Porträt Mike Weckenmann (Archivversion) Apocalypse Now

Seine Motorräder sahnen in Daytona Preise ab. Doch Mike geht das am Allerwertesten vorbei. Statt nach Florida zu fliegen, hängt er lieber vor leeren Wänden rum und sprayt den Weltuntergang. Als Monstercrash.

Einmal hat Mike fast Katja Poensgen verführt. Zum Cruisen. Und alsdann mit seiner »Phantom« (Foto unten) die Jury der »Rats Hole Chopper Costum Show« in Daytona gerührt. So sehr, dass sie dem in eben so schickem wie schicklichem Endzeitlook gestylten Monster anno 2002 den ersten Preis überließ. Mike hat’s konzipiert, dieses abgedrehte Showbike, und die schwäbische Chopper-Manufaktur Hollister’s seine Vision penibel realisiert. »Hey, Mike, flieg doch mit nach Florida«, lud damals Hollister’s-Boss Volker Sichler seinen Inspirator an. »Nein danke«, kam sofort retour, »ich will das Original, will Amerika nicht sehen.« Für Mike tun’s auch Abziehbilder. Filme aus Hollywood und Shovelheads im starren Rahmen. Also schnappte sich Sichler in Daytona allein den Ruhm, und weil der süchtig macht, legte er 2003 nach - natürlich wieder mit einem Entwurf von Mike, »Excite« genannt (MOTORRAD 6/2003). »The nicest bike I have ever seen«, gratulierte Willie. G. Davidson, Chefdesigner von Harley und ansonsten ein sehr höflicher Mann, als Mikes Kreation für Hollister’s erneut den ersten Preis gewann. Im Überschwang des Sieges muss Sichler Mikes Absage, mit nach Daytona zu kommen, irgendwie missverstanden haben, denn er gab die Idee zur »Excite« für allein auf dem eigenen Mist gewachsen aus. »Erst hat«s mich geärgert«, grinst Mike, der mit Hollister’s nur anlässlich dieser spektakulären Showbike-Projekte kooperiert, weil ihn die 08/15-Custom-Schiene nicht interessiert. »Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hat mich diese seltsame Form eines nie für möglich gehaltenen Gedächtnisverlusts fasziniert.«Diese Welt der notorischen Wichtig-, Richtig-, Nützlichmacher geht ihm am Allerwertesten vorbei. Ebenso wie der ultrahippe Kosmos der trendsettenden designenden Klasse, zu der er, definitiv, gehört. Als hypercooler Modemann, der für ausgeflippte Labels wie Candy Jay oder Nastrovje Potsdam couturiiert. Seinen Ruf jedenfalls, den hat er sofort weg, egal, in welcher Sphäre Mike sich bewegt: »Das ist doch der Typ, der sich die Finger schmutzig macht.« An Motoren.Seit es Katana gibt, hatte er eine. Nicht des Designs wegen. »Früher hat mich nur die Technik interessiert.« Schmiedekolben von Wiseco rein, die 750er auf 812 Kubik und die 1100er auf 1300 optimiert. Bei einem Dragster-Rennen im Elsass hat Mike mit seiner Suzuki das halbe Charter der eidgenössischen Hell«s Angels versägt. »Die haben mich herausgefordert. Daraufhin hat mir mein Kumpel Walle, der selber Dragster baut, einen Cocktail aus Nitro und Methanol gebraut.« Stank gnadenlos, machte höllischen Lärm, zog hemmungslos voran. »Ist doch eh nur Spaß, oderrr?« begossen die mit ihren Harley geschlagenen Angels die Schlappe.Auf Katana flashte er auch zur Kaserne. Mike, heute Antimilitarist, hatte sich nach seiner Graveurslehre für acht Jahre an die Fallschirmjäger in Nagold und Calw verdingt. »Ich hatte mit meinem Vater ausgemacht, dass wir mal gemeinsam vom Himmel springen.« Papa war Berufssoldat, und Mike wurde im Schatten von Kasernen groß. »Als Kind kannte man gar nichts anderes, als Soldat zu werden.« Das Geräusch der Hubschrauben gehörte zum Alltag, ebenso dass die Väter einstiegen in diese Flugmaschinen, derweil die Großväter ihren Enkeln Märchen vom Krieg und vom Russen erzählten.Dass liebe, nette Menschen, die sich um ihre Kinder, Enkel, Hunde und Gartenzwerge kümmern, auf nur einen Befehl hin Elend und Tod verbreiten können - diese Vorstellung lässt Mike, einst selbst Rädchen in diesem System, nicht mehr los. Er hat bedient, abgefeuert, was ihn nunmehr schreckt, mit Maschinengewehren, Mörsern, Granaten hantiert. Nach drei Jahren verließ er die Kampfeinheit, wechselte zu den Sanitätern. »Es war die einzige erst zu nehmende Alternative.« Das Fernstudium des Designwesens, das die Bundeswehr ihm finanzierte zum Zwecke der Reintegration ins zivile Leben, brach Mike ab, sobald er wusste: »Dieses akademische Zeugs, das brauch’ ich nicht.«Dennoch: Waffen malt Mike bis auf den heutigen Tag. Fasziniert von ihrer Technik, angewidert von ihrer Funktion. Und dann erzählt Mike von Inga Busch, einer Schauspielerin, mit der er befreundet ist. »Aus purer Langeweile habe ich in einem Hotel die Glotze angemacht. Und ich sehe Inga, die eine Reporterin spielt und das Schicksal der Tochter eines Zwangsarbeiters aus dem Nazi-Raketenzentrum Peenemünde recherchiert.