Porträt Max Neukirchner (Archivversion) traumfänger

Max Neukirchner will irgendwann einmal MotoGP-Weltmeister werden.
Wer ist der junge Mann mit den großen Träumen?

Da muss irgendetwas gelegen haben«, sinniert Max Neukirchner, und seine gesunde Hand umklammert einen Eisbeutel, drückt ihn auf den lädierten Daumen der rechten Hand. Der Satz erinnert an Ausflüchte, die
man selbst einmal gebraucht hat, um im Freundeskreis einen Sturz zu erklären. Rollsplitt. Öl. Sand. Oder Ähnliches. Neukirchner jedoch muss keinem Kneipenkumpel etwas erklären. So, wie er es sagt, klingt es analytisch. So muss es auch klingen. Neukirchner ist der derzeit angesagteste deutsche Motorradrennfahrer.
Am Nachmittag des 25. April 2005 sitzt er unter knallblauem Himmel vor
einem spanischen Café. Sonnenbrille, modische Dreiviertel-Hose, T-Shirt, grüner Eis-Gel-Beutel. 24 Stunden zuvor
ist er auf seiner Honda Fireblade aus der ersten Startreihe heraus in den dritten Lauf zur Superbike-WM gestartet. Gleich in der ersten Runde stürzte er bei 180 km/h. Per Highsider, bei dem er von seiner Maschine hoch in die Luft katapultiert wurde. Der 22-Jährige flog 14 Meter weit, landete brutal auf dem Rücken und blieb fast eine Minute regungslos liegen. »Es hat lange gedauert, bis der Schmerz mich wieder aufstehen ließ«, sagt er. Seinen Fans vor den Bildschirmen und auf den Tribünen blieb die Luft weg.

Max ebenfalls. Atemlos ist auch das Tempo, mit dem er die Piste des Erfolgs zurücklegt. 2000 wird er Zehnter bei den 250ern in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft, im Jahr darauf Fünfter, 2002 gar Zweiter.
Zusätzlich startet der schlaksige Sachse mit der Sturmfrisur und den hart geschliffenen Gesichtszügen in der Europameisterschaft, beendet die Saison 2002 mit dem zehnten Platz und wird 2003 Dritter.
2004 löst er sich aus dem Rennteam
seines Vaters Lothar, in dem er neben seinem Job als Rennfahrer auch manchmal als Koch fungierte. Das erfolgreiche »Mädchen für alles« aus dem Lothar-Neu-
kirchner-Racing-Team wechselt ins österreichische Klaffi-Honda-Team. Dort geht er mit einer werksunterstützten Maschine auf Punktejagd in der 600er-Supersport-WM. Was niemand, vor allem er selbst nicht, erwartet hat, gelingt ihm: Max wird auf Anhieb Neunter und erkämpft sich damit den Titel »Aufsteiger des Jahres«.
»Ich hatte von Anfang an den festen Willen, nach vorn zu fahren«, überlegt Neukirchner und zupft an den viel zu
weiten Hosenbeinen, die seine dünnen Waden wie Salzstangen aussehen lassen, spielt mit dem Stoff zwischen seinen
Fingern und schaut abrupt auf. Stechende, aber freundliche Augen unter tief
gezogenen Brauen, zu Schlitzen verengt. Sie schauen irgendwie durch alles
hindurch. So, als könne er das weit entfernte Ziel klar vor sich sehen. »Ich will MotoGP-Weltmeister werden«, sagt der Mann, der derzeit im vorderen Drittel
der Superbike-WM unterwegs ist. Er
sagt es, als ginge es lediglich darum, bei McDonalds einen Burger zu bestellen.
Weltmeister also. Klar, im Tischfußball oder Hallenschach würde man es einem Deutschen zutrauen. Aber in der Königsklasse des Motorradsports? Da ist der Griff nach der Krone umso schwerer. Denn in puncto Sportfahrerförderung ist Deutschland ein Entwicklungsland.
Max Neukirchner ist ein Phänomen. Ein heller deutscher Stern am Rennsporthimmel. Einer, der weiterstrahlt, selbst wenn er im Kiesbett liegt. Denn trotz des Rummels um seine Person ist er der nette Junge von nebenan geblieben. Jemand, dem man, ohne ihn zu kennen, einen Zwanziger in die Hand drückt und zum Einkaufen schickt. Obwohl er der Generation @ mit Skandalrappern, vereister deutscher Euphorie und Zukunftsängsten angehört. Max schaut stets nach vorn. Aufgeben? »Das Wort ist gestrichen«, sagt er.

