Porträt Miguel Galluzzi (Archivversion) Echs und Top

Als DJ in Buenos Aires legt Galluzzi Hits auf, bei Cagiva macht er sie selbst. Sein letzter Coup: die Raptor.

Nein, der Herr links gehört nicht zur Mafia. Und klauen tut er auch nicht. Schon gar keine Ideen. Auch wenn böse Zungen behaupten, dass seine jüngsten Schöpfungen, die Cagiva Raptor und ihre grimmige Schwester V-Raptor, von der Ducati Monster abgekupfert seien. Motorradentwickler Miguel Galluzzi reagiert gelassen - schließlich hat der Argentinier die Monster vor acht Jahren selbst entworfen. Damals gehörte Ducati noch zum weiten Reich der Cagiva-Gruppe und kaprizierte sich, der Firmentradition entsprechend, voll und ganz auf sportliche und supersportliche Motorräder. Galluzzi jedoch schwebte ein viel simpleres Motorrad vor. So hängte der ehemalige Moto Crosser den 900 SS-Motor in den Rahmen der Ducati 851. »Das ganze Projekt war auf eine einfache Umsetzung ausgelegt, sonst hätte ich keine Chance gehabt.« Auch so tat er sich schwer genug. Tatsächlich stammt der Name Monster von den Schreckensschreien in den Chefetagen beim Anblick der Kreation. Aber Miguel blieb zäh. Heute ist die Monster mit über 16000 verkauften Exemplaren pro Jahr das erfolgreichste Motorrad der Ducati-Palette. Das reicht doch eigentlich zur Selbstbestätigung. Warum jetzt eine Variation zum Thema? Ganz einfach: Weil der 40-jährige Galluzzi für Cagiva arbeitet. Und die Gruppe, die Ducati vor vier Jahren aus finanziellen Gründen abgeben musste, einen schnellen Erfolg braucht. Da Naked Bikes nach wie vor im Trend liegen, entwickelte Galluzzi in der Rekordzeit von18 Monaten die beiden Raptoren mit dem TL 1000-Motor von Suzuki. Böse, schnell und wendig wollte er sie haben, ganz wie die gleichnamigen Dinosaurier aus dem Filmhit »Jurassic Park«. Doch können sich die Cagiva-Echsen gegen die etablierte Monster wirklich zu Top-Sellern entwickeln? Und hat ein Designer kein Problem damit, wenn zwei seiner Schöpfungen in scharfer Konkurrenz stehen?Galluzzi jedenfalls nicht. »Ducati hat die Monster kaum weiter entwickelt. Deswegen habe ich meine Idee jetzt selber neu interpretiert und modernisiert.« Schneller und komfortabler als damals sollte das neue Naked Bike werden. »Vom Design her war mir wichtig, dass das Motorrad auch im Stand schnell und dynamisch aussieht. Außerdem wollte ich eine Maschine bauen, auf der ich mich auch selbst wohl fühle.« Was gar nicht so einfach ist. Über 1,90 Meter und an die 100 Kilogramm wollen erst mal untergebracht und bewegt werden. Daher bekam die Raptor 106 PS mit viel Dampf von unten heraus. Galluzzi hat jede Menge Spaß an seinem Bike. Als vor der Pressepräsentation in Nizza eine der Raptoren keinen Platz mehr im Cagiva-Transporter fand, kurvte er sie eben selbst von Varese durch den feuchtkalten Winternebel an die sonnige Côte d’Azur.Primadonna-Allüren sind out bei Cagiva. Bei Miguel sowieso. Vom immer wieder gern genommenen Designer-Outfit wie wallenden schwarzen Klamotten keine Spur. Und vom kreativen Pferdeschwänzchen schon gar nicht. Obwohl auch er auf Äußeres Wert legt. Es sei denn, es engt ihn ein. Angetan mit Anzug und Krawatte, saß er bei der ersten offiziellen Vorstellung der Raptor in einem vornehmen Mailänder Hotel auf der Bühne. Selten sprach er Italienisch mit so starkem Akzent wie damals, sein Unbehagen war ihm von weitem anzusehen. »Es stimmt schon, große Auftritte vor Publikum sind meine Sache nicht«, gibt er unumwunden zu. Seit über zehn Jahren hält Galluzzi Cagiva die Treue, auch in finanziell schwierigen Zeiten, die sein Schaffen einschränkten. »Ein kleiner Hersteller wie Cagiva hat es nicht immer leicht«, stimmt Galluzzi zu. »Andererseits ist beim Design mehr erlaubt. Man darf auch mal was Verrücktes machen, ja man soll sogar, weil sich die Marke abheben muss.« Große Firmen setzen dagegen eher auf Althergebrachtes und Bewährtes und wagen in Sachen Design nur vorsichtige Änderungen, wie Galluzzi aus Erfahrungen bei Opel in Rüsselsheim und Honda Italien weiß.Dabei startete der musikbegeisterte Galluzzi seine Design-Karriere eher aus einer Verlegenheit heraus. In Buenos Aires hatte er in seiner Diskothek mit Begeisterung Platten aufgelegt. Als sich jedoch herausstellte, dass er unter der damals herrschenden Militärjunta an insgesamt fünf verschiedene Polizeipatrouillen Schmiergelder abdrücken musste, packte ihn der Zorn und er seine Koffer. Der Argentinier studierte erst Maschinenbau in Florida und dann Design in Pasadena. »Bei Cagiva sind alle mit Feuereifer bei der Sache und Motorradfahrer mit Leib und Seele, vom Präsidenten bis zum Bandarbeiter. « Anders als im Honda-Design-Studio in Mailand, wo ihn manche Kollegen für verrückt erklärten, weil er mit dem Motorrad zur Arbeit kam. »Das sei viel zu gefährlich, sagten die. Aber mit so einer Einstellung kann man doch keine Motorräder entwerfen«, empört sich Miguel noch heute. Da ist es wieder, das Zauberwort der italienischen Motorradbranche: passione. Ohne die geht gar nichts. In der Beziehung ist Galluzzi schon längst Italiener.

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