« Diesen Film, »Prüfstand 7«, kann Mike Einstellung für Einstellung nacherzählen. »Und dann sagte einer der V2-Konstrukteure, dass ihm jeder Fehlstart so vorgekommen sei, als ob der Tod Selbstmord begeht.« Eine Assoziation, mit der Mike seine Faszination für die Dragster-Szene erklärt. »Diese grandiose Übermotorisierung geht in Richtung Selbstmord. Dragster- und Hotrod- Rennen erinnern mich an die apokalyptischen Bilder der Bibel. Feuer, Rauch, Lärm, Gestank.« Und diese Visionen malt, sprayt, strichelt, lackiert er dann auch. Riesenformatig. In die Werkstatt der Daredevils etwa (Foto Seite 138), Hotrod-Spezialisten in Reutlingen-Betzingen, mit denen er immer öfter Autos und Motorräder konzeptioniert und sich im filigranen Airbrushing profiliert. Meistens arbeitet Mike jedoch in Berlin, in einem ausgemusterten Tanzschuppen an der Potsdamer Straße, einst als Disco Polonia bekannt. Als mal eine Band im Atelier probte, stand eine Frau vor der Fensterscheibe, sah und hörte zu. In coolen, sexy Klamotten. Und war so schön, dass die Musiker das Musizieren vergaßen. Der Bass-Mann ging raus und fragte: »Kannst du singen?« »Klar kann ich singen«, schrie sie hysterisch zurück. »Ich arbeitete an einer vier Meter hohen Göttin mit Schlangen als Haar«, erzählt Mike, »und sie, ein Fotomodell aus Bulgarien, stellt sich davor, hält aus dem Stegreif, die Augen wie eine Wahnsinnige nach hinten gedreht, einen druckreifen Vortrag über griechische Mythologie. Völlig verrückt.« Erst als die Schöne eine Flasche Wodka entdeckte, die sie en passant verzehrte, beruhigte sie sich und zog bei ihm ein. Für vier Wochen. Sie fand, das reichte. Mike traf die Frau, die er bis dahin nur gezeichnet hatte. »Dekorativ, verführerisch, obszön, das auf jeden Fall, aber obendrein verzweifelt, kaputt.« Allemal besser als total normal. Was übrigens nicht nur für seine Mädels (Zeichnung Seite 139), seine Mode, sondern auch für seine Maschinen gilt. »Dirty, dreckig«, grient Mike »sagen alle, sei mein Stil.« Dabei gehört er lediglich zu der immer rareren Spezies von Künstlern, die ihr Handwerk perfekt beherrscht, Einschusslöcher in einer Bimota so realistisch hinknallt, dass der Betrachter baff über den Lack streicht: »Unglaublich, alles glatt!« Es sind dies Illusionen, Chimären, mit denen Mike lustvoll spielt. So hat er ein Berliner Lokal, die Joseph Roth Diele, mit Marmorstrukturen ausgemalt und in die dann Texte hineingestanzt. Mit einer Schreibmaschine. So zumindest sieht es aus. Absurd. Eine Devotionalienhandlung hat er mit gotischen Fenstern verziert, aus denen man in eine masurische Landschaft blickt. Katholische Graffiti für Ave Maria, so heißt der sakrale Laden. Doch Mike arbeitet auch für Viva Maria, ein profaneres Unternehmen, das Dessous mit religiösen Motiven fabriziert. Eine seiner Provokationen hätte Mike fast sein Leben gekostet. Da starrte er in die Knarre eines wutentbrannten Typs. Der hatte ein Schloss in Bayern gepachtet und Mike gebeten, seine Gemäuer zu promoten, gern auf etwas unkonventionelle Art. Gemeinsam mit dem fotorealistischen Künstler Claus C. Frassek startete Mike also das Bernsteinzimmer-Projekt. Sie bildeten das bis heute verschwundene Gesamtkunstwerk nach alten Schwarzweißaufnahmen getreulich nach, hängten Polaroids davon in die Burgschenke, und als Gäste nach der Echtheit der Preziosen fragten, da dementierte man nicht. Zunächst, denn als Mike dann sagte, alles Fälschung, glaubte ihm keiner mehr. Dass Mike und Frassek den ganzen Ruhm für diesen Scoop einheimsten, machte den Burgherrn besoffen und aggressiv. »Ich hatte Todesangst«, sagt Mike, »und einen total leeren Kopf.« Das kommt bei Mike, dem dauernd was einfällt, selten vor. Zum Malen und zum Zeichnen genügen ihm in unmöglichen Situationen Zigaretten, Feuer und Wasser. Für Skizzen aus Asche. Zusammen mit Ingo Ekert, einem Freund aus alten Biker-Tagen, schmeißt Mike, wenn er mal wieder aus Berlin flüchtet, die Reutlinger Hotrod-Schmiede Daredevils, spritzt militärischen Stacheldraht und Rasierklingen so plastisch auf den Tank, dass die Maschine keine Diebstahlsicherung braucht. Und er appliziert diese aparten Flammenmuster an Karosse oder Tank. Für manche ist das Mode, für Mike ein bisschen mehr: Symbol für den Monstercrash, was denn sonst.www.endorphinebank.dewww.rodncustom.de

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