Porträt Martin Ziegler (Archivversion) Pistonero aus Cannstatt

Der Techniker hegt ein inniges Verhältnis zu Kolben (englisch: pistons) und den USA.

Kenny Roberts WM-Chancen drohten ausgerechnet in Brünn zu versiegen. Zu wenig Power. »In seiner Not kam Kenny zu mir und sagte, Martin, ich brauche deine Kolben.« Womit der Kolbenheilige der Grand-Prix-Szene gern gedient hätte. »Ich mochte den Kenny, und er mochte mich, aber Yamaha hatte ihm meine Teile verboten.« Weswegen Martin Ziegler sein Arsenal tutto completto an Cagiva losgeschlagen hatte. Doch wie’s der Zufall wollte anno 1990, landete Alberto Puig nach dem Training im Klinomobil und ein Satz der Alu-Dinger mit den patentierten Löchern bei Kenny, »der damit in den letzten drei Rennen die WM gewann«. Wenn der Martin erzählt, müssen große Teile der Grand-Prix-Geschichte neu geschrieben werden. Hondas Ovalkolben-Motor in der NSR 500 hält er für einen grandiosen Fake. »Die Fachpresse hat immer nur den Zylinderkopf gezeigt mit seinen acht Ventilen und einen Kolben, der nie gelaufen ist.« Hinter der vermeintlichen Weltsensation steckte, argwöhnt Martin, technisch ein alter Hut: ein Doppelkolbenmotor, wie ihn Puch und Triumph einst fabriziert hatten. »Die NSR besaß acht runde Kolben, keine vier ovalen.« Punktum. Martin provoziert, eckt an - doch Blessuren bleiben nie zurück. Dank seines quirlig-herben Charmes und des selig machenden Selbstbewusstseins eines Spezialisten, der sich sein Riesenwissen hart erarbeiten musste. »Ich hatte nichts, nur meinen Ehrgeiz, besser zu sein als die anderen.« Vater fiel im Krieg, Mutter musste rödeln, um Martin, heute 58, und seine zwei älteren Brüder durch die Kriegs- und Nachkriegswirren in Stuttgart-Bad Cannstatt zu lavieren. Weil’s Geld nur für die Großen reichte, durfte Martin nicht zum Solitude-Rennen. Also ist er ausgebüchst, hat seinen ganzen Reichtum, 15 Pfennige, in eine Straßenbahnkarte investiert und den Fahrstil der Grand-Prix-Helden vom billigsten Platz - umsonst und draußen - studiert. Von da an war’s um ihn geschehen. Mit 18 der erste Start - auf geliehenem Renner, mit verschlissener Lederjacke, abgeschliffenen Cowboystiefeln. »In Hockenheim wollten sie mich in dem Aufzug gar nicht auf den Kurs lassen.« Werkzeugmacher gelernt, ab zum Bund, danach Horex 350, drei Semester auf die Technikerschule - und nix wie hin zu Porsche. Erst Patent-, später Rennabteilung. »Ende der Sechziger«, erinnert sich Martin, »war ich dort der einzige Motorradfahrer, milde belächelt, bis Chef Piech auf Honda CB 750 vorfuhr. Später haben sie einen überdachten Abstellplatz für die vielen Mopeds bauen müssen.« Über so viel Opportunismus grient Martin. Er hat immer sein eigenes, sein zweirädriges Ding gemacht. Neben dem Job in Zuffenhausens Edelschmiede - »Dort hab’ ich für mein Leben gelernt« - werkelte, schraubte, tüftelte, experimentierte, entwickelte er, hat den ersten Nikasil-beschichteten Kolben in einer Rennmaschine zum Laufen gebracht.1976 war’s dann soweit. Da hat ihn Hendrik Van Veen in seinen Kreidler-Rennstall gehievt. Martin kam’s zupass. »Bei Porsche haben sie mich nicht konstruieren lassen.« Jetzt, als Projektverantwortlicher, musste er. Mit Erfolg. Zwei Vize-, zwei Weltmeisterschaften in der Schnapsglasklasse. Zum Schluss ist er sogar zum Betriebsleiter avanciert. Was dem Techniker gar nicht gefiel. »Als Kaufmann musst du Diplomat sein oder lügen.« Und schon mal mit der zweitbesten Lösung zufrieden sein. Aus Ärger klug geworden, stellte er sich auf die eigenen Beine, gründete 1980 in Cannstatt den Ein-Mann-Laden »Ziegler GP-Service«, baute sogar eine 80er, die sich bravourös hielt. In WM, EM, DM. Bis die Klasse gecancelt wurde, Martin ohne eigenes Motorrad im Grand-Prix-Zirkus gastierte. Als großer Zampano für Kolben - »den Teil des Motors, der am meisten geschlagen und vergewaltigt wird, der Feuer und Druck kriegt«. Martins Serviceangebot rechnete sich bis Anfang der 90er. »Als es in Mode kam, die Maschinen für ein Heidengeld zu leasen, Ersatz- und Verschleißteile inklusive.« Seitdem schafft der Schwabe nur noch von Cannstatt aus, jettet, trotz Flugangst, immer öfter in die USA, »die Wüsten von Nevada und Arizona zu genießen«. In seiner kargen Freizeit – der Martin entwickelt, tüftelt, bastelt wie eh und je – napstert er im Internet. »Hab’ endlich den Song gefunden, der 1958 immer im Bus nach Hockenheim dudelte. Es ist schrecklich, allein an der Bar zu stehen.« Ein Horror, den Martin nur von Schlagerfuzzi Gus Backus kennt. Internet: www.ziegler-gp.de

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