Porträt Massimo Bordi (Archivversion) Bye-bye Bordi

Italophile Motorradfahrer kennen Massimo Bordi als Konstrukteur der Ducati-Vierventilmotoren. Jetzt hat er die Firma verlassen.

Es war ein leiser Abschied. Am 7. Dezember 2000 schied Massimo Bordi, 52, bei Ducati aus. Es folgten ein trockenes Kommuniqué und ein knapper Dank an den bisherigen Generaldirektor. Bye-bye, Bordi. Der Weggang passt zu dem zurückhaltenden Ingenieur, der so gar nicht ins Klischee der in Italien so gern geübten Selbstdarstellung passt. Dabei kennt im Desmo-Wunderland jedes Kind den Namen Bordi. Gilt er doch als Vater der modernen Ducati-Motoren, der dem Zweizylinder aus Bologna mittels Vierventil-Technik ordentlich Dampf machte.Vier Monate nach dem Ausstieg. Bei fast schon sommerlichen Temperaturen kreuzt Bordi mit seinem neuen schwarzen Porsche Boxster S durch Bologna. »Das Auto habe ich mir sozusagen zum Ausstand bei Ducati geschenkt. Früher hätte ich einen Porsche nicht korrekt gefunden, denn die Stuttgarter beraten uns bei den Produktionsabläufen.” Das »uns” kommt spontan. 22 Jahre in der gleichen Firma sind eben eine lange Zeit. »In den ersten Monaten war es so, als sei ein geliebter Mensch gestorben”, sagt Bordi. »Wenn ich mit jemandem über Ducati geredet habe, sind mir die Tränen gekommen.” Und warum ist er dann geggangen, wenn es ihm so schwer fiel? »Das von den Amerikanern eingesetzte Management hatte kein Vertrauen in mich, sondern hat mich mehr oder weniger blockiert. Da fand ich es besser zu gehen. Für beide Seiten.” Jetzt ist er Geschäftsführer des Traktorherstellers Same-Deutz-Fahr, mit rund 1,65 Milliarden Mark Umsatz doppelt so groß wie Ducati. »Spitzenpositionen sind in der italienischen Zweiradindustrie äußerst dünn gesät”, erklärt Bordi seinen Branchenwechsel. Ducati, sagt er und wird ausnahmsweise doch ganz italienisch-theatralisch, behalte aber einen großen Platz in seinem Herzen.Seine technische Begabung bewies Bordi schon als Kind in dem kleinen Städtchen Bevagna bei Perugia, wo er in der Werkstatt seines Onkel alles auseinandernahm – von dessen Nerven bis hin zu kompletten Motoren. Seine Leidenschaft für Ducati entdeckte er, als er mit 18 eine alte 200er-Elite von 1958 kaufte. »Ich bekam sie von einem Bauern für eine Handvoll Lire, sie war alt und heruntergekommen, ich habe sie wieder hergerichtet. Und da hat es mich gepackt.” Er ging nach Bologna, studierte Maschinenbau. Schrieb seine Diplomarbeit über die Verbindung des Desmo-Motors von Ducati-Ingenieur Fabio Taglioni mit der Vierventil-Technik von Cosworth. Die Weichen für die Zukunft waren gestellt. Als Bordi 1978 als technischer Zeichner bei Ducati anfing, befand sich der angeschlagene Konzern unter staatlicher Verwaltung. 1985 übernahmen die Brüder Castiglioni, Inhaber von Cagiva, die schwächelnde Marke. Bordi, inzwischen technischer Direktor, schlug die Entwicklung des Vierventilers 851 vor, um den Japanern Paroli zu bieten – und bekam von den Motorrad-begeisterten Castiglionis freie Hand. 1988 startete Ducati mit der 851 in der Superbike-WM. Der Rest ist Motorrad-Geschichte.1996 mussten die Castiglionis Ducati abgeben, der US-Investmentfonds TPG stieg ein. »Die Amerikaner haben in Sachen Marketing und Kommunikation Beachtliches geleistet und Ducati zu einer Marke von Weltruf gemacht, auch außerhalb des Zweiradsektors”, lobt Bordi. Nicht ganz einig war man sich über Produktion und Projekte. »Nicht, dass die Amis keine neuen Motorräder bauen wollen. Aber ihnen fehlt die Kompetenz in dieser Branche.” So hatte Bordi bereits Ende 1996 die Monster S4 und die ST 4 vorgeschlagen, doch beide kamen erst vor kurzem auf den Markt. Unter der US-Führung, da ist Bordi sicher, hätte es niemals eine 851 und auch keine 916 und 996 gegeben. »Motorräder sind keine Waschmaschinen, sie haben keinen Nutzwert. Man kann nicht Statistiken auswerten und danach entscheiden, welches Motorrad man baut, man braucht ein Feeling für den Markt.”Bordis letzter Streich für Ducati war der Testastretta-Motor der 996 R. Die Zukunft der Marke sieht er aller Differenzen zum Trotz positiv. »Wir haben von 1990 bis 1996 in technischer Hinsicht ein gutes Fundament geschaffen”, erklärt er. »Ducati hat ein großes Potenzial. Durch die Situation im Management hat es etwas Stillstand gegeben. Aber das kann die Firma aufholen, wenn sie jetzt einen Mann ihres Vertrauens findet.”Wehmut kommt auf. So viele Gespräche, so viele Interviews. Über die Branche, über Motoren, über Ducati. Seinen Ausflug in die Traktorenwelt will Bordi zunächst auf drei bis vier Jahre begrenzt wissen. Den Kontakt zur Branche wird er halten. Demnächst bekommt er sein neues Motorrad. Eine ST 4 S. Damit Ducati nicht nur einen Platz in seinem Herzen, sondern auch in seiner Garage behält.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote