

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