Sein Ziel ist klarer fokussiert denn je: Vollprofi werden. Für diesen, seinen größten Traum würde er alles aufgeben. »Ich werde meinen Weg gehen«, ist
der gelernte CNC-Fräser überzeugt, »und notfalls alle Steine dafür aus dem Weg räumen.« Seine Freundin Kristin Mauersberger, ein zierlicher blonder Engel mit
einem Lächeln, das prall gefüllte Stadien entflammen könnte, und vor einigen Wochen zur »Miss Ostdeutschland« gekürt, weiß das. Neukirchner lernte die 24-Jährige 2003 im Fitnessstudio kennen, Anfang Juli dieses Jahres haben die beiden im sächsischen Stollberg eine gemeinsame Wohnung bezogen. 90 Quadratmeter, großes Büro, kein Balkon.
Die Begriffe Heimat und Heim spielen eine wichtige Rolle in Max Neukirchners Leben. Er wächst auf in Thalheim bei Stollberg, 5000 Einwohner, die Ampeln an
einer Hand zählbar. Extrem zugängliche Menschen, wie er sagt. Vater Lothar, dreimaliger 250er-DDR-Meister im Straßensport und 500er-GP-Fahrer, infiziert ihn früh mit dem Motorrad-Bazillus. Bereits mit vier Jahren prescht Max mit einem
Eigenbau-Moped durch die Botanik. Als er acht ist, trennen sich die Eltern. Max fährt Fahrradtrial, Motocross und ADAC-Junior-Cup. Der Rest ist bekannt. Für
seine Freunde ist er derselbe geblieben. Zwar bleibt für sie durch seine vielen
Termine nicht mehr viel Zeit, doch er
legt großen Wert auf ein stabiles Umfeld, in dem er sich wohl fühlt.

Wer ihn zum ersten Mal trifft, ist meist überrascht. 1,80 Meter, 68 Kilogramm. Knochige Finger, sehnige Arme, kaum Bartwuchs. Ein hellhäutiger Typ mit dunklen Haaren in T-Shirts, die
er mit seinem sehnigen Oberkörper zu sprengen droht. Dazu für viele Sportler typisch: rasierte Beine, rasierte Brust. Eine heterosexuelle Bereicherung für
jeden Christopher-Street-Day. Man erwartet ein »Hey, babe« oder »Okay, man« bei jedem Satz und vielleicht auch noch, dass er sich dabei mit der linken Hand lässig eine Kippe in den Mundwinkel schiebt. Doch Neukirchner ist Nichtraucher. Bedächtig, ja beinahe andächtig, nimmt er jede Frage auf, blickt etwas
verstohlen nach unten und horcht in sich hinein. Fast so, als kämen Antworten tief aus seinem Bauch. Max ist ein Ruhepol, behält stets Contenance. Wer diesen
bescheidenen jungen Mann erlebt, fragt sich zurecht, wie es der Sachse bis in
die Superbike-Weltspitze geschafft hat. Ohne Augen-zu-und-durch-Taktik oder spitze Ellenbogen.
»Wenn dein Umfeld stimmt, du talentiert bist und eisernen Siegeswillen hast«, überlegt er und spielt damit auf die
MotoGP-Lichtgestalt Valentino Rossi an, »kannst du alles erreichen.« So besonnen und gleichsam selbstbewusst wie Max sich in Interviews gibt, agiert er auch
auf der Rennstrecke. Sein Fahrstil ist unspektakulär. Weite Bögen, viel Schwung mitnehmen, keine unnötigen Verrenkungen, keine Show. Drifts nur, wenn sie ihn schneller durch die Kurve bringen.
Falls sein Wunsch in Erfüllung geht, wird er 2007 im MotoGP-Zirkus mitmischen. Liebend gern würde der Pasta-Liebhaber und Fitnessfanatiker im Sat-
tel einer Werks-Honda auf Punktejagd
gehen. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Zumindest zum Werbeslogan des geflügelten Herstellers würde es passen: The Power of Dreams.

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